Der Meeting-Point in Rauxel. Bald könnte der Betrieb hier vorbei sein. © Matthias Langrock
Protest

Jugendtreffs bedroht: Stadt Castrop-Rauxel will kein Geld mehr zahlen

Gleich zwei Jugendtreffs müssen schließen, weil die Stadt sie nicht mehr fördern will. Von dieser Nachricht wurden die Träger eiskalt erwischt. Jetzt rebelliert auch die Opposition im Rat.

Wenn der Rat am Donnerstag (24.6.) tagt, soll auch der Kinder- und Jugendförderplan der Stadt Castrop-Rauxel beschlossen werden. Es geht um die Jahre 2022 bis 2026. Zwei der Einrichtungen, die seit Langem mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sollen keine städtischen Zuschüsse mehr bekommen. Das gefährdet deren Arbeit. Empörung herrscht auch über die Kommunikation der Stadt. Zwei Parteien protestieren.

Im Sachverhalt der Verwaltungsvorlage steht es in einem Satz knapp zusammengefasst: „Die Förderungen für den Meeting Point sowie der Einrichtung der Falken haben demnach nicht die gewünschte Wirkung erzielt, sodass diese zum 1.1.2022 eingestellt werden sollen.“ Bei beiden Trägern, dem Evangelischen Kirchenkreis Herne und dem Falken-Unterbezirk in Dortmund, kann diese Aussage nicht nachvollzogen werden. Eine wirkliche Begründung hätten sie nie erhalten.

Beteiligt am Förderplan wurden sie, als es um die pädagogischen Fragen ging, so sagen Friedhelm Libuschewksi, Geschäftsführer der Evangelischen Jugendarbeit im Kirchenkreis Herne, und Jana Schubert, Geschäftsführerin des Falken-Unterbezirks, übereinstimmend. Und damit sei man auch sehr zufrieden.

Nur ein Fünf-Minuten-Telefonat ohne Vorwarnung

Über die finanziellen Auswirkungen dagegen wurden sie spät informiert: Friedhelm Libuschewksi einen Monat vor der Sitzung des Jugendhilfeausschusses (11.6.) in einem Gespräch im Rathaus mit der Beigeordneten Regina Kleff, Jana Schubert sogar erst drei Tage vor dieser Sitzung: „Das war ein Fünf-Minuten-Telefonat mit Frau Kleff, ohne Vorwarnung“. Da schwingt immer noch Fassungslosigkeit in der Stimme mit.

Unterstützung kommt jetzt von CDU und FDP. Beide Fraktionen wollen den Beschluss im Rat nicht mittragen. Beide kritisieren das Vorgehen der Stadtspitze. Auch das Presbyterium des Paulus-Kirchengemeinde hat sich mit einem Brief und einem Antrag an Bürgermeister Rajko Kravanja gewandt und bittet um eine neue Einschätzung.

Im Meeting Point wird eine halbe Fachkraft finanziert

Beide Offenen Jugendtreffs machen in ihrem Einzugsbereich Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien ein niederschwelliges Angebot. Die Falken haben ihren Treff in der Marienschule an der Johannesstraße in Merklinde. Der Meeting Point grenzt in Dorf Rauxel an das Gebiet Oberste Vöhde und Pallasstraße.

Der Meeting Point wird von der Stadt jährlich mit 27.000 Euro gefördert. „Damit finanzieren wir eine halbe Stelle einer Fachkraft Soziale Arbeit“, erläutert Friedhelm Libuschewski auf Anfrage dieser Redaktion. Der Mitarbeiter habe gerade Anfang des Jahres begonnen. Ihm müsste wieder gekündigt werden. Dreimal die Woche öffnen sich die Türen des Gemeindehauses mit seiner großen Freifläche für Kinder und Jugendliche. An anderen Tagen werde das Haus, das der Paulus-Kirchengemeinde gehört, für die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit genutzt. Das sei aber streng getrennt.

Eine von vielen Aktionen der Falken: Stockbrotbacken. Das Foto entstand im vergangenen Jahr. © Die Falken © Die Falken

Der Offene Kindertreff der Falken lädt zweimal in der Woche Kinder und Jugendliche ein. 10 bis 20 waren es bei den Treffen, damit seien die zwei Übungsleiterinnen ausgelastet. Jeder kann kommen, es gibt Bastel- und andere Freizeitangebote. „Wenn gekocht wird, kommen besonders viele. Das ist bezeichnend“, sagt Jana Schubert.

