Europahalle, Stadthalle und Rathaus bilden das Ensemble rund um den Europaplatz, das man als Stadtmittelpunkt bezeichnet. Dessen Sanierung könnte noch viel teurer werden, als bisher bekannt. © Jens Lukas
Zahlen explodieren

Stadtmittelpunkt: Kostet die Sanierung sogar 137 Millionen Euro?

Der Bürgermeister hat sie nie vorgelegt, die Politik nie ernsthaft eingefordert. Jetzt scheinen die Kosten für eine Sanierung des Stadtmittelpunkts zu explodieren. Die Rede ist von 137 Millionen Euro.

Im Jahr 2018 schlug ein Thema im Kreis Recklinghausen hohe Wellen. Das 1980 erbaute Kreishaus sei so marode, dass es abgerissen und neu gebaut werden müsse. SPD, Grüne und FDP hatten damals dem Neubau schon zugestimmt, der 130 Millionen Euro kosten sollte. Ein Bürgerbegehren wurde angestrengt und von der CDU auch in Castrop-Rauxel unterstützt. Die Neubaupläne wurden gestoppt, das Kreishaus wird jetzt saniert. Auch das soll aber rund 99 Millionen Euro verschlingen.

Das Dortmunder Rathaus wurde im Jahr 1989 bezogen. Die Baukosten für den „Bierkasten“, wie der Bau im Volksmund gern genannt wird, betrugen damals 62 Millionen Euro. Derzeit steht das Rathaus leer, weil es saniert werden muss. Nach 32 Jahren muss der Bau gerade komplett entkernt und grundsaniert werden. Für 36,3 Millionen Euro.

Stadtmittelpunkt hat gut 80 Millionen Mark gekostet

Das Rathaus am Stadtmittelpunkt in Castrop-Rauxel ist also kein Einzelfall in Sachen Sanierungsbedürftigkeit. 1976 eingeweiht, soll der Bau die Stadt seinerzeit gute 80 Millionen Mark gekostet haben. Eine Grundsanierung 45 Jahre später ist also erklärlich.

Deutliche Risse tun sich auf – wie hier an der Europahalle. Der Sanierungsbedarf des Forum-Ensembles ist nicht zu übersehen.
Deutliche Risse tun sich auf – wie hier an der Europahalle. Der Sanierungsbedarf des Forum-Ensembles ist nicht zu übersehen. © Volker Engel (Archiv) © Volker Engel (Archiv)

Weniger erklärlich ist aber aus Sicht von FDP-Chef Nils Bettinger, dass die Verwaltung mit Bürgermeister Rajko Kravanja an der Spitze der Politik bis heute keine verlässlichen Zahlen vorgelegt hat, was denn nun die Sanierung des Rathauses oder gar des gesamten Stadtmittelpunktes, zu dem ja auch Europa- und Stadthalle gehören, kosten wird.

Dabei hatte der Rat schon 2014 ein entsprechendes Gutachten in Auftrag gegeben. Im Dezember 2017, so hat Bettinger nun bei einer Akteneinsicht am Mittwoch, 14. Mai, im Rathaus nachgeschlagen, hat die PSPC Public Sector Project Consultants GmbH in Zusammenarbeit mit pbr Planungsbüro Rohling AG auch einen Endbericht unter dem Titel „Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen zur

nachhaltigen Sanierung des Stadtmittelpunktes in Castrop Rauxel für den Rathausteil“ vorgelegt.

Endbericht ist nie der Politik vorgelegt worden

Dieser Endbericht sei aber weder in einer Interfraktionellen Runde noch in einem Ausschuss oder im Rat jemals vorgelegt worden. Bettinger gegenüber unserer Redaktion: „Wie meine Recherchen ergaben, hat es zwar ganz viele interne Steuergruppensitzungen gegeben, aber eben nie eine wirkliche Information der Politik über tatsächlich anfallende Kosten.“

Dass der Bürgermeister nun am Mittwoch mit einem Brief an die Fraktionsvorsitzenden und einer Pressemitteilung plötzlich in die Offensive gegangen und dabei auch eine Sanierungssumme von rund 75 Millionen Euro genannt habe, findet Bettinger bezeichnend: „Er will die Deutungshoheit behalten in einem Moment, wo wir als FDP endlich Einblick in die Unterlagen bekommen.“

Am 2. Juli 1969 wurde der Bau des Rathaus-Komplexes beschlossen. Die Grundsteinlegung (Foto) erfolgte zwei Jahre später, am 24. Juni 1971. Am 22. September 1972 wurde das Richtfest gefeiert, am 21. Mai 1976 wurde es fertiggestellt.
Am 2. Juli 1969 wurde der Bau des Rathaus-Komplexes beschlossen. Die Grundsteinlegung (Foto) erfolgte zwei Jahre später, am 24. Juni 1971. Am 22. September 1972 wurde das Richtfest gefeiert, am 21. Mai 1976 wurde es fertiggestellt. © Helmut Orwat © Helmut Orwat

Um auch die anderen Fraktionen im Rat auf dem Laufenden zu halten, hat die FDP offenbar bereits am Donnerstag eine Infomail an alle Fraktionsvorsitzenden der anderen Parteien versandt. Dieser Mail, die uns aus Politik-Kreisen zugespielt wurde, ist sogar noch eine gänzlich andere Summe zu entnehmen, die sich auf die Sanierung des Gesamtensembles bezieht.

Gesamtsanierung würde sogar 137 Millionen Euro kosten

Demnach würde eine Sanierung von Rathaus, Ratssaal, Tiefgarage und der beiden Hallen zusammen genommen sogar 137 Millionen Euro verschlingen. Denn die Summe von 75 Millionen Euro, die Kravanja am Mittwoch vorgelegt hatte, bezieht sich lediglich auf Rathaus, Ratssaal und Tiefgarage.

Warum die Verwaltung gegenüber Politik und Öffentlichkeit bisher mit verdeckten Karten spielt, ist unklar. Ebenso unklar ist aber tatsächlich auch, warum aus der Politik in den Jahren seit 2014 keine konkreten oder gar bohrenden Nachfragen nach den Summen gekommen sind, mit denen der Steuerzahler für das seit 2010 unter Denkmalschutz stehende Arne-Jacobsen-Ensemble gerade stehen muss.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter
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