New York in Zeiten von Corona: Raphael Pier aus Asbeck ist mittendrin

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Raphael Pier lebt in New York. Der Asbecker erzählt, wie er in der Filmbranche arbeitet. Und wie es sich in Zeiten von Corona lebt. Er sagt: Nicht alles, was in Deutschland zu lesen ist, stimmt.

Legden

, 07.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Raphael Pier (27) lebt seit September 2018 in New York. Mit vier Kollegen und Freunden hat er die Produktionsfirma „Reel Eyes Production LLC“ aufgebaut. In Zeiten von Corona erlebt er seine neue Heimat unter anderen Vorzeichen. Jetzt erzählt er im Interview von seiner Arbeit in der Filmbranche und von einer gespenstischen Stille über der Stadt, die niemals schläft.

? Wie ist das Leben in New York in Zeiten von Corona?

Das Leben hier hat sich innerhalb kurzer Zeit schlagartig verändert, ähnlich wie in Deutschland. Allerdings hat es sich hier in New York extremer entwickelt und die Ausmaße sind deutlich zu sehen und zu spüren. Wir hatten die Entwicklung in Europa im Februar verfolgt, aber da schien es noch weit entfernt und beinahe surreal.

Besonders die Gefahr, die von Corona ausgeht, und die Maßnahmen, die in die Wege geleitet wurden (zum Beispiel in Italien), so schätze ich, sind von vielen hier nicht so wahrgenommen worden. Die Zeit zwischen dem ersten bestätigten Fall in New York City und dem Shutdown des öffentlichen Lebens schien rasend schnell voran zu schreiten.

? Wie wirkt sich das aus?

Zunächst wurden alle Etablissements wie Bars, Restaurants, Kinos, der Broadway und so weiter geschlossen (Restaurants sind weiterhin offen für Takeout und Delivery), was in dieser Stadt beispiellos ist. Als dann die nicht wesentlichen Arbeitnehmer beauftragt wurden, von Zuhause zu arbeiten und die markanten Orte dieser Weltmetropole, wie zum Beispiel der Times Square, menschenleer waren, hat es auch die letzten Zweifler erahnen lassen, dass dies eine Pandemie ist, die jeden und besonders New York treffen kann.

Raphael Pier und seine Mitbewohnerin Celena Urabe auf dem One World Trade Center mit Manhattan im Hintergrund.

Raphael Pier und seine Mitbewohnerin auf dem One World Trade Center mit Manhattan im Hintergrund. © privat

Zuletzt konnte man sich langsam an die neuen, täglichen, horrenden Zahlen und Meldungen etwas gewöhnen. Allerdings liegt eine gespenstische Stille über dieser Stadt, die niemals schläft. Durchbrochen von sich ständig wiederholenden Sirenen der zahlreichen Krankenwagen, die normalerweise auch zu hören sind, aber nun aufgrund der Stille besonders deutlicher und häufiger zu hören sind. Lediglich Busse, Uber/Taxen, die Züge des Subway-Systems und Delivery-Fahrer auf E-Bikes sind die letzten regelmäßigen Fahrzeuge, die hier verkehren.

? Wie beobachten Sie, wie in Deutschland auf New York geschaut wird?

Manche Berichterstattung über New York ist doch sehr panisch und teils übertrieben. Ich bekomme mehrfach täglich Nachrichten von Freunden in Deutschland, die fragen, ob die Lage tatsächlich so dramatisch ist, wie sie es aus den Berichten entnehmen.

Zu Reel Eyes Productions LLC gehören: (v.l.) Celena Urabe, Erica Huang, Raphael Pier, Timothy Blank und Gustaf Boman.

Zu Reel Eyes Productions LLC gehören: (v.l.) Celena Urabe, Erica Huang, Raphael Pier, Timothy Blank und Gustaf Boman. © privat

Ja, sie ist sehr dramatisch, wenn es um die Krankenhäuser und das generelle Gesundheitssystem geht und die hohen geradezu explodierenden Krankheitsfälle und leider auch die Verstorbenenrate, aber es gibt keine Panik auf den Straßen und leergefegte Regale (in den meisten Delis, Bodegas und normalen Supermärkten zumindest). Hier distanziere ich mich von der Berichterstattung von einigen zum Beispiel deutschen Boulevard-Zeitungen. Es herrscht keine Art von Panik oder um eine berühmte (berüchtigte) Boulevard-Zeitung zu zitieren: ,Es fühlt sich an wie im Katastrophenfilm‘.

? Wie ist es also auf den Straßen von New York?

