Liebe Rika, wir erinnern uns

Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Sechs Stolpersteine stehen für sechs Legdener Bürger. Sie wurden in Auschwitz, Riga und Stutthof ermordet. Am Samstag, 27. Januar, wird allerorts an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Auch in Legden.

LEGDEN

, 30.01.2018, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
An die vier Mitglieder der Familie Seligmann erinnern die Stolpersteine an der Hauptstraße 22.

An die vier Mitglieder der Familie Seligmann erinnern die Stolpersteine an der Hauptstraße 22. © Ronny von Wangenheim

Liebe Rika! Dein gütiger, aber auch herausfordernder Blick war es, der uns dazu brachte, Dir alles zu erzählen, was wir über Dich und andere jüdische Familien in Legden herausfinden konnten.“ So schrieben es Legdener Schüler der Anne-Frank-Realschule vor gut zehn Jahren im ersten von vielen fiktiven Briefen an Rika Seligmann, die 1944 im KZ Stutthof ermordet wurde.

„Wir erinnern uns, liebe Rika“, könnte Heinz Kroschner heute einen Brief beginnen. Für den Legdener Heimatverein geht er an diesem 27. Januar, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, auf einen Rundgang durch Legden. Die sechs Stolpersteine, an denen viele achtlos vorbei gehen, hat er vorher extra noch mal poliert. Die Fakten auf den Steinen sind knapp: Name, Geburtsjahr, Deportation, Ermordung oder das Überleben sind dokumentiert. Heinz Kroschner kann diese Daten mit Leben füllen, unter anderem dank der Recherchen der Schüler und ihres Lehrers Hermann Löhring, die sich in dem bemerkenswerten Buch „Briefe an Rika“ wiederfinden.

„Zur Wachsamkeit mahnen“

Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“, hatte Bundespräsident Roman Herzog 1996 die Einführung des Gedenktags begründet. Der Gefahr der Wiederholung entgegenzuwirken, das ist auch für Heinz Kroschner und den Legdener Heimatverein Grund, wieder am 27. Januar zu Information und Gespräch einzuladen. Er weiß, dass es kein leichtes Thema ist, weiß, dass hier Kinder, Enkel, Urenkel der Geschichte ihrer Vorfahren begegnen. Den Teilnehmern, die im vergangenen Jahr dabei waren, so erzählt der Heimatforscher, war es wichtig, Flagge zu zeigen.

Eine Station ist das Haus an der Hauptstraße 22. Es sieht fast noch so aus wie zu der Zeit, als Rika Seligmann mit zwei Geschwistern hier aufwuchs. Ihr Vater war Viehhändler, ein angesehener Bürger, der sich ins Gemeindeleben einbrachte. „Man erzählt, er habe sich gut mit den Landwirten verstanden, er galt als gerecht“, erzählt Heinz Kroschner. Und er war großzügig, versorgte beispielsweise das Krankenhaus mit Spenden und Fleisch. Im November 1938 wird ihr Haus angezündet. Rika Seligmann wird von den Feuerwehrleuten klitschnass gespritzt, während sie das Haus bewusst vollständig unter Wasser setzen.

Sie erkennen die Zeichen. Und sind doch fast alle nicht entkommen. Moritz Seligmann stellt 1941 einen Ausreiseantrag nach Südamerika. Mit Tochter Rika zieht er dann zu Verwandten nach Burgsteinfurt, wird zwei Monate später mit vielen anderen Juden ins Ghetto nach Riga deportiert. 1943 nimmt er sich das Leben. Rika wird von Riga ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gebracht, wo sie am 8. Dezember 1944 ermordet wird. Sie wird 45 Jahre alt. Ihr Bruder Karl, acht Jahre jünger, hätte es fast geschafft. Er flieht nach Holland, hat schon eine Schiffspassage Richtung Palästina gebucht und wird dann doch ins Lager Westerbork gebracht. 1942 lässt er in Auschwitz wahrscheinlich in der Gaskammer sein Leben.

Überlebende in Horstmar

Einzige Überlebende der Familie ist Grete Eichenwald, geborene Seligmann, die mit Mann und zwei Kindern in Horstmar lebt. Zeitzeugen, so erzählt Heinz Kroschner, erinnern sich an die Kinder, mit denen sie bei deren häufigen Besuchen auf der Straße spielten. Auch sie kommen nach Riga, wo sie getrennt werden. Der Ehemann stirbt in Buchenwald, die Kinder, 11 und 13 Jahre alt, in Auschwitz.

Grete Eichenwald kehrt zurück nach Legden, kämpft um Wiedergutmachung. „Sie fand wenig Gehör“, weiß Heinz Kroschner. Sie wandert nach Chile aus. Überliefert ist ihr Satz: „Im Land der Mörder meines Vaters, meiner Geschwister, meines Mannes und meiner Kinder will ich nicht mehr leben.“ Hier aber bleibt zur Erinnerung: der jüdische Friedhof, die Namen der Opfer auf der Gedenktafel zum Zweiten Weltkrieg, sechs Stolpersteine und „Briefe an Rika“.

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