Darum ist Dorf Münsterland jetzt Behandlungszentrum für Corona-Patienten

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Eigentlich wird hier gefeiert. Jetzt aber arbeiten hier Menschen in Schutzkleidung. Das Dorf Münsterland ist ein Corona-Behandlungszentrum. Patienten aus dem ganzen Kreis können hierherkommen.

Legden

, 25.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Festscheune im Dorf Münsterland: Vor den Nischen hängen schwarze Vorhänge. Dahinter sind Schreibtische, Computer, Behandlungsliegen, Schutzausrüstungen. Wo sonst Partygäste feiern, werden jetzt Patienten behandelt, die mit dem Coronavirus infiziert sein könnten.

Mittwoch, 16 Uhr, ist der Startschuss. Kurz vorher richten Mitarbeiter der Hausarztpraxis Münsterland aus Legden den Raum am Eingang als Büro ein. Eine Plexiglasscheibe als Schutz ist angebracht. Hier werden die Patienten aufgenommen. In der Festscheune stehen wenige Stühle für die Wartezeit.

Behandlungszentren in Legden, Bocholt und Dülmen

Das Dorf Münsterland ist eines von drei Behandlungszentren, die die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) in der Region einrichtet. Zwei weitere entstehen in Bocholt im Europahaus und in Dülmen. Viele Ärzte aus der Region machen mit.

Behandlungszeiten

  • Das Behandlungszentrum am Haidkamp 1 ist jeden Tag geöffnet, auch am Wochenende, immer von 9 bis 12 und 16 bis 19 Uhr.
  • Patienten müssen ihre Krankenversicherungskarte mitbringen. Eine Überweisung ist nicht erforderlich.

Hierher werden die Ärzte aus dem Kreis ab sofort Patienten schicken, die eine respiratorische Symptomatik zeigen, die sich also mit dem Coronavirus infiziert haben könnten und entsprechende Symptome haben. Hierher können aber auch Patienten von sich aus kommen, die glauben, sich angesteckt zu haben.

Hausarztpraxis Münsterland macht den ersten Dienst

„Wichtig ist: Wir weisen niemanden ab, wir klären die individuellen Probleme, geben den Patienten die richtige medizinische Einschätzung und sorgen für die weitere Behandlung“, betont Dr. Volker Schrage aus Legden, zweiter Vorsitzender der KVWL. Die Hausarztpraxis Münsterland aus Legden von Schrage und Bernd Balloff stellt die erste Mannschaft, die sich um Patienten kümmert. Bernd Balloff war als leitender Arzt bei den Vorbereitungen dabei.

Für Patienten führt der Weg vom "Wartezimmer" Parkplatz in die Festscheune.

Für Patienten führt der Weg vom "Wartezimmer" Parkplatz in die Festscheune. © Ronny von Wangenheim

In dem Behandlungszentrum in der Festscheune werden die Patienten untersucht, eventuell gleich in ein Krankenhaus weitergeleitet oder in die häusliche Quarantäne und ambulante Behandlung geschickt. Hier bekommen sie die notwendigen Rezepte und Bescheinigungen für die Arbeitsunfähigkeit. Auch getestet werden soll hier demnächst. Noch aber, so Martina Schrage, Geschäftsführerin des Gesundheitsnetzes Gemeinsam Westmünsterland, fehlen die Teströhrchen.


100 Ärzte und MTA machen bereits mit

Seit Anfang der Woche, in kurzer Zeit also, wurde der Aufbau von der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Kreis Borken organisiert. Martina Schrage und Daniela Balloff vom Gesundheitsnetz Gemeinsam stecken als Koordinatoren mitten drin in der Organisation. „100 Ärzte und Medizinisch-Technische Assistenten machen bereits mit“, sagt Martina Schrage. Aber sie wird weiter herumtelefonieren, damit der Kreis der Akteure noch größer wird.

Am Anfang stehen ein Arzt und zwei MTA bereit. Bei Bedarf könnten weitere Fachkräfte dazu kommen. Und das es mehr Patienten werden, davon gehen alle aus. „Wir bereiten uns auf jede Menge Menschen vor“, sagt Martina Schrage.

„Wir müssen die Behandlung der mit dem Coronavirus infizierten Menschen konzentrieren“, erläutert Dr. Dirk Spelmeyer, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. „In dieser besonderen Situation ist vor allem neues Denken gefordert, auch in unseren Behandlungszentren.

Arztpraxen können sich jetzt besser um nicht-infizierte Patienten kümmern

Martina Schrage erläutert, dass es mehrfachen Nutzen gibt. Zum einen wird den Menschen eine sichere Anlaufstelle geboten. Zum anderen aber werden auch die Arztpraxen entlastet. „Viele nicht-infektiöse Patienten kommen zurzeit nicht mehr in die Praxis“, erzählt sie, wie es in der Legdener Praxis und allen anderen Praxen aussieht. Präventive Behandlungen, Impfungen zum Beispiel, werden lieber zuhause. Aber auch schwerer Erkrankte beispielsweise wegen Herzerkrankungen meiden den Weg zum Hausarzt, so Martina Schrage, was dann im schlimmsten Fall negative Folgen für denjenigen hat.

Die Wahl auf das Dorf Münsterland fiel schnell. „Unsere Gegebenheiten bieten sich an“, sagt Christian Biehl, Direktor vom Dorf Münsterland, „Wir haben genügend Räume, unser Betrieb ist geschlossen“. Für ihn sei es wichtig, Solidarität zu zeigen und einen Beitrag zu leisten. Die Festscheune bot mit ihren Nischen eine gute Möglichkeit, Behandlungsräume einzurichten. Hier kann der größtmögliche Abstand gehalten werden.

Parkplatz wird zum riesigen Wartezimmer

Das größte Pfund vielleicht ist der große Parkplatz vor der Tür. Er wird zum riesigen Wartezimmer werden. Hier kommt das Deutsche Rote Kreuz ins Spiel. Der Kreisverband übernimmt es, die Patienten bereits auf dem Parkplatz zu empfangen und sie zu bitten, eventuell im Auto zu warten. „Wir holen sie dann ab“, erläutert DRK-Gruppenführer Christoph Voß.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe teilt am Mittwoch mit, dass bislang 35 Diagnosezentren innerhalb weniger Tage von den niedergelassenen Ärzten eingerichtet wurden, in denen ausschließlich Abstriche und Testungen auf das Vorliegen einer Corona-Infektion erfolgen. Jetzt sollen nach und nach die Behandlungszentren der KVWL die weitere Versorgung von Coronavirus-Patienten sowie von Patienten mit respiratorischer Symptomatik übernehmen. Legden und Bocholt sind wohl erst der Anfang.

„Meilenstein“ im Kampf gegen Corona

Für den KV-Vorsitzenden Spelmeyer ist die Errichtung der Behandlungszentren ein weiterer Meilenstein im Kampf gegen die Corona-Infektion. „Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben in den letzten Wochen Großartiges geleistet. Nirgendwo fehlt es an freiwilligen Medizinern und Medizinischen Fachangestellten aus den Praxen.“ Allein in einer Woche, so Spelmeyer in einer Pressemitteilung, hätten sich in Westfalen-Lippe mehr als 1000 Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinische Fachangestellte zum Einsatz in den Behandlungszentren gemeldet.

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