Siebtklässler hören zum ersten Mal vom Nationalsozialismus auf historischer Spurensuche

mlzStolpersteine

EInige Siebtklässler hat sich auf historischen Stadtrundgang entlang der Stolpersteine begeben. Allerdings ohne Vorwissen zum Nationalsozialismus oder zur Judenverfolgung.

Legden

, 21.11.2018, 15:41 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist bereits die sechste Klasse von insgesamt sieben an der Sekundarschule, die sich an dem Projekt beteiligen: Einblick in das Leben und auch das Sterben der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Diesmal ist es die 7 b, die am Kirchplatz eintrifft, um sich gemeinsam mit Pastoralreferent Daniel Tenbrink und dem pensionierten Realschullehrer Hermann Löhring auf Spurensuche zu begeben.

Vor zehn Jahren hatte Löhring an der Anne-Frank-Realschule in Ahaus mit seinen Schülern zu dem Thema geforscht und sogar ein Buch herausgebracht. „Briefe an Rika“ beschäftigt sich detailliert mit den Schicksalen der beiden jüdischen Legdener Familien Rosenbaum und Seligmann. Pastoralreferent Tenbrink fand in Löhring genau den passenden Ansprechpartner, um das Projekt zu realisieren: „In der Pfarrgemeinde war uns klar, dass Gottesdienste vielleicht nicht mehr die zeitgemäße Form sind, um Jugendliche zu erreichen.“

Keine Ahnung von Nationalsozialismus und Judenverfolgung

Hermann Löhrings Anliegen ist es nämlich, die Erinnerung wachzuhalten. So auch an diesem Dienstagmorgen, an dem ein eisiger Ostwind durch Legdens Straßen fegt. Der November, der Monat, in dem sich die Pogromnacht zum 80. Mal gejährt hat, erschien zudem als genau der richtige Zeitpunkt.

Das Wort kennt eigentlich keiner der Gruppe und den Ort, an dem die Stolpersteine in Legdens Gehwegen verlegt wurden, erst recht nicht. Diese Wissenslücke kann der pensionierte Lehrer und „Stadtführer“ Löhring bereits bei seiner kleinen Einführung in der Pfarrkirche schließen. Andere allerdings nicht.

Wie sich herausstellt, hat kaum ein Schüler etwas von der Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung gehört. Bestenfalls der Name Hitler kommt einigen bekannt vor. Ein Problem, dessen sich nicht nur Daniel Tenbrink und Hermann Löhring, sondern auch Klassenlehrerin Claudia Böckmann bewusst sind. Im Religionsunterricht beschäftige man sich zwar gerade mit den unterschiedlichen Religionen, aber ob das Judentum schon Thema war, kann sie nicht sagen. Wohl aber das: „Wir haben uns überlegt, dass wir das Thema in der Schule noch weiter aufgreifen werden.“

Auch in Legden brannten am 9. November 1938 Häuser

Bleibt an diesem Tag also erst einmal die Aufgabe für Hermann Löhring, die Schüler an die Orte zu führen, an denen die jüdischen Familien früher lebten. Anhand der vor den Häusern verlegten Stolpersteine und weiterer mitgebrachter Dokumente erzählt er ihre Geschichten. Die von Verfolgung, Verachtung bis hin zur Vernichtung, und die vom Überleben einiger weniger.

Löhring berichtet von den schlimmen Ereignissen in den Ghettos und KZs und auch denen vor Ort, als am 9. November 1938 auch in Legden die Häuser der jüdischen Familien brannten und die Feuerwehr nicht aktiv wurde. Er nennt Beispiele von mutigen Bürgern und feigen Nazis.

Appell gegen Rassismus jeder Art

Und auch wenn die Jungen und Mädchen mit den Begriffen wie Nazis oder SS nichts anfangen können, sicher wird ihnen in Erinnerung bleiben, dass hier großes Unrecht geschehen ist. Dass sie sich gegen Unrecht stellen, ob gegen Juden oder andere Minderheiten, – Löhrings abschließender Appell richtete sich klar gegen Rassismus jeder Art.

Für die Schüler, wie einige sagten, eine interessante Schulstunde. Angesichts des wirklich eisigen Windes allerdings sei es enorm schwer gewesen, sich darauf zu konzentrieren.

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