Emeritierter Pfarrer Hermann Hinse im Interview: „Ich begrüße die Kirchenaustritte“

Katholische Kirche

Während sich Bistümer Sorgen um schwindende Mitgliederzahlen machen, gibt es an der Basis andere Überlegungen. „Weniger ist mehr“ ist ein Stichwort, das in Legden zu hören ist.

Legden

, 20.10.2018, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Emeritierter Pfarrer Hermann Hinse im Interview: „Ich begrüße die Kirchenaustritte“

Diakon Josef Honermann (l.) und Pfarrer Hermann Hinse im Gespräch © Ronny von Wangenheim

Im Kreis Borken haben 892 Menschen im Jahr 2017 ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklärt. Die Gottesdienstbesucher werden weniger. Die Entwicklung macht den Bistümern landesweit seit Jahren Sorgen. „Macht gar nichts“, sagt Pfarrer Hermann Hinse: „Ich begrüße Kirchenaustritte.“ Im Gespräch mit Diakon Josef Honermann und Redakteurin Ronny von Wangenheim, zeigt der emeritierte Pfarrer, immerhin 92 Jahre alt, erstaunlich radikale Gedanken.

Herr Hinse, wie beobachten Sie Kirche, wie beobachten Sie die Kirchenmitglieder?

Hinse: Die Kirche ist in einer Krise. Ich erlebe auf der einen Seite sehr engagierte Kirchenmitglieder, zum Beispiel bei der Erstkommunion- und Firmvorbereitung, im Pfarreirat, Lektoren oder Kommunionhelfer. Aber das sind sehr kleine Kreise. Bei vielen Kirchenmitgliedern merke ich Gleichgültigkeit oder auch Überdruss, besonders beim Gedanken an Rom.

Gerade jetzt hat das Thema sexueller Missbrauch die Kirche wieder in den Fokus gerückt.

Hinse: Die schreckliche sexuelle Missbrauchs-Geschichte in der katholischen Kirche ist selbstverständlich nicht von Gott gewollt, aber von ihm zugelassen. Vielleicht ist es ein Dämpfer für die Selbstherrlichkeit und den Triumphalismus dieser Kirche. Aber ich spüre, dass für manche Kirchenmitglieder die Kirche so gleichgültig geworden ist, dass sie sich über ihre Missstände gar nicht mehr aufregen. Manchmal kommen ungebremster Spott und eine zerstörerische Kritik mitsamt Schadenfreude dazu.

Honermann: Das Missbrauchsthema gärt seit vielen Jahren, ist immer noch nicht aufgeklärt. Dass da immer noch vertuscht wird, regt aber viele Menschen auch auf. Es ist weiterhin Thema in unserer Gemeinde: zum Beispiel auf dem Nachbarschaftsfest: „….und die predigen uns die Nächstenliebe! Und selbst?“ Zerstörtes Vertrauen kann die Kirche eben nicht so leicht wieder aufbauen, die Glaubwürdigkeit ihrer Amtsträger ist dahin.

Herr Hinse, was wäre die Konsequenz?

Hinse: Warum treten diese Mitglieder nicht aus der Kirche aus? Ich sehe die Kirchenaustritte positiv.

Wie das?

Hinse: Wenn Menschen eine solche ehrliche, aufrechte Entscheidung treffen, wird Kirche viel glaubwürdiger.

Sie verweisen dabei auf Jesus Christus...

Hinse: Ja, als damals die Menschen ihn verließen, fragte er seine Apostel: „Wollt auch ihr mich verlassen?“ Er sagte nicht: Bleibt doch bei mir, lasst mich nicht im Stich. Er sagte auch: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Man braucht nur sehr wenig Salz.

Was muss Kirche also tun?

Hinse: Kirche muss weniger darauf bedacht sein, attraktiv zu sein, als vielmehr alternativ. Dadurch wird sie glaubwürdig. Dadurch kann sie wie ein Leuchtturm wirken.

Also nicht für die Kirche werben?

Hinse: Einladen ja, aber nicht vereinnahmen, nicht wie in der Werbeindustrie. Auch außerhalb der Kirche gibt es Menschen, die aus dem Geist des Evangeliums leben.

Honermann: Die Kirche hat ein Relevanzproblem. Wofür brauche ich Kirche? Wo kann sie mir helfen, dienen, Heil und Trost sein? Was will sie? Die Kirche gibt Antworten auf Fragen, die die Menschen nicht stellen. Deren tatsächliche Lebensthemen und Probleme werden nicht aufgegriffen.

Ein Beispiel bitte.

Honermann: Ein Ehepaar, das sich scheiden lässt und in dieser Situation Rat und Perspektive braucht, würde nicht zu einem katholischen Seelsorger gehen.

Ihnen fehlt also Profil?

Honermann: Ich habe einen schönen Satz gehört: Wir sollten nicht der Postbote des Glaubens sein, sondern der Geburtshelfer.

Hinse: Ja, die Kirche braucht ein klares Profil. Wir müssen eine Botschaft anbieten, die mit der Welt heute zu tun hat. Und die muss man nicht mundgerecht in Wellness-Gottesdiensten servieren. Ich würde mir wünschen, dass solche Ideen auch in den Pastoralplan, der in Legden entsteht, aufgenommen werden.

Wie sieht denn in Legden die Entwicklung aus? Die Statistik sagt, dass es 2017 in der Gemeinde 19 Austritte gab, aber immerhin 5436 Menschen Mitglied der katholischen Kirche waren.

Honermann: In ländlichen Gebieten ist die Scheu auszutreten, bislang größer als in Großstädten. Die bundesdeutsche Entwicklung erreicht Legden mit Verzögerung. Wir sind hier eine junge Gemeinde, viele lassen ihre Kinder taufen, heiraten kirchlich. Aber die Zahl der Sakramentsempfänger generell ist stark rückläufig. Es gibt auch immer mehr Beerdigungen ohne Kirche und für freie Eheschließungen entwickelt sich auch ein Trend.

Sie haben ja gerade wieder mit der Firmvorbereitung begonnen und setzen fort, dass die Jugendlichen erst ein Jahr später, also mit 16 Jahren zur Firmung gehen, sich also bewusster für oder gegen die Firmung entscheiden. Wie hat sich das ausgewirkt?

Honermann: Wir waren gewohnt, dass jährlich rund 60 Jugendliche zur Firmung gingen, also fast alle, die wir eingeladen haben. Dieses Jahr hat sich nur die Hälfte zurückgemeldet. Ich war zunächst geschockt, da hat mich das eigene Wort vom „weniger ist mehr“ eingeholt. Das tut erst mal weh, wir hatten so eine hippe Einladung gemacht. Aber jetzt ist es okay! Die Katecheten haben gemerkt, diese 30 sind motiviert, frei im Geist, aktiv und engagiert. Das macht Spaß. Eigentlich müsste man das Alter noch weiter hochsetzen, auf 18 oder 20 Jahre.

Das klingt doch sehr gut.

Hinse: Bei aller Kritik: Ich finde, die Kirche war noch nie seit der Urkirche so lebendig, so vital wie heute.

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