Dramatische Flucht aus Oberschlesien

Kriegsende 1945

Günther Lehmann ist ein waschechter Legdener. "Mich kennt hier fast jeder", sagt er. "Als Elektriker kam ich ja in jedes Haus." Seine offene und fröhliche Art wird geschätzt. Zehn Jahre saß er für die UWG im Gemeinderat. Die Wurzeln des 82-Jährigen aber liegen im oberschlesischen Gleiwitz, das heute zu Polen gehört. Erst Krieg, Flucht und Vertreibung führten ihn und seine Familie ins Münsterland.

LEGDEN

, 04.02.2015, 18:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zunächst hängt der Krieg für Günther und seine drei Geschwister nur an der Wand im Schlafzimmer: Ihr Vater hat dort eine große Russlandkarte aufgehängt - mit den prophetischen Worten: "Oh dieses große Russland, wenn das nicht für eine Nummer zu groß wird." Mit Nadeln steckt er den Frontverlauf ab, der alle paar Stunden aus dem "Volksempfänger" tönt.

Günthers älterer Bruder Gerhard wird zum Russlandfeldzug einberufen. Als er zum Urlaub bei seiner Familie weilt, will der kleine Bruder wissen, wie es denn im Krieg so vor sich geht: "Aber da war von Begeisterung keine Spur. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Bruder gesehen habe. Er liegt auf dem Klosterberg in Monte Cassino in Italien begraben."

Keine Luftangriffe

Luftangriffe wie auf westdeutsche Städte gibt es in Gleiwitz nicht. "Wenn sich einmal ein paar Bomber nach Gleiwitz verirrt hatten, gab es auch bei uns Alarm. Für mich war das da noch eine lustige Sache, da im Luftschutzkeller viel erzählt wurde." Das Grauen des Krieges rückt aber näher. Das zeigen immer bedrohlicher die Nadeln auf der Landkarte im Schlafzimmer. Die ersten Fluchtwellen erreichen Gleiwitz. "Es war ein Chaos", erinnert sich Günther Lehmann.

Besonders ist ihm diese Erinnerung haften geblieben: "Es war um den 20. Januar 1945, als eine Elendskolonne unter Bewachung deutscher Soldaten durch unsere Straßen in Richtung Westen zog. Diese etwa 200 bedauernswerten Männer in abgerissener Sträflingskleidung und ramponierten Schuhwerk bei minus 20 Grad, die kaum noch laufen konnten, boten einen erbärmlichen Anblick und hat uns alle sehr erschrocken. Wir fragten uns ,Was haben diese Menschen eigentlich verbrochen, dass man sie so behandelt?' Wir haben wohl vom KZ Auschwitz gehört, aber nicht gewusst, welche Verbrechen an diesen Menschen begangen wurden."

Russische Panzer

Am 26. Januar rollen russische Panzer durch Gleiwitz. "Da konnten wir nur noch beten", so Günther Lehmann. "Wir hatten durch Vertriebene gehört, dass die Russen in Ostpreußen furchtbar gewütet hatten." Ende Februar 1945 werden in Gleiwitz alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren in einem Lager unter freiem Himmel interniert.

Auch Günther Lehmanns Vater. Der zwölfjährige Günther fährt zwei Tage mit seinem Tretroller zu diesem Lager und bringt dem Vater etwas zu essen. "Am dritten Tag war das Lager leer und ich konnte nur sehr sehr traurig wieder nach Hause fahren." Seinen Vater hat Günther Lehmann nie wieder gesehen.

Suche nach Nahrung

Günthers Mutter muss die Familie nun alleine durch eine schwierige Zeit bringen. In Gleiwitz herrscht Chaos. Die Suche nach etwas Essbaren beherrschte die Tage. Und die Angst vor marodierenden russischen Soldaten die Nächte. "Es war grausam, wenn des nachts diese betrunkenen Horden loszogen und man die Menschen in den Häusern Hilfe schreien hörte." Geplündert wurde auch die Wohnung der Lehmanns. Doch dabei blieb es: "Uns persönlich haben die Russen nichts getan."

Nachdem die deutsche Schule in Gleiwitz aufgelöst und die deutsche Sprache verboten wurde, flüchtet die Familie zunächst zu Verwandten nach Niederschlesien. Dort drohen polnische Plünderer die Familie zu erschießen. Am 7. März 1946 überbringen polnische Soldaten frühmorgens den Befehl: "In einer Stunde unten im Tal antreten!" In Viehwaggons werden die Deutschen abtransportiert. "Wir wussten nicht ob nach Sibirien oder nach Westen." In Magdeburg die Erleichterung. Es geht westwärts, bis nach Rheine und von dort aus nach Laer.

Flüchlinge gut aufgenommen

"Wir sind sehr gut aufgenommen worden", sagt Günther Lehmann, der weiß, dass nicht alle Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen wurden. In Laer absolviert er die Elektrikerlehre, später wird er Meister. 1957 zieht Lehmann nach Legden. Hier hat er seine neue Arbeitsstelle bei Michely und Grethen. Hier gründet er seine eigene Familie. Und hier muss er manches Mal an seine Mutter denken.

"Ich habe ihr das leider zu Lebzeiten nie gesagt. Ich habe es erst so richtig gemerkt, als ich meine Lebenserinnerungen aufgeschrieben habe: Der Ehemann von den Russen verschleppt, drei Söhne im Krieg mit zwei Kinder auf der Flucht - es ist bewundernswert, dass sie in dieser Not nicht verzweifelt oder zerbrochen ist."

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