Hier hat ein mutmaßlicher Tornado in Obercastrop gewütet. © Tobias Weckenbrock
Unwetter

Tornado oder nicht? Wetterexperte gibt Einschätzung zum Sturm in Obercastrop

Umgestürzte Bäume und beschädigte Dächer in Obercastrop: Das Unwetter hat eine Menge Schäden verursacht. Die Anwohner berichten von einem Tornado, wir haben mit einem Experten gesprochen.

Die Nachricht klingt unglaublich. Ein Tornado fegt mitten durch Obercastrop, entwurzelt Bäume und beschädigt Dächer. Wir haben mit Janek Zimmer über das ungewöhnliche Wetterphänomen gesprochen. Er ist Diplom-Meteorologe bei der Kachelmann GmbH: „Ganz sicher können wir uns noch nicht sein.“ Dennoch gebe es einige Hinweise.

Besonders wichtig beim Finden von Tornados sind die sogenannten Doppler-Radar-Sweeps. Von einer Messstation werden dabei elektromagnetische Wellen ausgesandt. Die zurückkommenden Signale geben dann Aufschluss über die Windgeschwindigkeit und vor allem die Windrichtung.

Die Daten werden in eine Karte umgerechnet. Die grünen Flächen zeigen Wind, der in Richtung Station weht, die roten zeigen Flächen, die von der Station wegwehen. Mithilfe dieser Karte lassen sich Tornados erkennen.

Die Karte des Doppler-Radar-Sweeps. Die nächste Messstation für Castrop-Rauxel befindet sich in Essen. Das Signal reicht 150 km weit.
Die Karte des Doppler-Radar-Sweeps. Die nächste Messstation für Castrop-Rauxel befindet sich in Essen. Das Signal reicht 150 km weit. © kachelmann.com © kachelmann.com

Janek Zimmer: „Man braucht da schon viel Erfahrung, um so was zu sehen. Ein Laie kann das nicht.“ Grob könne man aber sagen: „Treffen grüne und rote Flächen nah aufeinander, gibt es gute Bedingungen für Tornados.“

Genauso sieht die Karte auch am 14.7. um 17.30 Uhr aus; der Zeit, zu der der Tornado durch Obercastrop gefegt ist. „Eine Fehlmessung lässt sich ausschließen, weil man die Werte über mehrere Minuten beobachten konnte.“

Die Werte seien starke Hinweise, aber keine Beweise. Janek Zimmer: „Es ist wie eine Gerichtsverhandlung. Wenn man kein Foto vom eigentlichen Tornado hat, dann muss man Indizien sammeln.“

Fotos vom Tornado in Obercastrop gibt es zwar nicht, aber die Schäden wurden dutzendfach geknipst und gefilmt. Sie sind ein weiteres Indiz: „Wenn Bäume auf der einen Seite nach Norden und auf der anderen Seite nach Süden umgestürzt sind, spricht das schon sehr eindeutig für einen Tornado.“ Bei normalen Stürmen würden die Bäume nur in eine Richtung fallen.

Fujita-Skala unklar

Über die Ausmaße des Tornados ließe sich trotz der Hinweise nur sehr schwer etwas sagen. Grundsätzlich werden Tornados auf der Fujita-Skala eingeordnet. Die Skala reicht von F0 bis F5. Windgeschwindigkeit und die Schäden, die ein Tornado anrichtet, spielen eine Rolle für die Einordnung. Ein Tornado der Stufe 0 erreicht Windgeschwindigkeiten von bis zu 117 km/h. Stufe F1 geht bis 180 km/h.

In Amerika können Tornados von Stufe F0 bis F5 (bis 512 km/h) reichen. Tornados der Stufe F4 sind deutlich häufiger als bei uns in Mitteleuropa. Tornados in Deutschland bewegen sich im Bereich F0 bis F3. Ein wirklich riesiger Tornado der Stufe F4 in Deutschland ist laut Zimmer ein Jahrhundert-Ereignis. Der Obercastroper Tornado sei wahrscheinlich einer der Stufe F1. Janek Zimmer: „Aber darüber kann man wirklich keine gesicherten Angaben machen.“

Ein Tornado in den USA.
Ein Tornado in den USA. © picture alliance/dpa/ZUMA Wire © picture alliance/dpa/ZUMA Wire

In Deutschland gibt es im Jahr 10 bis 20 Tornados. Janek Zimmer: „Für Verhältnisse wie in Amerika fehlen uns hier einfach die Bedingungen. Wir haben keine Rocky Mountains und keinen Golf von Mexiko, die das Wetter beeinflussen.“

Zwar gibt es in den letzten Jahrzehnten immer mehr Meldungen über Tornados in Deutschland, aber mehr Tornados an sich gibt es nicht, erklärt Janek Zimmer. „Es wird schlicht mehr berichtet und mit dem Handy ist es auch viel leichter, etwas zu beweisen und festzuhalten.“

Erderwärmung in Castrop-Rauxel

Im Zuge der Überschwemmungen wurde viel über den Klimawandel und seine Auswirkungen gesprochen. Mehr Tornados gebe es durch den Klimawandel laut Zimmer aber nicht. „Für einen Tornado müssen viele Zutaten zusammenkommen, die werden nicht unbedingt vom Klimawandel beeinflusst.“ An den Überschwemmungen könne der Klimawandel allerdings einen Anteil haben.

Janek Zimmer: „Man kann es nicht ganz genau festmachen. Dieselbe Wetterlage wäre vor 50 Jahren nicht so extrem gewesen.“ Die Regenmenge wäre einfach nicht so hoch gewesen. „Und es ist die Regenmenge, die die Schäden verursacht. Die Schäden nehmen mit der Regenmenge exponentiell zu.“

Auch wenn die Klimaforschung komplex ist, könne man grob festhalten: Die Wetterereignisse werden immer extremer und länger. Dürren werden, wie in den vergangenen Sommern, immer länger und heftiger, aber eben auch Starkregen. „Viele Menschen denken beim Klimawandel nur an Hitze, aber das ist nur ein Teil der Folgen.“

Auch die Lebensweise des Menschen führt zu den extremen Schäden, sagt Janek Zimmer: „Vor ein paar Wochen hat es in der Uckermark ein ganz ähnliches Wetterereignis mit ähnlichen Bedingungen wie in NRW jetzt gegeben. Da waren die Schäden nicht so hoch.“ Grund dafür seien die vielen bebauten Flächen in NRW. Es gibt viel weniger Wiesen und Felder, auf denen das Wasser versickern und abfließen kann. „Das ist ein riesiges Problem, was viele nicht auf dem Schirm haben. Es ist der Preis, den man zahlt, wenn man in sehr urbanisierten Gegenden lebt.“

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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