Diakon Wilhelm Winkelmann hat auf dem Friedhof in Merklinde seinen ersten Kuss bekommen. © Patricia Böcking
Liebe

„Liebesmangel ist das Problem unserer Zeit“: Diakon spricht über die Liebe

Diakon Wilhelm Winkelmann aus Castrop-Rauxel hat früher Seelsorge betrieben, insbesondere für junge Frauen. Mit uns hat er über die Ursache der meisten Liebesprobleme gesprochen.

Wilhelm Winkelmann erinnert sich noch ganz genau an seine erste große Liebe: Christa. Er war damals 26 Jahre jung. „Ich habe sie auf einem katholischen Jugendtreff in Merklinde kennengelernt“, erzählt er.

Nach dem Jugendtreff waren die beiden auf dem Merklinder Friedhof spazieren und setzten sich dort auf eine Bank. „Wir unterhielten uns angeregt und kamen uns immer näher“, erzählt Winkelmann. Nach einiger Zeit passierte es dann: der erste Kuss. Das war 1959.

Heute ist Winkelmann 87 Jahre alt und Diakon in Castrop-Rauxel. Die Liebe zu Christa war schon nach kurzer Zeit wieder vorbei: Winkelmann ging als Erzieher in die Benediktinerabtei Maria-Laach.

Christa machte nach kurzer Zeit Schluss

Von dort schrieb er seiner ersten Liebe zwar viele Briefe und Gedichte, Christa machte nach kurzer Zeit aber trotzdem mit ihm Schluss. Die Entfernung war zu groß. „Ich hatte sehr viel Liebeskummer, das war sehr schmerzhaft“, erinnert sich Winkelmann heute.

Mittlerweile ist er glücklich verheiratet und hat drei Kinder und acht Enkelkinder: Mit seiner Frau Agnes, für ihn „die schönste Frau der Welt“, die er drei Jahre später kennengelernt und zwei Jahre darauf geheiratet hatte. „Ich habe sie schnell geheiratet, damit mir das Gleiche nicht nochmal passiert“, erzählt er heute lachend.

25 Jahre Seelsorge als Diakon

Die Liebe: Winkelmann hat sie letztlich gefunden. Dass es vielen Personen nicht so geht, weiß Winkelmann nur zu gut. Er hat als Diakon mehrere Gesprächsgruppen geleitet und im Jahr 1991 nach seiner Pensionierung schließlich die Sinus-Selbsthilfe gegründet. 25 Jahre lang hat er Seelsorge betrieben und dabei viele Menschen mit ihren Gefühlsproblemen begleitet, hauptsächlich junge Frauen. „Männer reden nicht so viel über Gefühle“, erklärt er.

Bis zu 24 Frauen hat er pro Woche in Einzelgesprächen begleitet, einige von ihnen über 20 Jahre hinweg. Darunter waren auch Frauen, die missbraucht oder vergewaltigt worden waren. Den meisten habe er langfristig helfen können. Als Frauenversteher würde er sich deshalb nicht bezeichnen, stattdessen sei er eher ein „Menschenversteher“, wie er sagt: „Ich habe die ganze Palette der Liebe mit allen positiven und negativen Erscheinungen erlebt.“

Liebesmangel in der Kindheit sei oft Ursache für Probleme

Die meisten Probleme seiner Klientinnen seien darin begründet, dass sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern vernachlässigt wurden. „Liebesmangel ist ein großes Problem in unserer Zeit“, meint Winkelmann. „Viele haben in ihrer Kindheit zu wenig Liebe von ihren Eltern erfahren.“

Die fehlende Zuneigung führe letztlich dazu, dass die Betroffenen die elterliche Liebe erst nachholen müssten. „Viele Menschen sind deshalb nicht voll liebensfähig.“ Dabei sei die Fähigkeit zu lieben die Voraussetzung für Treue und eine dauerhafte Beziehung.

Nähe als Schlüssel zum Erfolg

Winkelmanns „Geheimrezept“: die Nähe zu den Klientinnen. Im Unterschied zu einer psychologischen Therapie, in der eine professionelle Distanz zwischen Psychologen und Patienten gewahrt wird, habe er eine vertrauensvolle Beziehung zu den Frauen aufgebaut, erzählt er. „Nicht die Distanz, sondern die Erfahrung liebevoller Nähe ist heilend.“

Schritt für Schritt habe er den Frauen geholfen, Nähe zu akzeptieren. „Ich war für viele wie eine Vaterfigur.“ Erst so hätten die Frauen schließlich gelernt, sich selbst und andere zu lieben – mit Erfolg. „Eine schwer traumatisierte Frau hat sich nach meiner Begleitung mit 45 Jahren zum ersten Mal verliebt“, erzählt er.

Nähe und Berührungen: In Zeiten der Pandemie ist das schwierig. Dabei sei gerade das sehr wichtig. „Liebe wird durch Berührung weitergegeben“, sagt Winkelmann. „Es ist sehr traurig, dass das zurzeit kaum möglich ist.“

Inzwischen ist Winkelmann glücklich im Ruhestand. „Mir geht es so gut wie nie“, sagt er. Auf seine Tätigkeit als „Begleiter von Selbsthilfeprozessen“, wie er sich selbst nennt, schaut er dankbar zurück. „Es war die spannendste Zeit meines Lebens.“

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