Es ist still auf den Straßen, keine Musik oder Gespräche aus Bars und Restaurants, zwei Meter Sicherheitsabstand für jeden, Begrenzungsbestimmungen in Geschäften und nun auch Maskenschutz und Handschuh-Empfehlungen für jeden, aber dennoch Hilfsbereitschaft an allen Ecken und Enden, seit Tagen pünktlich um 19 Uhr Applaus aus allen Fenstern und Dächern für alle, die täglich diese Stadt am Laufen halten und die Natur meldet sich zurück.

Ich höre seit geraumer Zeit verschiedene Vögel zwitschern, die ich in meinen 19 Monaten hier noch nie gehört habe, und die Luft ist ebenfalls die klarste, die ich hier je erlebt habe. All das ist für mich kein Katastrophenfilm-Zustand. New Yorker halten zusammen, und es wird sich gegenseitig geholfen, wo man nur kann.

Auf den Kanälen der sozialen Medien gab es Respekt vor der Reaktion und dem Umgang der Situation in unter anderem Südkorea und Deutschland und zum Beispiel der Rede Angela Merkels. Besonders, da hier die Menschen im liberalen New York seit Jahren nun eine nicht gerade stabile Regierung mit einem Oberhaupt erleben, dass dieser Krisensituation nicht gerecht wird.

? Wie ist Ihr Leben zurzeit?

Außer Haus zu gehen, ist derzeit nur für das Nötigste (Supermarkt, Laundry Shop oder Haushaltswaren) angebracht und dann auch nur mit Maske und Handschuhe.

Um etwas frische Luft zu bekommen, nutzen meine Freundin/Mitbewohnerin Celena Urabe und ich das Dach oder gehen zum Joggen nachts raus zum East River Park, der dann menschenleer ist.

Tagsüber gibt es leider immer noch viele unbelehrbare, die in Massen durch die Parks ziehen, sodass ein Mindestabstand leider nicht möglich ist. Knappheit von bestimmten Produkten ist nicht wirklich vorhanden und die Vermieter verhängen keine Verspätungsgebühren bei der Miete oder in manchen Fällen setzen diese sogar ganz aus.

Ich persönlich kann mich glücklich schätzen, dass ich sowohl eine sehr gute Mitbewohnerin und auch zwei Katzen um mich herum habe, sodass die Zeit im Apartment nicht erdrückend wirkt. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es derzeit ist, diese Situation alleine durchstehen zu müssen, egal wie introvertiert jemand sein kann.

? Erzählen Sie doch bitte von Ihrem Leben in New York vor Corona.

Ich lebe hier seit September 2018. Ich habe zunächst die New York Film Academy besucht und dort ein einjähriges intensives Conservatory Program im Bereich Filmmaking durchgemacht. Ich arbeite nun als Filmmaker und Produzent in diversen Bereichen der Branche.

Im Winter haben ich und vier Freunde, Celena Urabe (USA), Erica Huang (USA), Timothy Blank (USA) und Gustaf Boman (Schweden) eine Produktionsfirma „Reel Eyes Production LLC“ gegründet, die sich zunächst auf die direkte Arbeit am Set konzentriert und in Zukunft dann auch die Pre- und Postproduction übernehmen soll. Wir arbeiten mit unserem Equipment (und bei Bedarf Leihequipment) in den verschiedenen Positionen wie Director, Assistant Director, Camera, Assistant Camera, Sound Mixer, Gaffer (Beleuchtung/Licht) und Grip.

Raphael Pier und seine Kollegen beim Filmdreh.

Raphael Pier und seine Kollegen beim Filmdreh. © privat

Bevor der Virus unser Branche lahmgelegt und sämtliche Projekte bis auf weiteres verschoben hat, haben wir hauptsächlich an Kurzfilmen gearbeitet, aber auch Commercials, Musikvideos und Feature Films (Spielfilme) im Blick gehabt.

? Ist es nicht schwer, in der Filmbranche Fuß zu fassen?

Die Branche und die Kunstwelt in dieser Stadt ist natürlich reichlich gesäumt und die Konkurrenz üppig, aber anders als in anderen Branchen, ist alles dennoch sehr familiär und man hilft sich gegenseitig aus. Wenn alles wieder im normalen Zustand ist, werden wir hoffentlich unsere Firma expandieren können.

? Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich habe vor, auch in Zukunft hier zu leben und zu arbeiten, wenn es die Rahmenbedingungen zulassen. Dies würde für mich allerdings nicht bedeuten, Asbeck den Rücken zuzukehren, sondern vielmehr wenn möglich es zu besuchen, so wie auch Besuch aus Deutschland hier immer gerne willkommen ist.

Ein weiterer Zukunftsplan ist neben meinen vielen Kurzfilmen, die ich bereits persönlich gedreht oder dran gearbeitet habe, einen Feature-Film zu drehen und dabei Asbeck als einen der Stand- und Drehorte einzufügen.

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