Die Terrortucken treten als Tanzgruppe auf. Jörg Schlösser (hinten r.) leitet den Verein. Neben ihm steht sein Mann Karsten. © Terrortucken
EM-Spiel gegen Ungarn

Entertainer Schlösser zu EM-Spiel: „Die Verbände sind völlig korrupt“

„Die Terrortucken“ aus Castrop-Rauxel kämpfen seit Jahren gegen Homophobie. Die Statements rund um das EM-Spiel gegen Ungarn erfreuen deren Leiter Jörg Schlösser. Doch eines ärgert ihn.

Viktor Orban wird dem Stadion fernbleiben. Das kündigte der ungarische Ministerpräsident schon am Mittwochvormittag (23.06.) an. Ob er die Reise zum Spiel der Ungarn gegen Deutschland ausfallen ließ, um die erwartbaren Proteste zu umgehen, oder vielleicht doch, um sich daheim als Verstoßener und Opfer einer Kampagne zu gerieren, bleibt offen. Sicher ist indes: Sein Verzicht findet durchaus Anklang – auf der anderen Seite.

Jörg Schlösser jedenfalls freut sich darüber. „Ich finde seine Politik ganz und gar nicht gut, stattdessen aber, dass er zuhause bleibt.“ Schlosser ist führender Teil der Habinghorster Künstler-Truppe „Die Terrortucken“. Er lebt zusammen mit Mann Karsten – und engagiert sich seit Jahren gegen Homophobie und Diskriminierung. Gegen exakt das also, was Orban vorgeworfen wird. Und weshalb die Allianz Arena während des Spiels gegen Ungarn wie ein Regenbogen leuchten sollte.

Der europäische Fußball-Verband Uefa allerdings schob dem einen Riegel vor. Die Uefa sei „aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation“ – darum könne der Antrag Münchens nicht stattgegeben werden, hieß es. Den Castrop-Rauxeler Schlösser ärgert das: „Die Uefa schwingt große Reden über Menschenrechte, gibt vor, sich gegen Diskriminierung einzusetzen. Und dann fällt sie solche Entscheidung.“

Die großen Fußballverbände, also sowohl Uefa als auch FIFA, so sieht er es, seien zuvorderst vom Geld getrieben. „Und dann landet eine Weltmeisterschaft halt schnell auch mal in Katar.“ Ein Land, in dem Homosexualität rigide verfolgt wird und unter Strafe steht. „Die Verbände“, so Schlösser, „sind völlig korrupt“. Insofern begrüßt er es, dass nicht nur Ländern wie Ungarn, sondern gleichfalls den Fußball-Verbänden deutlich die Mehrheitsmeinung gezeigt werde.

Jörg Schlösser ist in Castrop-Rauxel ein bekannter Entertainer. Unter anderem organisiert er die jährlich stattfindende Aids-Gala.
Jörg Schlösser ist in Castrop-Rauxel ein bekannter Entertainer. Unter anderem organisiert er die jährlich stattfindende Aids-Gala. © Freddy Schneider © Freddy Schneider

Die Sozialen Netzwerke werden seit Tagen mit Regenbogen-Flaggen geflutet, mehrere Städte kündigten an, prominente Bauten mit diesen bunten Farben zu illuminieren, ebenso Vereine, die ihre Stadien anstrahlen wollten. „Ein schönes Zeichen“, so Schlösser, andererseits finde er es „persönlich schade, dass dieses Thema jetzt wieder so groß aufkommt“. Und in ein paar Tagen womöglich schon wieder abgelöst sei. Zumindest in der breiten Wahrnehmung.

„Wir kämpfen seit Jahren gegen Homophobie“, bekräftigt Schlösser, „ob es anlässlich des Christopher Street Day ist oder anlässlich unserer jährlichen AIDS-Gala, die in diesem Jahr im November stattfinden soll. Es ist noch viel zu tun, nach wie vor, auch wenn sich für Homosexuelle schon einiges in die richtige Richtung entwickelt hat.“ Darum wünsche er sich durchweg hohes Engagement und durchweg hohen Zuspruch. Nicht nur jetzt, da die Ungarn wegen eines Fußballspiels angereist sind.

Immerhin Manuel Neuer trägt die Regenbogen-Binde

„Die Terrortucken“, so Schlösser, hätten bereits im Jahr 2017 ein Lied veröffentlicht, „dass eigentlich alles sagt. Es heißt ‚Wir tanzen unterm Regenbogen‘“. Und wurde laut Schlösser an diesem Mittwochvormittag erstmals im lokalen Radiosender abgespielt. „Als wäre das Lied erst jetzt aufgetaucht.“ Und als gäbe es Lied und Video nicht schon seit Jahren. „Das ist ein bisschen witzig, aber ich freue mich natürlich, dass der Song abgespielt wurde. Dafür ist er ja da.“

Am Mittwochabend, kündigt Schlösser an, werde er „natürlich“ Fußball gucken. Pflichtprogramm, wenn die deutsche Mannschaft spielt. Daran ändert auch das Regenbogen-Vebot der Uefa nichts. Zumal zumindest Kapitän Manuel Neuer wieder mit der Regenbogen-Kapitänsbinde auf dem Rasen stehen soll. Ein bisschen Symbolik ist also in München – nicht die ganz große und erhoffte, doch immerhin die vergleichsweise kleine.

In Castrop-Rauxel wurde derweil schon die Regenbogen-Fahne gehisst. Außerdem werde das Ratsfoyer am Abend entsprechend beleuchtet, kündigte Bürgermeister Rajko Kravanja am Mittag an. Die Entscheidung der Uefa, so ließ er per Facebook verlauten, teile er „ausdrücklich“ nicht.

Über den Autor
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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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Leon Elspaß

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