Wolfgang Schlieker, Ulrike Richert und Ulrike Hasenack (v.l.) müssen ihre Waren jetzt ganz dicht an die Wand schieben und finden das grauenhaft. © Ronny von Wangenheim
Einzelhandel

Florist Wolfgang Schlieker sauer: Nach 70 Jahren plötzlich Einschränkungen

Jahrzehnte wurden vor Blumen Schlieker Blumen und andere Pflanzen liebevoll dekoriert vor der Ladentür präsentiert. Gestört hat das niemanden. Im Gegenteil. Bis jetzt das Ordnungsamt kam.

Osterglocken und andere Frühlingsblumen stehen auf der blauen Bank, ein rotes Plakat dazu, auf dem Boden ein paar schöne Blumenschalen – einladend und dekorativ hat das Team von Blumen Schlieker die Waren vor dem Laden an der Holzstraße 93 platziert. So zeigt es noch ein Bild auf der Homepage. Doch das geht jetzt nicht mehr.

Jetzt schieben Wolfgang Schlieker und Ulrike Richert nur noch Gestelle mit Pflanzen ganz dicht an die Wand und die Schaufenster ihres Ladens. Beinahe ginge das auch nicht mehr. Das hat der Florist und Künstler vom Ordnungsamt erfahren, als das vor Ort kontrollierte. „Seit 70 Jahren machen wir das so und keiner hat sich beschwert“, sagt er sichtlich enttäuscht. „Wir haben es immer gut gemeint. Blumen erfreuen doch.“ Mitarbeiterin Ulrike Hasenack weist auf die Auslage: „Das sieht ja hier jetzt aus wie vorm Aldi!“

Schlieker zeigt nach oben zu einem Dachüberstand. Den hat das Haus. Zum Glück. Denn so werden erst ab diesem Punkt die 40 Zentimeter gemessen, die laut Sondernutzungssatzung Waren auf dem Bürgersteig stehen dürfen. So hätten es ihm die Mitarbeiter des Ordnungsamtes bei ihrem Besuch erläutert. Die Karren, auf denen die Blumen stehen, sind breiter als 40 Zentimeter. Ohne Dachüberstand wären sie also auch nicht erlaubt.

Für mehr Fläche gilt die Sondernutzungsverordnung der Stadt

Die Stadt informiert dazu auf Anfrage: „Kontrollen nimmt das Ordnungsamt sowohl im Rahmen der „normalen“ Bestreifung des Stadtgebietes als auch nach Hinweisen von außen vor. Je nach Sachlage kann der Sondernutzungsantrag nachträglich gestellt werden.“ Bei erheblichen Verstößen könne es auch ein Bußgeld nach sich ziehen. Die Höhe sei fallbezogen. „Als Berechnungs- und Bemessungsgrundlage wird der wirtschaftliche Vorteil herangezogen.“

Will Wolfgang Schlieker weiteren Raum auf dem Bürgersteig für Blumen beanspruchen, muss er laut Sondernutzungssatzung der Stadt pro Quadratmeter und Monat 10 Euro zahlen. So ganz verstehen kann er das nicht. „Das Plattieren des Bürgersteigs haben wir immerhin vor einiger Zeit selbst bezahlt“, erzählt er.

Für ihn macht eine Sondernutzung, so hat er ausgerechnet, mehr als 800 Euro im Jahr aus. „Die muss man erst mal verdienen“, sagt er. Denn die Gewinnspannen sind klein, der Konkurrenzdruck ist groß. Jeder Discounter, jeder Baumarkt kann anders kalkulieren als Wolfgang Schlieker, der seine Waren größtenteils auf dem Blumengroßmarkt kauft.

Blumen werden aktuell viel teurer

Dazu kommt, dass auch Blumen aktuell teurer werden. Die Nachfrage nach Pflanzen ist in der Corona-Pandemie gestiegen. „Die Leute wollen es sich schön machen“, so der Florist. Vor allem bei Schnittware gebe es große Preissteigerungen. Das sei schon inflationär. Und die Preissteigerungen könne man nicht komplett an den Kunden weitergeben.

Ein wenig haben Wolfgang Schlieker und Ulrike Richert noch gehofft, es gebe eine Möglichkeit, der strengen Regel zu entkommen. Nach den Informationen der Stadt werden sie sich nun klar an die Vorgaben halten. Dann wird es weiter aussehen wie vor dem Discounter.

Auch wenn man genau das nicht will in dem Traditionsbetrieb, der Kunden aus ganz Castrop-Rauxel in die Holzstraße zieht. Beraten, informieren, für Blumen begeistern und mit den Kunden ins Gespräch kommen, darum geht es ihnen. Wolfgang Schlieker hat sogar einen Begriff dafür gefunden. „Therapeutisches Verkaufen“ nennt er das.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen