Eine ideale Fahrradstraße können sich Castrop-Rauxeler nur in anderen Städten anschauen - wie hier in St. Peter-Ording: Hier fühlen sich Radfahrer sicher. © Dieter Düwel
Radverkehr

Fahrradstraßen in Castrop-Rauxel – eine schier unendliche Geschichte

Zu viele Autos und zu wenig Parkraum: Die Menschen sollen häufiger aufs Fahrrad umsteigen. Eigene Fahrbahnen könnten den Radverkehr attraktiver machen. In Castrop-Rauxel fehlen Radstraßen aber noch.

Bereits im September 2018 hat die Castrop-Rauxeler Stadtverwaltung das Vorhaben „Radfahrkreuz Habinghorst“ vorgestellt. Der Stadtteil im Norden sollte fahrradfreundlicher werden. Der Plan sah vor, die Lange Straße in Castrop-Rauxels erste Fahrradstraße umzuwandeln, die auch Autoverkehr zulassen und wieder zur B 235 geöffnet würde.

Zudem sollten Lücken im Radwege- und Schutzstreifen-Netz entlang der B 235 geschlossen werden. Knapp drei Jahre später ist davon nichts zu sehen.

Dabei wollen Städte und Gemeinden mehr Menschen motivieren, häufiger das Fahrrad zu nutzen. Mit eigenen Fahrbahnen, den „Fahrradstraßen“, soll der Radverkehr attraktiver und vor allem auch sicherer werden.

Sowohl im Nahmobilitätskonzept der Stadt als auch in der Bewerbung um die Aufnahme in die AGFS (Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte in NRW) ist die Einrichtung von Fahrradstraßen festgeschrieben, um die höhere Wertigkeit des Radverkehrs zu verdeutlichen.

Fahrradstraßen stehen im Koalitionsvertrag

Dazu gehören auch außerörtliche Fahrradstraßen, die vor allem das Alltagsradfahren zwischen den Ortsteilen als auch zu den Nachbarkommunen fördern sollen.

Die Notwendigkeit der Einrichtung von Fahrradstraßen wurde auch im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grünen vereinbart. Danach sieht die Erstellung eines ganzheitlichen Radverkehrskonzepts u.a. „sichere Radwege und mehr Fahrradstraßen“ vor. Da sich Politik und Verwaltung offensichtlich der Bedeutung von Fahrradstraßen bewusst sind, stellt sich die Frage, warum es im Stadtgebiet bisher nicht eine einzige Fahrradstraße gibt.


„Radkreuz Habinghorst“ lässt auf sich warten

Tatsächlich liegen noch keine konkreten Planungen oder Vorbereitungen für Fahrradstraßen vor, wie Stadt-Pressesprecherin Uta Stevens vom städtischen Presseamt unserer Redaktion auf Anfrage sagt: „Die im Nahmobilitätskonzept genannten Maßnahmen werden nach der jeweiligen Priorität weiter geprüft und umgesetzt. Darüber hinaus gilt es weitere Fördergelder für die einzelnen Maßnahmen zu akquirieren und in einzelne Abstimmungsprozesse unter anderem mit Fördergeldgebern und Straßenbaulastträgern zu treten.“

Die Verwaltung geht davon aus, dass sich die Bürger über die einzelnen Maßnahmen informieren und Anregungen oder Ideen einbringen.

Martin Kühl-Lukas vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Castrop-Rauxel bedauert, dass noch kein Bau einer Fahrradstraße im Stadtgebiet angeordnet worden ist: „Mir ist nicht bekannt, dass in Castrop-Rauxel etwas auf dem Gebiet passiert ist. Allein der EUV hat angekündigt, dass die Wewelingstraße in Pöppinghausen zur Fahrradstraße erklärt werden soll, da geplant ist, diese Straße nach Protesten der Anwohner zu sanieren.“

Die Realisierung des Projekts „Radkreuz Habinghorst“ lässt weiter auf sich warten. Martin Kühl-Lukas ist eher skeptisch was die Einrichtung der Langen Straße als Fahrradstraße betrifft: „Ob die Verkehrsbetriebe, die in der Lange Straße fahren, mit einer solchen Regelung einverstanden sind, wagen wir zu bezweifeln, da die gleichen Verkehrsbetriebe den Fahrradverkehr über den Busbahnhof am Münsterplatz mit der Begründung verweigern, dies sei zu gefährlich und würde die Einhaltung des Fahrplans gefährden.“

Eine ideale Fahrradstraße können sich Castrop-Rauxeler nur in anderen Städten anschauen - wie hier in St. Peter-Ording: Hier fühlen sich Radfahrer sicher.
Eine ideale Fahrradstraße können sich Castrop-Rauxeler nur in anderen Städten anschauen – wie hier in St. Peter-Ording: Hier fühlen sich Radfahrer sicher. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Welche Fahrradstraßen könnten eingerichtet werden?

