Daniela Balloff und Dr. Volker Schrage © Laura Schulz-Gahmen
Impftermine

Legdener Allgemeinmediziner zur Impfsituation: „Dadurch entsteht Chaos“

In vielen Arztpraxen laufen die Telefone heiß, alle möchten einen Impftermin. Dabei haben die Mitarbeiterinnen und Ärzte noch andere Aufgaben. Zudem wird Impfstoff nicht gleichmäßig geliefert.

Die dritte Welle der Coronapandemie scheint derzeit abzuebben, die Inzidenzen sinken und Lockerungen machen sich breit. Dazu kommt noch die steigende Zahl der geimpften Menschen. Trotzdem herrscht vielerorts Unmut bei Patienten, die sich vergeblich um einen Impftermin bemühen. Das weiß auch Dr. Volker Schrage aus Legden.

„Die Leute sind ungehalten, aber sie sind zum Teil auch noch nicht dran“, sagt Dr. Volker Schrage im Gespräch mit der Redaktion. Er ist nicht nur stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL), sondern auch Arzt in einer Gemeinschaftspraxis in Legden.

„Jeder hat Recht auf Impfung, nur nicht sofort“

„Wenn die Priorisierung ganz aufgehoben ist, was am 7. Juni der Fall sein wird, dann müssen Ärzte priorisieren“, so der Allgemeinmediziner. Die Ärzte kennen ihre Patienten und deren Krankenakten und sind deshalb in der Lage dazu. Sie entscheiden dann nach ärztlichem Ethos.

„Jeder hat ein Recht auf Impfung, nur nicht sofort“, betont der Legdener. Die Länder haben die Hoheit innerhalb der Prioritäten zu entscheiden. „Die Prioritäten eins und zwei waren wichtig, dadurch wurde die absolute Todesrate deutlich gesenkt“, so Schrage. Jetzt gehe es darum, in die Breite zu gehen.

Stehen ganz weit oben in der Statistik

Daniela Balloff, Geschäftsführerin der Hausarztpraxis Münsterland und Medizinisch Technische Assistentin, spricht dem Kreis Borken ein großes Lob aus: „Das Engagement der Ärzte im Kreis ist enorm. Da stehen wir ganz weit oben in der Statistik.“

Dr. Volker Schrage stimmt ihr zu: „Das fluppt hier mit dem Gesundheitsamt und dem Impfzentrum.“ Die Impfzentren in der Region leisten gute Arbeit seit dem 8. Februar 2021. In Westfalen-Lippe seien in den Zentren bereits 2,8 Millionen Menschen geimpft worden. In den Arztpraxen wurden seit dem 1. April 2021 etwa 1,5 Millionen Menschen geimpft. Seit dem 27. Dezember 2020 wurden 650.000 Menschen durch mobile Teams geimpft.

Keine gleichmäßigen Lieferungen an Praxen

Trotzdem laufen die Menschen Sturm, sie wollen einen Impftermin. Und da liegt das Problem. Der Bund verteilt den Impfstoff auf die Länder. Diese verteilen den Impfstoff an die Impfzentren und an die mobilen Impf-Teams. Die Ärzte aber bekommen ihren Impfstoff über die Apotheken. Und in den Praxen fehlt es oft an Impfstoff, weil sie nicht gleichmäßig und regelmäßig beliefert werden.

„Und dadurch entsteht Chaos“, so Schrage. Es gibt aktuell 16.000 Haus- und Fachärzte, die vertraglich mit der KVWL zusammenarbeiten und impfen. „Die impfen zum großen Teil wöchentlich“, sagt Volker Schrage. NRW liegt im bundesweiten Vergleich auf Platz zwei, was die Impfmenge angeht. „Etwa die Hälfte der Menschen in Westfalen Lippe hat zumindest die erste Impfdosis erhalten.“

Patienten haben hohe Erwartungen

Gründe für Impfchaos gibt es laut Dr. Volker Schrage drei: „Unregelmäßige Impfstofflieferung, ständig neue Bestimmungen, wie Impfverordnungen und wechselnde Priorisierungen, und die wechselnden Zulassungen.“ Das sei frustrierend.

Aber die Arztpraxen stellen sich dem enormen Druck mit viel Engagement. „Bei den Patienten wurden hohe Erwartungen geweckt, wie etwa die Aufhebung der Impfpriorisierung“, sagt Volker Schrage. Das heiße aber nicht, dass sofort alle Menschen geimpft werden. Vielen Patienten fehle verständlicherweise die Einsicht, dass jetzt erst einmal die Impflinge Vorrang haben, die zum zweiten Mal geimpft werden.

Medizinisch Technischen Assistentinnen zeigen Engelsgeduld

Auch in den Arztpraxen wird der Druck höher. Zwar gebe es zumindest in der Hausarztpraxis Münsterland bisher keine Bedrohungen oder Bestechungen, aber der ein oder andere Patient reagiere schon ungehalten, wenn er keinen Impftermin bekommt.

Ein größeres Problem in Arztpraxen seien viel eher die vielen Telefonate: „Als der Impfstoff von Astrazeneca für alle freigegeben wurde, gab es hunderte von Anrufen in allen Praxen“, sagt Daniela Balloff im Gespräch mit der Redaktion. Aber die Medizinisch Technischen Assistentinnen zeigen eine Engelsgeduld. „Die generelle Stimmung ist super, die Leute, die sich impfen lassen und die Impfenden haben Freude“, so Balloff weiter.

Es gibt noch andere Aufgaben als das Impfen

Nur die ganze Bürokratie sei neben den alltäglichen Aufgaben in einer Arztpraxis enorm. Zwar wurde die bereits reduziert, „aber es ist immer noch mehr Aufwand als bei einer anderen Impfung“, sagt Dr. Volker Schrage. Viele würden vergessen, dass es neben den Impfungen auch noch viele andere, corona-unabhängige Aufgaben gibt.

Etwas Druck aus den Arztpraxen könnte genommen werden, „wenn man nicht so viele Ankündigungen von Seiten der Politik machen würde“, resümiert Dr. Volker Schrage im Gespräch mit der Redaktion.

Über die Autorin
Redakteurin
Laura Schulz-Gahmen, aus Werne, ist Redakteurin bei Lensing Media. Vorher hat sie in Soest Agrarwirtschaft studiert, sich aber aufgrund ihrer Freude am Schreiben für eine Laufbahn im Journalismus entschieden. Ihr Lieblingsthema ist und bleibt natürlich: Landwirtschaft.
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Laura Schulz-Gahmen

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