Ein Freiherr ohne Fische, ein Mann erkennt seinen Deutz und ein Portemonnaie geht verloren

mlz#teinetuckert

Fast schon chaotisch verlief der Donnerstagmorgen für mich. Obwohl ich früh aufgestanden bin, gerate ich in Zeitdruck und verliere dann auch noch irgendwo im Nirgendwo mein Portemonnaie

Legden

, 12.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es gibt Tage, aus denen könnte man drei machen. Eigentlich will ich mir am Donnerstagvormittag nur ein Brötchen kaufen und ein paar Zeilen Text schreiben. Als ich bezahlen möchte, greife ich ins Leere. Weder in der Hose noch in der Jackentasche finde ich mein Portemonnaie. Panik macht sich breit. Das muss mir irgendwo auf dem Weg aus der Tasche gefallen sein. Aber der Reihe nach...

Am Mittwochabend bin ich an meinem Schlafquartier im Beikelort angekommen. Dort bei Familie Schulze-Beikel hatte ich schon im vergangenen Jahr bei #teinetippelt für eine Nacht geschlafen. Als ich Simone Schulze-Beikel vor einigen Tagen zufällig getroffen habe, habe ich ihr versprechen müssen, jetzt wieder vorbeizukommen.

Kein Problem. Ich lenke meinen Traktor auf den Hof und mache dort Feierabend. Ein launiger Abend mit Simone und Antonius Schulze-Beikel am Küchentisch folgt.

Ein Freiherr ohne Fische, ein Mann erkennt seinen Deutz und ein Portemonnaie geht verloren

Gefährlicher Schulweg an der K33: Auf Legdener Seite fehlt immer noch der Radweg. © Stephan Teine

Morgens früh um 7 Uhr, ich konnte dort in der Schoppe schlafen, klingelt mein Wecker. Ich habe an diesem Tag einiges vor, deswegen will ich mich eigentlich beeilen. Doch wie es eben immer so kommt, wir verquatschen uns schrecklich beim Frühstückskaffee. Erst um kurz vor 9 Uhr sitze ich wieder auf dem Trecker und donnere mit Vollgas in Richtung Egelborg.

Fahrt führt erstmal zum Haus Egelborg

Dort sollte ich mal vorbeifahren, hatte mir Antonius noch mit auf den Weg gegeben. An der Wasserburg angekommen, kommt Clemens Freiherr von Oer durch den Torbogen. Ich hatte mich schon bei ihm angekündigt.

Über 100 Forellen haben ihm Unbekannte aus seinem Teich gestohlen. „Die hatte ich dort ausgesetzt und regelmäßig gefüttert“, erklärt er. Vergangene Tage hat er dann plötzlich drei tote Fische am Ufer gefunden. „Von den anderen Tieren fehlte jede Spur“, sagt er.

Ein Freiherr ohne Fische, ein Mann erkennt seinen Deutz und ein Portemonnaie geht verloren

Clemens Freiherr von Oer vor dem Teich, aus dem ihm über 100 Forellen gestohlen wurden. Zur Polizei geht er nicht, weil die in seinen Augen Wichtigeres zu tun hat. Aber es ärgert ihn, bestohlen worden zu sein. © Stephan Teine

Der Freiherr geht davon aus, dass die Unbekannten nachts mit einem Elektrogerät die Fische erst betäubt und dann weggekeschert haben. „Die müssen mindestens zu zweit gewesen sein“, sagt er. Gesehen oder gehört hat er von der Tat allerdings nichts. „Ich möchte das Gelände nicht komplett abschließen und auch eine Videoüberwachung will ich nicht installieren“, sagt er.

Mit Elektrogeräten zu fischen ist übrigens verboten. „Die werden höchstens mal von den Behörden benutzt, um die Fische in einem Gewässer zu untersuchen“, erklärt er.

Polizei hat wohl Wichtigeres zu tun, als Fischdiebe zu jagen

Ist er zur Polizei gegangen? „Nein, ich bin mir sicher, dass die Wichtigeres zu tun haben, als nach ein paar Fischdieben zu suchen.“ Aber es störe ihn ganz einfach, bestohlen zu werden. Mit Wilderei hat er sonst keine Probleme auf seinen Ländereien. Vor 20 Jahren hat es das mal gegeben, seitdem ist eigentlich Ruhe. Er hofft nun, dass es sich bei dem Diebstahl um eine einmalige Sache gehandelt hat.

