Ulrich Dingebauer vor dem Auslauf für die Ferkel auf seinem Hof in Deininghausen: Der Landwirt aus dem Neuland-Verbund war Freitagabend Teil einer Talkrunde von Experten. © Tobias Weckenbrock
Viehhandel-Skandal

Dingebauer zum Tierwohl: Meine strengsten Kontrolleure sind die Kunden

Artgerechte Tierhaltung bringt heute viele Hürden mit sich. Nach dem Viehhandel-Skandal von Werne spricht Neuland-Landwirt Ulrich Dingebauer aus Castrop-Rauxel über sein Dogma und die Probleme.

Ulrich Dingebauer ist Landwirt. Seit den 80er-Jahren ist er Teil der Neuland-Initiative: ein Siegel, das die Messlatte für das Tierwohl in der Viehhaltung hoch anlegt. Seine Frau Ulrike verkauft das eigene Fleisch der Gänse, Hühner und Schweine und Rindfleisch aus Partnerbetrieben im Hofladen.

Ihre rund 180 Schweine leben zwar auch nur, um für die Fleischverarbeitung genutzt zu werden. Aber Dingebauers Dogma lautet: „Die Tiere werden ja geboren, um für unsere Nahrung zu sterben. Aber im Stück dazwischen sollen sie ein möglichst angenehmes und artgerechtes Leben führen. Und einen kurzen und schmerzlosen Tod, den wünschen wir uns alle.“

Mit dieser Einstellung war der Castrop-Rauxeler Bauer mit eigenem Hofladen Teil der Live-Talksendung „Wir müssen reden… über: Tierwohl“. Als einer von vier Experten unterhielt er sich, moderiert von Chefredakteur Jens Ostrowski, über die Vorfälle bei der Viehsammelstelle Mecke in Werne an der Lippe.

Dort waren in dieser Woche prekäre Umstände bekannt geworden: Mitarbeiter prügelten vor versteckter Kamera auf wehr- und hilflose Rinder ein, die vor der Schlachtung schwer und in niederträchtiger Weise misshandelt wurden.

Wie viele „Schwarze Schafe“ gibt es?

Einer derjenigen, die diesen Fall aufgedeckt hatten, war Tierschützer Friedrich Mülln, der gemeinsam mit der „Soko Tierschutz“, einem eingetragenen Verein, die Kameras installiert hatte und so die Ermittlungen der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft ins Rollen brachte.

Der insistierte in der Sendung, dass das System kaputt sei. Es gebe viel mehr als die oftmals als „schwarze Schafe“ bezeichneten Einzelfälle, weil von den Behörden nicht genau genug hingesehen werde. Und weil der Verbraucher, vor allem aber der Lebensmittel-Einzelhandel mit seinen fünf großen Playern in Deutschland, die 90 Prozent des Marktes bestimmten, dieses industrielle Fleischproduktions-System mit ihrem Preisdumping erst hervorgerufen und bis ins Letzte verroht hätten.

Ulrich Dingebauer wolle eine Lanze für die Landwirte brechen, sagte er. Es gebe nicht viele schwarze Schafe. „Viele Landwirte wollen ins Tierwohl einsteigen und entsprechende Ställe bauen. Die sind aber im Moment gar nicht genehmigungsfähig. Für neue Außenklimaställe müsste das Baurecht geändert werden.“ Das wüssten viele Menschen nicht. Oft hieße es dann: Die Bauern mauern. „Ich hab es damals einfach gemacht, dann war er da. Da hat nie jemand was gesagt, aber bei mir ist es auch ein kleiner Rahmen.“

Zur Frage nach der Strenge oder Laschheit der Kontrollen der Behörden sagte Dingebauer, dass sein Betrieb zum letzten Mal vor zwei Jahren vom Veterinäramt untersucht worden sei. Häufiger, mindestens einmal im Jahr, kontrolliere das Amt ihren Hofladen. „Glauben Sie mir: Das sind zwar Lebensmittelkontrolleure, aber die gehen auch über den Hof“, so Dingebauer in der Sendung. Bei ihm komme die regelmäßige Kontrolle, die er für die Mitgliedschaft im Neuland-Verbund benötigt, noch hinzu.

„Das Schwein wächst nur, wenn es gesund ist“

Das Wohlergehen seiner Tiere liege überdies in seinem Interesse: „Das Schwein soll Leistung bringen, indem es wächst. Das kann es nur als gesundes Tier, das sich wohl fühlt“, so Dingebauer. Seine Tierhaltung sei auf der Premiumstufe angesiedelt. „Die breite Masse der Landwirte kann das aber nicht machen, damit könnten wir Deutschland nicht ernähren.“

Seine eigene strengste Kontrollinstanz seien die Kunden: „Da geht nämlich die Frau in den Laden und der Mann in den Stall zu den Tieren. Der ist 24 Stunden geöffnet. Bei uns müssten Sie nicht einbrechen, um Kameras zu installieren – die Tür steht immer offen“, so Dingebauer in Richtung Tierschützer Friedrich Mülln.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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