Sekundarschule, Gesamtschule, Realschule oder doch auf jeden Fall das Gymnasium? Für Eltern ist es keine leichte Entscheidung, die richtige Schule für ihr Kind zu wählen.

Legden, Ahaus

, 22.01.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 6 min

Eigentlich könnte Petra Hruby (41) das Thema Schulwechsel gelassen angehen. Ihre Tochter Lotta, das wurde bereits beim Elternsprechtag im Herbst signalisiert, ist auf dem Gymnasium gut aufgehoben. Doch die Legdenerin sagt: „Wir haben uns schon unter Stress gesetzt, auch wenn eigentlich alles klar ist.“

Bereits im Herbst, als beim ersten Elternsprechtag des vierten Schuljahrs die Schullaufbahn Thema war, so erzählt sie, kam leichte Unruhe in der Klasse an der Brigidenschule auf. Allein die vielen Termine... Wohin geht deine Tochter, dein Sohn? Was gibt es für eine Empfehlung? Das war häufig Gesprächsthema. „Es ist schließlich eine wichtige Entscheidung für die Zukunft unserer Kinder“, sagt Petra Hruby. „Und jeder will das Beste für sein Kind.“

Jetzt kurz vor den Halbjahreszeugnissen wissen die Eltern und Kinder meistens schon mehr. Und doch ist da manchmal noch eine kleine Ungewissheit, welche Empfehlung denn jetzt gegeben wird. Silvia Florack, Leiterin der Brigiden-Grundschule in Legden, beschreibt: „Jetzt, Richtung Zeugnisse, spürt man schon den Druck. Die Kinder werden kribbeliger, unruhiger.“ Und manchmal liege es auch daran, dass die Eltern mehr möchten, als die Kinder leisten können.

Eltern sollen Empfehlungen ernst nehmen

Die Empfehlungen der Grundschulen sollten Eltern sehr ernst nehmen. Das sagt zum Beispiel Bärbel Fleer, Leiterin der Anne-Frank-Realschule in Ahaus. „Die Lehrer an den Grundschulen haben die Kinder vier Jahre intensiv kennengelernt, kennen auch die Familien.“ Sie nennt ein zweites Kriterium: das Bauchgefühl. Wo kann sich das Kind am besten entwickeln, kann es selbstständig arbeiten, braucht es die Unterstützung der Familie oder wäre der festere Rahmen eines Ganztags gut. Braucht der Sohn, die Tochter noch etwas Zeit, weil das Kind für sein Alter noch verspielt ist. Als das sind Fragen, die bedacht werden müssen.

Bärbel Fleer, Leiterin der Anne-Frank-Realschule, und Schulsozialpädagogin Bianca Harpering

Bärbel Fleer, Leiterin der Anne-Frank-Realschule, und Schulsozialpädagogin Bianca Harpering © Ronny von Wangenheim

Und dann wird immer noch ein Grund für die Schulwahl genannt: Viele wollen unbedingt mit ihren Freunden weiter zur Schule gehen. Bei anderen Familien, wie bei den Hrubys, sind es die Erzählungen und Erfahrungen der Eltern, die durchaus zur Entscheidung beitragen. Lotta Hruby zum Beispiel wird auf dem Canisius-Gymnasium angemeldet. Dort, wo auch ihre Mutter schon zur Schule ging. Und das gerne.

Manche Kinder wollen keinen gebundenen Ganztag

Petra Hruby schätzt das Konzept der Schule, die „Kümmer-Kultur“ dort. Einmal im Jahr besucht die Legdenerin immer noch den Basar an dem Ahauser Gymnasium, trifft dort ehemalige Lehrer und Mitschüler. Und Lotta und ihre kleinere Schwester Helena sind dann auch dabei, sind also schon mit der Schule etwas vertraut.

Sie haben auch über die Gesamtschule gesprochen, erzählt Petra Hruby und Lotta schüttelt sofort energisch den Kopf. Nein, da will sie auf keinen Fall hin. Sie will an eine Schule ohne gebundenen Ganztag. Dreimal in der Woche spielt sie in Holtwick in der E-Jugend der Fußball-Mädchenmannschaft, sie geht zum Turnen und lernt Saxofon. Dafür will Lotta auch weiter viel Zeit haben.

Dass manche Mütter nachmittags Zeit für ihre Kinder haben, weil sie in Teilzeit arbeiten, führt oft auch zu einer Entscheidung für die Ahauser Anne-Frank-Realschule, sagt Bärbel Fleer. Im Schnitt ist hier nur einmal in der Woche nachmittags Unterricht. Mehr Freizeit steht auf der einen Seite. Auf der anderen Seite, so Bärbel Fleer, wird von den Kindern verlangt, dass sie selbstständig arbeiten und ihre Hausaufgaben bewältigen können.

