Sollten sich alle Schwangeren gegen Corona impfen lassen? Dazu gibt es verschiedenen Ansichten. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Frauenärztin zur Corona-Impfung: „Die Schwangeren sind sehr skeptisch“

Eine Frau ist in Dortmund kurz nach der Geburt an Corona gestorben. Der Chef der Frauenklinik fordert Schwangere pauschal auf, sich impfen zu lassen. In Castrop-Rauxel sieht man das anders.

Der Fall hat viele erschüttert: Am Freitag (20.8.) ist in der Dortmunder Frauenklinik eine 25-jährige Frau an Corona gestorben. Sie war schwanger, als sie mit akuter Atemnot ins Krankenhaus kam. Die Ärzte konnten das Kind noch per Kaiserschnitt holen. Die Frau kam auf die Intensivstation und musste beatmet werden. Doch retten konnten die Ärzte sie nicht mehr. Sie starb. Auch im Kreis Unna hat es ähnliche Fälle gegeben, wie jetzt bekannt wurde.

Die junge Frau in Dortmund war ungeimpft. Professor Thomas Schwenzer, Direktor der Frauenklinik, nahm den traurig-tragischen Fall zum Anlass und appellierte an alle Schwangeren eindringlich, sich impfen zu lassen. Und er untermauerte dies mit Zahlen: Die Gefahr, an Corona zu sterben, ist für Schwangere 26-mal so hoch wie für Nicht-Schwangere gleichen Alters.

Glaßmeyer: Nicht nur auf die relativen Zahlen schauen

Das sei absolut richtig, sagt auch Michael Glaßmeyer, Chef der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Rochus-Hospital in Castrop-Rauxel. Er habe zwar im Rochus noch keine Schwangeren mit schweren oder gar lebensbedrohlichen Covid-19-Verläufen behandelt oder entbunden. Generell sei das Risiko einer schweren Erkrankung aber höher. Dennoch: „Die Zahlen sollten nicht dazu führen, dass Schwangere nun in wilde Panik verfallen.“ Glaßmeyer rät, genauer hinzusehen. Nicht nur auf die relativen Zahlen, sondern auch auf die absoluten.

Michael Glaßmeyer, Chef der Klinik für Frauenheilkunde im Rochus, rät von Panikmache ab.
Michael Glaßmeyer, Chef der Klinik für Frauenheilkunde im Rochus, rät von Panikmache ab. © Sandra Heick © Sandra Heick

Und die sähen so aus: Bei jungen, nicht-schwangeren Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben bei 5 zu 100.000 (0,005 Prozent), bei Schwangeren bei 141 zu 100.000 (0,141 Prozent). Damit sei das Risiko durchaus höher, aber immer noch niedrig im Vergleich zu Risiken, die einem in alltäglichen Leben begegnen. Wie beispielsweise beim Radfahren im Straßenverkehr.

Datenlage noch lückenhaft

„Ich will das überhaupt nicht kleinreden“, stellt Glaßmeyer klar. Aber um eine generelle Impfempfehlung auszusprechen, sei die Datenlage speziell für Schwangere noch nicht ausreichend. Impfnebenwirkungen, Langzeitfolgen, Auswirkungen aufs Baby im Bauch – zu all diesen Fragen gebe es noch nicht genug wissenschaftlich belastbare Daten, sagt der Chef der Klinik für Frauenheilkunde. Und hält es damit wie die Ständige Impfkommission, die noch keine allgemeine Impfempfehlung für Schwangere ausgesprochen hat. Anders als diverse Fachverbände, die zum Piks bei Schwangeren raten.

Glaßmeyer rät aber von einer Impfung auch nicht ab. Er plädiert zur Einzelfallentscheidung: Es müsse bei jeder Schwangeren geschaut werden, ob und wie viele Vorerkrankungen sie mitbringt, die das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs begünstigen könnten. Dazu zählten beispielsweise Bluthochdruck, Alter, Lungenvorerkrankungen oder auch ein hoher Body-Maß-Index. Kommt da viel zusammen, könnte eine Impfung doch angebracht sein. Aber: „Einer 25-jährigen gesunden, sportlichen Frau würde ich nicht pauschal zur Impfung raten“, sagt Glaßmeyer. Und geht damit einen anderen Weg als sein Fachkollege aus Dortmund.

Frauenärztin: Schwangere sind sehr skeptisch

Isabella Teperski, niedergelassene Frauenärztin in Castrop-Rauxel, sieht es wiederum etwas anders. Generell sei sie dafür, dass alle Schwangeren sich impfen lassen. Aber der Praxisalltag zeige ihr: Mit so einem absoluten Appell wie Schwenzer ihn ausgesprochen hat, komme man nicht weiter. Dafür sei das Thema viel zu emotional. „Die Schwangeren sind sehr skeptisch – sie mit strengen Appellen zu bedrängen, bringt nichts“, so Teperski. Im Gegenteil: Dann laufe man Gefahr, den Draht zu den Frauen zu verlieren.

Daher klärt auch sie in jedem Einzelfall individuell: Wie hoch ist das Risiko der Frau zu erkranken? Wie bei Michael Glaßmeyer würden in ihrer Beratung Vorerkrankungen eine Rolle spielen, aber auch die Lebenssituation der Frauen. So könnten Schwangere, die vielleicht ein Berufsverbot haben, sich auch gut schützen, indem sie ihre Kontakte beschränkten.

Doch auch in Fällen, in denen sie zur Impfung rät, konnte die Frauenärztin noch nicht überzeugen: Bisher hat sie noch keine Schwangere geimpft. Teperski: „Gegen Bauchgefühle kommt man nicht an.“ Dabei scheinen sich die werdenden Mamas vor allem um das Baby im Bauch zu sorgen. Denn nach der Entbindung kämen viele, die sich impfen ließen.

Sorgen der (werdenden) Mamas

  • Auch Stillende sind mitunter skeptisch, ob sie sich impfen lassen sollen. Sie kann Frauenarzt Michael Glaßmeyer aber klar beruhigen: Nachweislich geht der mRNA-Impfstoff nicht in die Muttermilch über. Nur die Antikörper, die die Mutter bildet.
  • Auch Sorgen um eine mögliche Unfruchtbarkeit oder vermehrte Fehlgeburten seien bisher unbegründet. Hier gebe es bereits „gute Statistiken“, die belegen, dass keinerlei Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit zu befürchten sind. Auch ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko habe sich bisher nicht gezeigt.
  • Auch über Fehlbildungen beim Kind im Zusammenhang mit einer Impfung sei bisher nichts bekannt.
Über die Autorin
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Ist fürs Journalistik-Studium vor 20 Jahren nach Dortmund gezogen und hat danach jahrelang in der Nachrichtenredaktion gearbeitet. Lebt schon lange im Dortmunder Westen und freut sich, hier und in Castrop-Rauxel auch journalistisch unterwegs zu sein.
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Natascha Jaschinski

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