Kinder auf dem Weg zur Grundschule Am Hügel in der Castroper Altstadt. © Tobias Weckenbrock
Schulweg-Sicherheit

Elterntaxis und die Gefahren für Kinder: Ein Morgen an einer Grundschule

Elterntaxis an Schulen sind vielen ein Dorn im Auge. Besonders wenn sie Unfälle verursachen, wie nun an einer Castroper Grundschule. Aber ist es hier morgens gefährlich? Wir waren vor Ort.

Sieben Jahre alt ist das Mädchen. Es wurde Ende September am Händelweg nahe der Grundschule Am Hügel leicht verletzt – von einem Auto, aus dem das Kind gerade erst ausgestiegen war. Beim Anfahren verwechselte die Fahrerin Rückwärts- und Vorwärtsgang. Das geht so aus einem Bericht der Polizei hervor.

Daraufhin meldeten sich Leser, die das Elternverhalten anprangerten: Warum kam es überhaupt zu diesem Manöver am Händelweg? Der ist eine Sackgasse am Ende der Holzstraße, östlich der Grundschule, in die man einfahren kann, um Kinder herauszulassen, aber aus der man dann rückwärts wieder raus oder anderweitig wenden muss. Eine unnötige Gefahr.


Denn wenige Meter von hier gibt es in der Holzstraße eine Eltern-Haltestelle. Hier steht extra ein Schild, hier ist der Gehweg-Bordstein mit Farbstreifen markiert. Hier können Eltern anhalten, das Kind herauslassen und einfach weiter fahren, ohne wenden zu müssen. Der Fußweg bis zum Schulhof: eine Minute.

Noch ein paar Meter weiter die Holzstraße herunter steht an der Kreuzung Frebergstraße ein etwas in die Jahre gekommenes Schild mit der Aufschrift „Walking Bus“. Hier können sich Kinder sammeln und gemeinsam die letzten Meter zur Schule gehen. Die Idee dahinter: Kinder in einer Gruppe werden leichter von Autofahrern gesehen als einzelne. Doch niemand versammelt sich an diesem Morgen, am Mittwoch (6.10.), hier.

Stefan Kröger parkt morgens unten an der Gaswerkstraße und bringt seinen Sohn Finn (6) dann den Hügel hinauf bis zum Schulhof.
Stefan Kröger parkt morgens unten an der Gaswerkstraße und bringt seinen Sohn Finn (6) dann den Hügel hinauf bis zum Schulhof. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Seitenwechsel zur Gaswerkstraße: Auf der Westseite der Schule führt die schmale Straße „Am Hügel“ den Berg herauf. Unten auf der Gaswerkstraße ist eine zweite Eltern-Haltestelle eingerichtet und viel Platz zum Halten und Wenden. Der Fußweg herauf dauert vielleicht vier Minuten. Mit dem Auto geht es schneller, aber oben endet die Straße „Am Hügel“ als Sackgasse.

Drei Mamas, drei Kinder – gemeinsam zu Fuß

Die Schule, sagen Eltern von Erstklässlern bei unserem Ortstermin, riet zu Schuljahresbeginn wiederholt davon ab, die Straße rauf zu fahren und die Kinder oben rauszulassen. Zum Schutz der Kinder, zum Wohle der Anwohner. Viele Eltern folgen diesem Rat. Wie die drei Mütter von Erstklässlern, die wir am Mittwoch um 7.50 Uhr den Rückweg herab begleiten.

Eine von ihnen kommt täglich mit dem Auto und trifft unten die zwei anderen Mütter und ihre Kinder. Vom Ende der Gaswerkstraße geht es für die Kinder den Hügel rauf. Auf der Ecke bleiben die Mamas stehen, den Rest gehen die Kinder schon allein.

Hier endet die Straße Am Hügel. Autos können hier nur schwer wenden, vor allem dann, wenn hier viele Kinder sind.
Hier endet die Straße Am Hügel. Autos können hier nur schwer wenden, vor allem dann, wenn hier viele Kinder sind. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

„Fühlen Sie sich sicher?“, fragen wir die Mütter: „Ja, wenn das Auto hier auf der Gaswerkstraße nicht gerade gefühlt 100, sondern die vorgeschrieben 30 gefahren wäre…“, sagt eine der drei.

Immer wieder seien sie auf die Elternhaltestellen hingewiesen worden. Das bestätigt Stefan Kröger, Vater von Finn (6). Er steigt unten an der Gaswerkstraße mit seinem Sohn aus. Dann gehen sie zu Fuß die 300 Meter „Am Hügel“ hinauf. „Nur wenn es morgens mal ganz knapp ist, fahren wir hoch“, sagt der Papa. „Aber das mit einem schlechten Gewissen.“ Sein Sohn trägt eine gelbe Warnweste. „Das sind ja keine zehn Minuten“, sagt Kröger – die Zeit nehme man sich halt. Und: „Das System mit den Eltern-Haltestellen finde ich gut.“

Wenn nur alle so dächten … Am Kopf der Sackgasse Am Hügel, dort, wo der direkte Zuweg zum Schulhof beginnt, steht Patricia Anders, die Schulleiterin. Sie steht dort jeden Morgen, trägt eine Warnweste, eine FFP-Maske und sagt: „Hier komme ich mit Eltern und Schülern in Kontakt.“

Ja, das bedeute für sie mehr Arbeit, aber wichtige Arbeit. Mit einem Auge sieht sie, was Autofahrer vor dem Schulgelände treiben. Mit dem anderen kümmert sie sich um ihre Schützlinge, begrüßt sie. „Aber entschuldigen Sie, ich muss jetzt los: Ich habe jetzt Unterricht“, sagt sie um 8.03 Uhr.

Polizei vermerkte zwölf Unfälle in fünf Jahren

Zwölf Schulwegunfälle in Castrop-Rauxel führt die Polizei in den fünf Jahren 2016 bis 2020 in ihrer Statistik. Das ist wenig, wobei jeder einzelne einer zu viel ist. So wie der Ende September. „Ein ganz wichtiges Thema für uns“, sagt Andreas Wilming-Weber, Leiter der Pressestelle der Polizei im Kreis Recklinghausen auf Anfrage unserer Redaktion.

Kinder auf dem Weg vom Altstadtring zur Grundschule Am Hügel in der Castroper Altstadt.
Kinder auf dem Weg vom Altstadtring zur Grundschule Am Hügel in der Castroper Altstadt. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Schulwegsicherheit für Erstklässler stehe zum Schuljahresbeginn im Fokus. Eltern würden aufgefordert, mit den Kindern den Schulweg zu üben und zu lernen, viel befahrene Straßen zu meiden, auch wenn der Weg dann eine Minute länger ausfällt. Der Bezirks- und Schwerpunktdienst sei rund um die Schulen vor allem im August und September unterwegs gewesen. „Wir sind präsent, machen auch verstärkt Geschwindigkeitsüberwachung“, so Wilming-Weber.

Dazu komme die Radfahrausbildung für Kinder in der 4. Klasse – jedes Schuljahr aufs Neue eine Aufgabe für das Team Verkehrsunfallprävention und Opferschutz in seiner Behörde.

Belohnung für Fußgänger bei Aktionstagen

Die Grundschule Am Hügel veranstaltet Aktionen wie „Zu Fuß zur Schule“: Finn bekam kürzlich eine Belohnung, weil der Erstklässler die letzten 300 Meter zu Fuß gegangen ist. Seine Schwester Sophie (10) kann sich an diese Aktionen auch noch erinnern. Sie besucht jetzt eine weiterführende Schule. „Es ist weder schlimmer noch besser geworden“, sagt Finns Papa Stefan Kröger, als er seinem Sohn den Rucksack aufsetzt und sich gerade von ihm verabschieden will.

Es helfe, dass die Erst- und Zweitklässler um 8 Uhr, die älteren Kinder um 8.15 Uhr beginnen. Seit Corona. Das entzerre die Lage. Es gebe aber immer Eltern, die er nicht verstehe. Warum sich nicht einfach mal an Spielregeln halten?

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
Zur Autorenseite
Tobias Weckenbrock

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.