© Grafik: Martin Klose
Analyse

Corona in Castrop-Rauxel: Gute Aussichten – aber Vorsicht ist geboten

Die Corona-Zahlen in Castrop-Rauxel sinken ziemlich konstant. Unter den Menschen macht sich Öffnungseuphorie breit. Doch es gibt Warnsignale. Die Pandemie ist noch nicht überwunden. Eine Analyse.

Nie hat es in den vergangenen Monaten mehr Spaß gemacht, über die Entwicklung der Corona-Zahlen in Castrop-Rauxel zu berichten als zuletzt, sofern man von Spaß in diesem Zusammenhang überhaupt reden kann.

Die Zahlen sinken und sinken, in Castrop-Rauxel und im ganzen Kreis Recklinghausen. Gleichzeitig werden jeden Tag weitere Menschen geimpft oder bekommen sogar schon ihre zweite Impf-Spritze. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie überhaupt am Coronavirus erkranken können, noch mehr, dass sie schwer krank werden oder gar sterben, sinkt mit der Impfung erheblich.

Alles gut also im Kampf gegen Corona? Nur eine Frage der Zeit, bis das Virus ganz überwunden ist, alle Einschränkungen weg sind? Im Ergebnis mag das stimmen, aber es wäre fatal zu glauben, dass der Weg zu diesem Ziel ganz gerade und, um im Bild der Zahlen zu bleiben, stetig bergab verliefe.

Die Zahlen selbst sind das wichtigste Warnsignal

Denn es gibt Warnsignale. Das wohl wichtigste Signal sind die Zahlen selbst: Ja, sie sinken, aber immer noch befindet sich Castrop-Rauxel Stand Pfingstmontag auf einem Inzidenz-Stand von mehr als 70.

Das ist ein toller Wert verglichen mit den 206,3, den wir in der Stadt noch vor fünf Wochen, am 22. April, hatten. Aber wenn wir sehen wollen, wann der Wert in Castrop-Rauxel zuletzt noch niedriger war, müssen wir (leider) gar nicht so viel weiter zurückschauen. Es war der 12. März, an dem der Kreis Recklinghausen 69,2 meldete.

Und schon damals fing man mehr oder weniger offen an, darüber zu reden, ob wohl Ende März die Gastronomie wieder öffnen könne. Eine Hoffnung, die offensichtlich trog, wie wir heute wissen. Nur acht Tage später, am 20. März, war die 100er-Inzidenz-Grenze wieder überschritten.

Kleinerer Kreis kann heute Corona bekommen

Hinzu kommt, das wird allzu gerne übersehen: Aufgrund der vielen Impfungen können sich de facto viel weniger Menschen mit dem Coronavirus infizieren als noch vor kurzem. Das bedeutet: Wenn heute eine Inzidenz über 70 liegt, bedeutet das zwar grundsätzlich die gleiche Zahl an Neuansteckungen wie vor Monaten, aber der Kreis derer, die heute überhaupt Corona bekommen können, ist deutlich kleiner geworden. Mit anderen Worten: Die gleiche Zahl an Infektionen wie vor rund 10 Wochen konzentriert sich heute auf weniger Castrop-Rauxelerinnen und Castrop-Rauxeler als damals.

Zu beachten sind mindestens zwei weitere Dinge. Zum einen: Viele Lockerungen der strengen Corona-Regelungen sind noch frisch. Die Ausgangssperre ist erst seit wenigen Tagen aufgehoben, die Außengastronomie hat genauso kurz wieder geöffnet. Und, möglicherweise noch einschneidender, auch die Schulen haben vor nicht allzu langer Zeit wieder den Wechselunterricht begonnen.

Zuletzt sind die Infektionszahlen immer wieder stark gestiegen, sobald gelockert wurde. Es gibt keine Garantie dafür, dass dies nicht wieder passieren könnte. Zumindest sind die Inzidenz-Werte in den vergangenen Tagen nicht mehr so stark gefallen wie davor. Die Inzidenz im Kreis Recklinghausen bewegt sich seit Tagen zwischen 57 und 59, aber sie ist der 50 nicht wirklich näher gekommen. Es gibt einen immer noch hohen Sockel an Neu-Infektionen.

Impf-Strategie kommt ins Stocken

Der zweite Punkt: Eine Zeitlang konnte man den Eindruck bekommen, die Impfstrategie der Bundesregierung würde nach holprigem Start doch viel schneller ans Ziel gelangen, als zwischenzeitlich gedacht. Erst vergangenen Mittwoch wurden beispielsweise Hunderte Castrop-Rauxeler innerhalb kürzester Zeit in der St.-Antonius-Kirche in Ickern geimpft. Ende April konnte die KVWL gefühlt im Zwei-Tages-Takt neue Jahrgänge zur Impfung berechtigen.

Nun aber, just, da am 7. Juni die Priorisierung für alle Impfstoffe fallen soll, hapert es mit der Lieferung. Es ist praktisch unmöglich, aktuell in Impfzentren an Termine für die Corona-Erst-Impfung zu kommen, weil die Lieferungen stocken und die meisten Impfdosen für die Zweitimpfungen reserviert werden.

Das Glas ist mehr als halbvoll

Was bedeutet all das nun für die nächsten Wochen im Kampf gegen die Corona-Pandemie? Wir müssen weiter vorsichtig sein. Bei aller Kritik an den Corona-Maßnahmen, die immer wieder laut werden und die auch viel Frust geschuldet sind: Die Ideen, die hinter den Regeln stehen, sind sinnvoll. Um in den Genuss weiterer Schritte kommen, müssen wir weiter vorsichtig bleiben.

Die wichtigste Botschaft aber lautet: Die Zeichen auf Überwindung der Pandemie stehen viel, viel besser als vor wenigen Monaten. Mehr als 40 Prozent der Bewohner des Kreises Recklinghausen sind mindestens einmal geimpft. Außerdem sollte, so zeigen es die Erfahrungen von 2020, das wärmere Wetter bei der Bekämpfung der Pandemie helfen. Das Glas ist definitiv mehr als halbvoll.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock

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