Anders am Alexander-Hegius-Gymnasium. Hier sieht der gebundene Ganztag drei lange Tage vor, die um 15.20 Uhr enden. Für Schulleiter Michael Hilbk hilft der Ganztag beim Übergang, und das nicht nur bei der schulischen, sondern auch bei der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder.

Die meisten Eltern vertrauen dem Urteil der Grundschullehrer

Eine Nachfrage der Münsterland Zeitung bei verschiedenen Schulen in Ahaus und Legden zeigt, dass die meisten Eltern tatsächlich dem Urteil der Grundschullehrer vertrauen. Denn folgen müssen sie der Empfehlung nicht, die ist nicht verbindlich.

Silvia Florack leitet die Brigidenschule in Legden.

Silvia Florack leitet die Brigidenschule in Legden. © Ronny von Wangenheim

Eigentlich dürfte niemand vom Zeugnis und der Empfehlung überrascht werden. „Die Eltern gehen mit offenen Augen durch die Grundschulzeit“, sagt Silvia Florack. Sie werden, so betont die Leiterin der Brigidenschule , über die gesamte Grundschulzeit über die Schullaufbahn ihrer Kinder informiert. Immer im November stellt die Schulleiterin bei einem Elterninformationsabend den Eltern der Viertklässler die verschiedenen Schulformen vor. In groben Zügen, wie sie sagt, denn die weiterführenden Schulen laden die Eltern der Viertklässler ebenfalls ein. Und bei dem Elternsprechtag im Herbst wird dann schon darüber gesprochen, in welchem Zweig die Lehrer die Kinder sehen.

Viele Termine auf dem Weg zur Schulwahl

Informationsabende und Tage der offenen Tür an den weiterführenden Schulen sind weitere Stationen auf dem Weg zur Schulanmeldung. Ein guter Termin ist inzwischen der „Treffpunkt Schule“ im November in Ahaus, wo sich die weiterführenden Schulen aus Ahaus, seit zwei Jahren aber auch aus Legden und Heek, mit ihren verschiedenen Ausrichtungen und Schwerpunkten vorstellen.

„Natürlich wünschen sich Eltern eine höhere Schulbildung für ihre Kinder“, sagt Silvia Florack. Doch nur selten werde ein Kind auch in diese Richtung gedrängt. „Aber natürlich haben wir auch beratungsresistente Eltern.“

Schulleiter Michael Hilbk und Anja Pudlatz, zuständig für die Erprobungsstufe am Alexander-Hegius-Gymnasium, in einem der Ganztags-Räume.

Schulleiter Michael Hilbk und Anja Pudlatz, zuständig für die Erprobungsstufe am Alexander-Hegius-Gymnasium, in einem der Ganztags-Räume. © Ronny von Wangenheim

Diese wenigen Fälle erlebt beispielsweise auch Michael Hilbk, Leiter des Alexander-Hegius-Gymnasiums. „Manche können die Empfehlung schwer nachvollziehen“, sagt er. Im Gespräch, das zur Anmeldung dazu gehört, erläutert er dann gerne noch einmal die Unterlagen der Grundschule, zu der neben dem Halbjahreszeugnis auch die Begründung für die Empfehlung zählt, ein kleines Gutachten also. Das ist erst einmal, genauso wie bei einem Arbeitszeugnis, positiv formuliert. Aber Hilbk liest genau heraus, ob ein Kind auch abseits der Noten die notwendigen Kompetenzen für das Gymnasium hat oder ob es mit der Empfehlung oder der eingeschränkten Empfehlung für das Gymnasium bereits am Rande der Kapazitäten angekommen ist.

Manchmal bestehen Eltern auf dem Gymnasium, auch wenn Michael Hilbk dies nicht so sinnvoll findet. „Ich biete dann auch an, sich noch einmal im Mai/Juni über den Entwicklungsstand zu unterhalten und zu sehen, wohin die Tendenz geht“, erzählt er.

Überforderte Kinder verändern sich

Wenn Kinder überfordert sind, wenn sie in vielen Fächern 4, 5, oder sogar 6 stehen, dann schalten sie häufig innerlich ab. Manche geraten häufiger in Streitigkeiten, werden aggressiv. So sagt es Bianca Harpering, Schulsozialpädagogin an der Anne-Frank-Realschule. Andere ziehen sich völlig zurück, werden dadurch leicht zu Mobbing-Opfern. Rückschläge wirken sich negativ aus. Auf das Kind und auf die Familie, die mit Druck. den das Kind spürt, leben muss oder sogar selbst Druck macht, um dem Kind zu besseren Noten zu verhelfen.

An der Realschule wie an allen anderen Schulen gibt es viele Programme, um den Kindern den Anfang zu erleichtern, sei es Hausaufgabenbetreuung, soziales Lernen oder eben auch die individuelle Beratung. Aber manchmal, da sind sich die Pädagogen aus den verschiedenen Schulformen einig, ist es das Beste, dem Kind einen Neustart an einer anderen Schule zu ermöglichen. „Wir nehmen dem Kind sonst die Kindheit“, sagt Michael Hilbk.

