Ab dem 7. Juni kann jeder eine Impfung bekommen. Doch viele Ärzte sind schon jetzt überlastet. © dpa
Impfungen

Ende der Impf-Priorisierung: Castrop-Rauxeler Ärzte fürchten Überlastung

Die Impfpriorisierung soll am 7. Juni bundesweit aufgehoben werden. Viele Bürgerinnen und Bürger haben lange auf die Impfung gewartet. Doch der mögliche Ansturm könnte Ärzte vor Probleme stellen.

Viele haben darauf gewartet: das Ende der Impfpriorisierungen. Ab dem 7. Juni ist es endlich soweit. Dann soll jeder Zugang zum Impfstoff erhalten können – egal ob alt, jung, krank oder gesund. Doch wie kommt die Entscheidung bei denjenigen an, die die Impfungen durchführen: also bei den Ärztinnen und Ärzten?

„An der Bereitschaft der Ärzte mangelt es nicht“, sagt Dr. Alexander Senge, Ärztesprecher in Castrop-Rauxel. Auch Hausarzt Dr. Holger Knapp begrüßt die Aufhebung der Priorisierung. Für ihn bedeutet die Entscheidung eine Entlastung. „Ich bin froh, wenn die Priorisierung entfällt“, sagt er.

Um streng nach der Priorisierung vorzugehen, müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Praxis von Dr. Knapp und seinem Kollegen Dr. Matthias Jasper momentan jeden infrage kommenden Patienten selbst anrufen. Viele seien mittlerweile aber schon anderweitig geimpft worden, ohne sich dabei aus der Warteliste der Praxis streichen zu lassen.

Wenn die Priorisierung wegfällt, muss die Praxis nicht mehr aktiv auf die Patienten zugehen. Doch was einerseits weniger Aufwand bedeutet, stellt die Ärzte zugleich vor ein Problem. Viele Praxen seien bereits jetzt wegen der Patientenanrufe überlastet, erzählt Ärztesprecher Dr. Senge.

Telefonleitungen von Anfragen überlastet

Auch Dr. Knapp befürchtet einen großen Ansturm mit dem Wegfall der Priorisierung. Nach der Freigabe von Astrazeneca habe es bereits sehr viele Impfanfragen in seiner Praxis gegeben. „Die Telefone sind überlastet, das ist ein großes Problem“, meint Knapp.

Hausarzt Dr. Holger Knapp aus Castrop-Rauxel klärt über die Corona-Impfung auf. © Patricia Böcking © Patricia Böcking

Aufgrund der Vielzahl an Impfanfragen könnten kranke Menschen die Praxis teilweise nicht telefonisch erreichen. Knapp hat deshalb schon einige Beschwerden von Patienten erhalten.

Besser sei es daher, wenn die Patienten per Mail einen Impftermin vereinbaren würden. So würden die Telefone für kranke Patienten freigehalten. Derzeit suche man in der Praxis von Knapp und Jasper außerdem nach technischen Lösungen für das Problem. Denkbar sei zum Beispiel eine Online-Terminvereinbarung.

Impfstoffmenge ausschlaggebend

Neben den technischen Herausforderungen sei es fraglich, ob überhaupt ausreichend Impfstoff vorhanden ist. „Es wurde eine hohe Erwartungshaltung durch die Politik aufgebaut“, kritisiert Dr. Senge. Deshalb müsse die Politik auch sicherstellen, dass genug Impfstoff an die einzelnen Praxen geliefert werde.

Im Moment bekämen die Ärzte zwischen 12 und 40 Impfdosen pro Woche, so Senge. Die Zahl der Dosen variiere aber stark. „Es gibt keine Kontinuität“, sagt er.

In der Gemeinschaftspraxis von Dr. Jasper und Dr. Knapp sind es etwas mehr: Zwischen 70 und 80 Dosen erhält die Praxis pro Woche. Das liege an der Größe der Praxis und der Zahl der Ärzte, sagt Knapp. Wie viele Impfdosen er erhalten wird, erfahre die Praxis meist erst eine Woche vorher.


Aufwand schreckt einige Ärzte ab

Dr. Senge, Orthopäde in Castrop-Rauxel, bietet selbst in seiner Praxis keine Impfungen an. Er weiß aus der Erfahrung anderer Ärzte von dem hohen Andrang der Patienten. „Es ist ein ständiges Beschwichtigen“, erzählt er. Dies sei einer der Gründe, warum er selbst nicht impft. „Ich wollte bewusst nicht impfen, um nicht in diese Erklärungsnot zu kommen.“

Ärztesprecher Dr. Alexander Senge betont die Wertigkeit des Astrazenca-Vakzins. © privat © privat

Dazu komme noch der Mehraufwand für die Ärzte. Die Ärzte müssten ausreichend Personal und Räumlichkeiten für die Impfung zur Verfügung stellen. „Das ist eine logistische Herausforderung“, sagt Senge. „Im laufenden Praxisbetrieb ist das schwierig.“

Dr. Knapp will sich weiterhin bemühen, die Impftermine in seiner Praxis nach Notwendigkeit zu vergeben. Die meisten Patienten aus den ersten Priorisierungsgruppen hätten schon ihre Erstimpfung erhalten. Trotzdem appelliert Knapp daran, dass junge und gesunde Menschen ihren Mitmenschen den Vortritt geben sollten. „Es sollte Solidarität herrschen“, sagt er.

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