Ein Freiherr ohne Fische, ein Mann erkennt seinen Deutz und ein Portemonnaie geht verloren

Oldtimer vor historischem Gemäuer: Clemens Freiherr von Oer hat mir ausnahmsweise mal erlaubt, mit einem „Auto“ seinen Innenhof zu befahren. © Stephan Teine

Ich verabschiede mich, nachdem ich meinen Traktor noch einmal im Innenhof der Egelborg fotografieren durfte. Weiter geht mein Weg in Richtung Legden. Ich liege gut in der Zeit. In einer Bäckerei möchte ich meine Unterwegsredaktion aufbauen und dabei noch eine Tasse Kaffee trinken.

Portemonnaie bleibt erstmal spurlos verschwunden

Doch mein Portemonnaie ist verschwunden. Spurlos. Gut, die Herfahrt war teilweise etwas holperig auf Kopfsteinpflaster und Wirtschaftswegen. Trotzdem kann ich mir nicht erklären, wie das Portemonnaie aus der Tasche gerutscht sein kann. Nach dem ersten Schrecken rufe ich bei Simone Schulze-Beikel an. Nein, bei ihr liegt die Patte auch nicht mehr. Sie will mir aber suchen helfen und macht sich auf den Weg.

Ich tuckere ihr entgegen und halte krampfhaft Ausschau. Nichts. Bange 30 Minuten vergehen, bis das Telefon klingelt. Es ist Simone mit der erlösenden Nachricht: „Ich hab es gefunden. Das lag am Wegesrand im Gras.“ Mir fällt der sprichwörtliche Felsbrocken vom Herzen. Ich fahre weiter in Richtung Beikelort.

Vorbesitzer erkennt seinen alten Deutz am Motorgeräusch

Nachdem sie mir mein Portemonnaie wiedergegeben hat, will ich gerade wieder umdrehen, als ich einen Mann vor seiner Hofeinfahrt stehen sehe. Er winkt. „Das ist doch mein alter Deutz“, ruft er mir zu. Tatsächlich: „Mein“ D15 stand von Anfang der 1970er-Jahre bis 1995 auf dem Hof von Bernhard und Marlies Teriet im Beikelort.

„Ich weiß noch genau: Damals hat mein Vater den Traktor für 4000 Mark gekauft“, erinnert sich der heute 67-Jährige. Parallel dazu haben sie ihr Pferd verkauft, das bis dahin für die Feldarbeit eingesetzt wurde.

„Unsere Kinder haben den Deutz immer Fifi oder Filius genannt“, sagt Marlies Teriet. Am Morgen habe sie ihn noch am Geräusch erkannt, als ich an ihrem Hof vorbeigetuckert bin. Doch so schnell sei sie nicht vor die Tür gekommen.

Schrammen erzählen von einem bewegten Trecker-Leben

Bernhard Teriet sieht sich den Oldtimer genauer an. „Die Schramme hier kommt von dem alten Verdeck, das der Traktor damals noch hatte“, sagt er und fährt mit dem Finger über die Motorhaube. Dass die übrigens etwas schief auf dem Traktor sitzt, hat einen ganz einfachen Grund: Bevor die Teriets, sie sind übrigens die dritten Besitzer, den D15 gekauft haben, durfte ein kleiner Junge damit spielen. „Und der hat da eben ein paar mächtige Beulen reingefahren“, sagt Marlies Teriet.

Als sie den Traktor kauften, kam eine neue Haube drauf. Allerdings von einem größeren Traktor. „Ein D18 oder D20, glaube ich“, sagt Bernhard Teriet. Die passte natürlich nur so ungefähr. Doch der Traktor versah treu und brav seinen Dienst. „Der ist immer 1a gelaufen“, sagt er und erkundigt sich, ob das heute auch noch so ist. Ich kann nicht klagen.