Dabei liegen Vorschläge für die Einrichtung von Fahrradstraßen auf dem Tisch. Im Koalitionsvertrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen werden die Obere Münsterstraße oder die „Fahrradstraße im Ring“ als Beispiele genannt.

Letztere umfasst unter anderem die Lönsstraße, die Mühlenstraße und den Biesenkamp. Ziel ist es, dass die Bürger den Altstadtmarkt erreichen können, ohne vom Fahrrad zu steigen.

Auch die AG Mobilität im Beirat für klimagerechte Stadtentwicklung ist intensiv mit der Verbesserung der Situation für Radfahrer beschäftigt. In den Vorschlägen tauchen drei mögliche Fahrradstraßen auf, und zwar für die Horneburger Straße/Auf der Flur, Beckumer Straße und Schillerstraße.

Sie können laut Vorlage der AG Mobilität „im Rahmen der noch in diesem Jahr zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel schnell, preiswert und auch öffentlichkeitswirksam umgesetzt werden“.

Ist die Schillerstraße eine geeignete Fahrradstraße?

Hintergrund für den Vorschlag, die Schillerstraße in eine Fahrradstraße umzuwidmen, ist die Idee, Radfahrern, die von Bochum oder Obercastrop die Altstadt erreichen wollen, einen ungefährlicheren Weg als die Bochumer Straße anzubieten. Martin Kühl-Lukas ist sich allerdings bewusst ist, dass es gerade am Seniorenzentrum am Stadtgarten immer wieder zu kritischen Situationen kommen kann.

Die Schillerstraße könnte zur Fahrradstraße werden. Radfahrer müssten aber Rücksicht auf die zahlreichen Fußgänger nehmen.
Die Schillerstraße könnte zur Fahrradstraße werden. Radfahrer müssten aber Rücksicht auf die zahlreichen Fußgänger nehmen. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Ein Besuch unseres Reporters vor Ort bestätigte diese Bedenken. Die Schillerstraße zwischen Glückaufstraße und Cottenburgstraße wird schon jetzt von zahlreichen Radfahrern genutzt, die oft mit überhöhter Geschwindigkeit eine Gefahr für ältere Menschen mit Rollatoren oder auch für Familien mit Kindern auf dem Weg zum Spielplatz im Stadtgarten darstellen. Eine Lösung sieht Martin Kühl-Lukas allein in dem Appell an die Radfahrer: „Bitte langsam fahren!“

Alles über Fahrradstraßen

Wer darf dort fahren?

Auf Fahrradstraßen ist ausschließlich der Radverkehr erlaubt. Autos oder Motorräder dürfen die Straße nur befahren, wenn ein entsprechendes Zusatzschild dieses erlaubt. Oft gilt die Erlaubnis nur für Anlieger oder nur in eine Richtung.

Die Beschilderung für die Fahrradstraße ist eindeutig. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Wie erkennt man eine Fahrradstraße?

Ein quadratisches Schild mit weißem Grund zeigt das bekannte blaue Schild für einen Radweg und darunter den Schriftzug „Fahrradstraße“. Ein Zusatzschild weist auf die Ausnahmen hin.

Welches Tempo ist erlaubt?

Es gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h. Daran müssen sich alle Fahrzeuge halten, also Fahrräder ebenso wie gegebenenfalls Autos. Radler geben das Tempo vor, selbst wenn es sehr gemächlich vorangehen sollte.

Dürfen Autos überholen?

Radler haben auf Fahrradstraßen Vorrang. So dürfen sie zum Beispiel nebeneinander fahren. Allerdings gilt auch dort das Rechtsfahrgebot. Möchte ein Autofahrer überholen, muss er mindestens 1,5 Meter seitlichen Abstand zu den Radfahrern halten.

Welche Regeln gibt es noch?

In der Regel können Fahrradstraßen in beiden Richtungen benutzt werden. An Kreuzungen und Einmündungen gelten die üblichen Vorfahrtsregeln wie „rechts vor links“. Wichtig: Auch wenn in der Fahrradstraße die Radler besondere Rechte genießen, hat ein von rechts kommendes Auto die Vorfahrt.

Mögliche Fahrradstraßen in Castrop-Rauxel (laut ADFC, AG Mobilität und Koalitionsvertrag): Eichenweg-Schulstraße bis Bahnhofstraße; Obere Münsterstraße von Altstadtring bis Münsterplatz; Bodelschwingherstraße/Grimbergstraße bis Dortmunderstraße; Straßburgerallee -Wakefieldstraße – Dorfstraße; Heerstraße; Cheruskerstraße; Keltenstraße; Horneburger Straße/Auf der Flur; Beckumer Strasse; Schillerstraße; Fahrradstraße im Ring: z.B. Lönsstraße, Mühlenstraße, Biesenkamp

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
In Castrop-Rauxel geboren und in der Heimatstadt geblieben. Schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet. Besonders interessiert am Sport und den tollen Radwegen im Revier.
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Dieter Düwel

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