Die Falken müssten ihre Räume in der Marienschule aufgeben

10.000 Euro jährlich von der Stadt sind fest eingeplant. Damit werden die Miete für die Räume in der Marienschule, die Übungsleiter-Pauschalen und Sachkosten bezahlt. „Wir würden die Räume verlieren“, sagt Jana Schubert. Das würde dann auch die Verbandsarbeit der Falken betreffen, die hier zweimal wöchentlich Gruppenstunden anbieten.

Unverständnis herrscht, wie die Stadt zu ihrer Entscheidung gekommen ist. „Gerade ist der Sozialplan erschienen. Da sieht man doch den Förderbedarf für unseren Bereich“, sagt Pfarrer Arno Wittekind von der Pauluskirchengemeinde.

CDU-Vertreter besuchten den Meeting-Point am Dienstagabend. © CDU © CDU

Yasemin Breilmann (CDU), die sich am Dienstag (22.6.) mit den CDU-Ratsmitgliedern Fabian Kaese und Michael Fritsch vor Ort informierte, sagt dazu: „Wir würden den gerade erst veröffentlichten Sozialbericht geradezu ad absurdum führen, ausgerechnet in einem Stadtbezirk mit den schlechtesten Sozialdaten die städtisch finanzierte Jugendarbeit einzustellen.“

In der Corona-Pandemie wurde die Arbeit eingeschränkt

Woran die Stadt die fehlende Wirksamkeit misst – hier wie da werden bei den Trägern dazu Informationen vermisst. Gerade in der Corona-Pandemie waren die Treffs geschlossen oder nur für kleine Gruppen geöffnet. „Das läuft gerade erst wieder an“, sagt Jana Schubert. Als nur fünf Kinder kommen durften, habe man Kinder wegschicken müssen. Jetzt müsse man die Arbeit wieder aufbauen.

Da ist sie sich mit Friedhelm Libuschewski einig. Auch er beschreibt, dass es schwierig sei, an die Kinder aus sozial schwachen Familien heranzukommen und Eltern zu überzeugen, ihre Kinder von zuhause loszulassen. Sogar direkt im Hof an der Obersten Vöhrde habe man deshalb in der Vergangenheit schon Angebote gemacht.

Und noch etwas kritisieren die beiden Vertreter der freien Träger: Nie hätten sie im Vorfeld davon gehört, dass ihre Arbeit kritisiert wurde. Jährlich liefere man zu den Verwendungsnachweisen auch kleine Berichte. „Es kam nie, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Jana Schubert für die Falken. Und: „Wir hatten nie die Chance, zu reagieren und vielleicht etwas zu verbessern.“

Politiker kritisieren, dass nicht nach Lösungen gesucht wurde

Schützenhilfe kommt von Tom Roehl (FDP): „Wir sind der Meinung, dass die Stadt hier eher in den Austausch hätte treten müssen, um zu evaluieren, welche Ziele genau nicht erreicht worden sind.“ Der junge Politiker weiter: „Außerdem hätte man dann auch noch darüber nachdenken können, ob man im bilateralen Austausch Lösungswege entwickeln kann, die eine Einstellung der städtischen Förderung verhindert hätten.“

In der Ratssitzung am Donnerstag, die um 17 Uhr in der Europahalle beginnt und live übertragen wird, wollen CDU und FDP erreichen, dass vor allem der Jugendtreff Meeting Point erhalten bleibt. Sowohl Yasemin Breilmann (CDU) als Tom Roehl (FDP) begründen dies mit der Bedeutung gerade in dem Teil von Castrop-Rauxel für Kinder und Jugendliche, die auf besondere Förderung angewiesen seien .

Tom Roehl sagt dazu außerdem: „Zumindest aber erwarten wir, dass die Stadt detailliert offenlegt, wer diese Entscheidung getroffen hat, welche Ziele angeblich nicht erreicht wurden und warum während dieses gesamten Prozesses die Einrichtung selbst offenbar nicht mit eingebunden wurde.“

Hintergrund der Entscheidung ist, so die Verwaltungsvorlage der Stadt, dass Mittel umverteilt werden sollen. Zum einen soll das Jugendzentrum D-Town einen zusätzlichen Stellenanteil bekommen, zum anderen dienen die Mittel „der Deckung der Förderung für die Freien Träger durch die neue Fördersystematik“.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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