Er erinnert sich auch noch an weitere Anbauteile: Mähwerk, Pflug, Gitterräder, Verdeck - der Deutz hatte damals Vollausstattung. Die Teile wurden nach und nach abgebaut. 1995 haben sie den Traktor dann endgültig verkauft. Auch die Landwirtschaft haben sie aufgegeben. „Das lohnte sich einfach nicht mehr“, erklärt Bernhard Teriet.

Er schwelgt noch einen Moment in Erinnerungen, dann muss ich mich leider schon verabschieden. Durch die Portemonnaie-Suche ist mein Zeitplan völlig durcheinander geraten. Also wieder auf den Weg nach Legden.

Einladung von einem Unimog-Fan

Kurz bevor ich dort eintreffe, erreicht mich eine Einladung von Alfred Wemhoff. Der Lkw-Händler mit einem großen Faible für alte Unimogs hätte mich auch gerne einmal bei sich. Kein Problem, so groß ist der Umweg nicht.

Ein Freiherr ohne Fische, ein Mann erkennt seinen Deutz und ein Portemonnaie geht verloren

Alfred Wemhoff damals und heute: Als kleiner Junge erlebte er mit, wie sein Vater 1955 den ersten Unimog gekauft hat. Die Liebe zu dem besonderen Fahrzeug hat er sich bis heute erhalten. © Stephan Teine

Alfred Wemhoff hat der Unimog zum Erfolg geführt. „Der hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen“, sagt er und deutet auf ein altes Bild von 1955. Darauf zu sehen: Der wenige Jahre alte Alfred Wemhoff auf der Ladefläche eines Unimogs. Am Steuer sein Vater. „Der hat damals für seinen Landhandel den ersten Unimog gekauft“, erzählt Alfred Wemhoff.

Dreimal so teuer wie ein normaler Traktor, aber auch deutlich schneller, stärker und flexibler. „Und der Fahrer konnte trocken sitzen“, sagt er und deutet auf mein Traktor-Cabrio. Den Freiluftplatz im Regen hatte ich noch am Mittwochabend genießen dürfen. Für den Unimog also ganz klar ein riesiger Vorteil.

Entlang der B474 reihen sich etliche Unimogs, Scania-LKW, ein Löschfeldfahrzeug und ein geländegängiger Armee-Lastwagen aneinander. Ist das alles nur Liebhaberei? „Nein, das könnte ich nicht verantworten“, sagt Alfred Wemhoff, der das Unternehmen in der dritten Generation führt. Natürlich gehöre Liebhaberei dazu, aber in erster Linie handelt er mit den Fahrzeugen.

Kontakte in aller Welt, aber vor allem in Europa

Kontakte hat er weltweit. Viele Fahrzeuge gehen nach Europa, aber auch Afrika oder Südamerika gehören mit zum Kundenkreis. Bei manchen Spezialmaschinen, etwa dem Löschfeldfahrzeug aus Belgien, müsse er einfach zuschlagen. „Aber nur mit dem nötigen Gottvertrauen, dass wir irgendwann dafür einen Kunden finden“, sagt er. Auf dem Hof wird da gerade ein uralter Mercedes-Lastwagen verladen.

Über die vergangenen 30 Jahre hat er den Handel so ausgebaut, wie er heute dasteht. „Früher waren wir ein reiner Land- und Futtermittelhandel“, sagt er. Doch diese Märkte hätten sich verschoben. „Darauf mussten wir reagieren.“ Nichts sei beständiger als die Veränderung. Seine Söhne sehen das genauso und sind schon in den Betrieb mit eingestiegen. Und auch die fünfte Wemhoff-Generation, heute gerade 16 Monate sowie wenige Wochen alt, sollen einmal mitarbeiten. „Diese Familientradition fortzuführen, ist mir sehr wichtig“, sagt Alfred Wemhoff.

Verspätete Schreibpause beim Bäcker - mit Portemonnaie

Kurz nach dem Mittag verabschiede ich mich. Ich versuche es nochmal in der Bäckerei von heute Morgen. Dieses Mal mit Portemonnaie. Ich muss jetzt endlich ein paar Texte schreiben, bevor ich mich auf den Weg nach Heek mache.

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