Ehrenamt mit Kamm und Bürste

Gertrud Bogenstahl

Ingrid Pfund sitzt still, die Augen genießerisch geschlossen. Hinter ihr steht Gertrud Bogenstahl, dreht vorsichtig die Lockenwickler aus und kämmt ihr die Haare. "Jetzt bin ich schick fürs Wochenende", sagt die Seniorin lächelnd. Gertrud Bogenstahl macht mit ihrem Ehrenamt Menschen glücklich.

LEGDEN

, 09.12.2016, 17:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ingrid Pfundt ist eine von vielen Frauen auf der Station 4 im Altenwohnhaus St. Josef, die sich auf den Donnerstagmorgen freuen, wenn statt des Frühstücks erst einmal Frisieren auf dem Tagesplan steht. Umringt von Bewohnern, die ihren Kaffee trinken und Brote essen, steht Gertrud Bogenstahl da. Auf dem Tisch neben ihr Lockenwickler, Haarspray, Kamm und eine Trockenhaube.

Jeden Donnerstag um 7.30 Uhr kommt die Legdenerin, "seit es das Altenwohnhaus gibt". Manchmal frisiert sie zwei Frauen, manchmal sind es sieben. Höchstens ein, zwei Mal habe sie gefehlt. "Sie verlassen sich darauf, dass ich komme", sagt Gertrud Bogenstahl und ergänzt: "Urlaub mag ich nicht so gerne." Es ist ein Gang, der ihr leicht fällt. "Ich bin gerne mit alten Menschen zusammen. Wenn die sich freuen, freue ich mich auch." Nicht jeder hat Verständnis für dieses ehrenamtliche Engagement: "Manche lachen mich aus dafür", erzählt sie. "Da reagiere ich aber gar nicht drauf."

Schicke Frisur hilft

Es ist nicht viel, es ist nur eine schicke Frisur - für die Seniorinnen ist es viel mehr. "Wir sind alt", sagt Brigitta Hanisch, während sie wartet, dass sie an der Reihe ist, "aber deshalb müssen wir ja nicht so aussehen, wie man meint, dass man im Altenheim herumläuft." Sie überlegt einen Moment und sagt vehement: "Nach wie vor sind wir noch Menschen." Und wenn man beobachtet, wie sich Haltung und Ausstrahlung nach der halben Stunde verändern, weiß, was eine gut sitzende Frisur ausmachen kann. "Man fühlt sich besser", sagt Brigitta Hanisch.

Jeder Handgriff sitzt bei Gertrud Bogenstahl. Das war am Anfang nicht so. "Ich bin da so reingerutscht", erzählt sie. Ursprünglich kam sie ins Altenwohnhaus, um Rollstuhlfahrer bei Spazierfahrten zu begleiten.

Gespräch auf Platt

Dann wurde sie wegen des Frisierens angesprochen. Die 84-Jährige, der man ihr Alter nicht ansieht, kennt viele im Altenwohnhaus, kommt auch zum monatlichen Geburtstagskaffee, immer bereit zu einem Plausch. "Ich habe mich bereits angemeldet", erzählt sie, dass sie irgendwann später einmal auch hier leben will. Inzwischen hat Gertrud Bogen-stahl Antonia Reckers die Haare auf Wickler gedreht.

Ein paar Sätze auf Platt wechseln die beiden Frauen, das muss sein. Dann geht es unter die Trockenhaube. Die ist jetzt schon eine ganze Weile an diesem Morgen fast ununterbrochen im Einsatz. "Früher hatte ich hier zwei Hauben mehr, aber sie sind kaputt gegangen", berichtet Gertrud Bogenstahl. Jetzt hat sie Sorge, dass die lange Heizdauer auch der letzten Haube schadet.

Freude der Frauen als Lohn

Während Antonia Reckers unter der Haube sitzt, ist Ingrid Pfund an der Reihe. Morgens hat sie sich die Haare gewaschen, jetzt bekommt auch sie eine schöne Lockenfrisur. "Sie nimmt nichts dafür", sagt sie leise und zeigt zu Gertrud Bogenstahl, "das gefällt mir nicht." Hilft aber nichts.

Gertrud Bogenstahl ist einer der vielen Ehrenamtlichen, die im Altenwohnhaus St. Josef auf vielfältige Weise helfen. Ihr Lohn ist die Freude der Frauen. Und deren blindes Vertrauen in ihre Frisierkunst. Ein Spiegel findet sich nicht in ihren Frisierutensilien.

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