Beliebtheit der Schulen ändert sich immer mal wieder

Welche Schulen warum besonders beliebt sind, ist ein Mysterium, das sich auch die Fachleute in den Schulen nicht immer erklären können. Und wie es in diesem Jahr aussehen wird, mag auch niemand zu prognostizieren. Die Anne-Frank-Realschule musste im vergangenen Jahr ein Losverfahren ankündigen, weil sie nicht zum dritten Mal per Ausnahmeregelung eine sechste 5. Klasse einrichten durfte. Dem Losglück misstrauten offensichtlich Eltern. Die Folge: Die Anmeldungszahlen sanken auf 147 Schüler, die sich in fünf, allerdings sehr vollen Klassen, wiederfanden.

Dafür wollten 2018 mehr Kinder auf die Ahauser Irena-Sendler-Gesamtschule gehen. Sie musste deshalb im Sommer dank einer Ausnahmeregelung eine siebte Eingangsklasse bilden. Eventuell käme für sie in diesem Jahr ein Losverfahren in Frage.

Umgekehrt wurden am Alexander-Hegius-Gymnasium im Sommer 2018 nur drei Eingangsklassen gebildet. Damals war, so die Vermutung von Anja Pudlatz, zuständig für die Erprobungsstufe, noch nicht transparent, dass das Gymnasium wieder auf G 9 umgeschwenkt hat und damit die gymnasiale Schullaufbahn wieder nach 13 Schuljahren endet. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die meisten Eltern ihren Kindern Zeit geben wollen. Auch Petra Hruby war bei ihrer Entscheidung wichtig, dass das Gymnasium nicht nur acht Jahre, sondern neun Jahre anbietet.

Sekundarschule kämpft um Schüler

In Legden kämpft die Sekundarschule Legden-Rosendahl um Schüler. Hier brauchte es in den vergangenen zwei Jahren eine Ausnahmeregelung, damit die Schule nur zweizügig in die fünfte Klasse gehen konnte. Woran das liegt, darüber rätselt Schulleiter Axel Barkowsky. In den Köpfen der Legdener und Rosendahler, so eine Vermutung, sei noch das alte Hauptschul-Image verhaftet. Auch die zwei Standorte könnten manche Eltern stören. „Wenn mein Kind fahren muss, dann kann es gleich nach Ahaus fahren“, auch das hat er schon gehört.

Axel Barkowsky ist Leiter der Sekundarschule Legden Rosendahl.

Axel Barkowsky ist Leiter der Sekundarschule Legden Rosendahl. © Markus Gehring

Axel Barkowsky ist ein vehementer Verfechter der Sekundarschule, die es den Kindern erlaube, sich individuell zu entwickeln. Dass die Schule klein ist – in Legden werden die Jahrgänge 5 bis 7, in Rosendahl die Jahrgänge 8 bis 10 unterrichtet – findet er einen Vorteil.

Die Entscheidung für einen Schulzweig nach Klasse 4 „ist verfrüht aus meiner Sicht“. Er erzählt, dass in jedem Jahr nach der sechsten Klasse rund sechs bis sieben Schüler an die Sekundarschule wechseln, nach der achten Klasse noch einmal acht bis neun. Und darunter seien durchaus auch Kinder, die einmal mit einer rein gymnasialen Empfehlung die Grundschule verlassen haben. Im Jahrgang 10, der in diesem Sommer seinen Abschluss machen wird, sind 88 Jugendliche. Gestartet ist der Jahrgang mit 75.

Wenige Schüler wechseln nach der Erprobungsstufe

Ein bis zwei Schüler pro Klasse verlassen nach der Erprobungsstufe, also nach der sechsten Klasse, die Schule. So sagen es übereinstimmend Michael Hilbk für das Alexander-Hegius-Gymnasium und Bärbel Fleer für die Anne-Frank-Realschule. Ähnlich viele kommen aus anderen Schulen – von oben und unten – dazu. Denn es gibt natürlich auch Kinder, bei denen schnell feststeht, dass sie so stark sind, dass sie beispielsweise zum Gymnasium wechseln.

Ob Bärbel Fleer, Alexander Hilbk oder Silvia Florack: Die drei Schulleiter raten vor allem zu Gelassenheit. Bärbel Fleer betont, wie gut das Schulsystem, generell und speziell in Ahaus, sei. Auf jeden Fall ist es durchlässiger, als es die Eltern der Viertklässler aus ihrer Kindheit kennen. Und Alexander Hilbk betont: „Eltern sollten mit Ruhe an die Schulwahl herangehen. Druck hilft nicht.“

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