Professor Dr. Helmut Grüning forscht an der Fachhochschule in Münster, lebt aber in Castrop-Rauxel. © FH Münster (Roman Grzechowski)
Starkregen und Hochwasser

Unwetter: Experte gibt ganz praktische Tipps und wettert gegen Steingärten

Helmut Grüning forscht an der Fachhochschule Münster zu Wasserwirtschafts-Fragen. Nach dem heftigen Unwetter gibt er den Castrop-Rauxelern wichtige Tipps und wettert gegen jeden Steingarten.

Am 14. Juli wurde auch Castrop-Rauxel von den Wassermassen heimgesucht und vielerorts stellt man sich jetzt die Frage: Welche Lehren müssen wir aus dem Unwetter ziehen?

Der Castrop-Rauxeler Professor Dr. Helmut Grüning forscht an der FH Münster im Bereich der Wasserwirtschaft. Wir sprachen mit dem Experten über die Situation und ihre Folgen. Er gibt Tipps, wie sich Privatleute schützen können und erklärt, was die Stadt in Angriff nehmen muss.

Wie haben Sie denn die Unwetter der vergangenen Woche erlebt?

Ich wohne in Henrichenburg, da ist glücklicherweise nicht allzu viel passiert. Was mich beeindruckt, war der Wasserstand der Emscher. Da das Hochwasser-Rückhaltebecken zwischen Dortmund und Ickern relativ gut dimensioniert ist, habe ich das aber mit einer gewissen Gelassenheit gesehen.

Castrop-Rauxel hat es nicht so schlimm erwischt wie andere Städte. Woran hat das gelegen?

Wir müssen erst mal unterscheiden, um welche Arten von Überflutung es sich da eigentlich handelt. Wir unterscheiden als Wasserwirtschaftler zwischen sogenannten urbanen Sturmfluten und Hochwasserereignissen. Bei einem Hochwasserereignis werden viele Quadratkilometer Fläche überregnet. Flüsse und Bäche treten über die Ufer. Die haben eine sehr hohe Fließgeschwindigkeit und reißen alles mit, was ihnen im Weg ist.
Und dann haben wir sogenannte urbane Sturmfluten, das sind beispielsweise Gewitter, Starkregenzellen, die sich innerhalb von kurzer Zeit unmittelbar über Teilen eines Stadtgebietes abregnen und dort zu lokalen Überflutungen führen. Und die Vorhersagbarkeit dieser beiden Phänomene ist unterschiedlich.

Inwiefern unterscheidet sich die Vorhersehbarkeit denn?

Die urbane Sturzflut können Sie ganz schlecht vorhersagen, die ist lokal. Stellen Sie sich vor, Sie beobachten einen Topf, in dem Sie Suppe warm machen. Das wäre, als würde man versuchen, vorherzusagen, wo der nächste Blubb hochkommt.
Bei einem Hochwasser haben wir viel größere Einzugsgebiete. Da können wir solche intensiven Niederschläge eher vorhersagen. Und das Gewässer ist viel träger.
Nehmen wir mal den Rhein. Wenn da in Koblenz eine Hochwasserwelle ist, dann kann man in Köln schon warnen. Dann hat eine Kommune die Möglichkeit, durch mobile Wehre die Innenstadt zu schützen. Das können Sie bei einer urbanen Sturzflut so nicht tun.

Und worum hat es sich am 14. Juli gehandelt?

Das kommt darauf an, was wir in NRW betrachten. Die urbane Sturzflut hatten wir wahrscheinlich in Castrop-Rauxel, als der Mühlenteich übergelaufen ist.

Welche Schutzmaßnahmen trifft die Stadt Castrop-Rauxel denn bisher gegen die eine und die andere Art von Wasser?

Im Einzelnen kann ich das für Castrop-Rauxel nicht sagen. Ich weiß allerdings, dass die Stadt Castrop-Rauxel etwas tut, dass sie an einer Starkregen-Gefahren-Karte arbeitet. Das ist der erste Schritt.
Ansonsten bin ich jetzt seit einiger Zeit mit dem Bürgermeister im Gespräch. Er wird mich demnächst auch mit einer Delegation in meinem Technikum besuchen. Ich bin mir aber sicher, dass so ziemlich jede Kommune auch vor dem Hintergrund der klimatischen Entwicklungen etwas tut. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen fördert diese Maßnahmen auch.

Was kann eine Kommune wie Castrop-Rauxel denn zukünftig tun?

Nun fange ich mit dem Hochwasser an. Hochwasser sind immer mit einem Gewässer verbunden. Hier müssen wir uns einfach eines bewusst machen: Wer in der Nähe eines Gewässers wohnt und baut, muss mit Überflutung rechnen. Das ist ein Naturereignis. Da können wir nicht viel dran machen.
Wir leben hier in einer Kulturlandschaft. Da ist am Ende jeder Quadratmeter irgendwie genutzt. Wir haben dem Gewässer den Raum genommen, wir haben es eingeengt.
Auch die Emscher ist kein wirklicher Fluss mehr. Das Hochwasser-Rückhaltebecken ist schon eine wichtige Maßnahme. Gewässer brauchen Platz. Sie müssen sich ausbreiten können. Sie müssen Überflutungs-Bereiche haben. Man muss Deiche zurück bauen, damit das Gewässer sich ausbreiten kann, Waldgebiete schaffen, die das Wasser zwischendurch aufnehmen und speichern. So können wir die Risiken reduzieren.

Durch die Renaturierung der Emscher wurde aber ja schon ein erster Schritt gegangen. Muss noch mehr passieren oder ist das schon genug?

Genug? Den Begriff gibt es in der Überflutungsvorsorge nicht. Wissen Sie, die Natur ist irgendwann immer stärker als wir. Das heißt, wir hätten immer mehr tun können. Bei der Emscher bin ich schon ein bisschen traurig, weil ich sie mir noch naturnäher wünsche. Das ist aber nur begrenzt möglich. Die Emschergenossenschaft gibt sich wirklich Mühe.

Was muss denn der Bürger tun, um sich zu schützen?

Jeder muss erst einmal eine Rückstau-Sicherung bei sich zu Hause haben, damit das Wasser aus der Kanalisation nicht in den Kellerraum reindrückt.
Wir müssen uns vor Überflutungen schützen, indem wir druckdichte Kellerfenster und druckdichte Türen anschaffen, damit das Wasser nicht hineingedrückt werden kann. Wir müssen vielleicht auch unsere Grundstücke mit einem kleinen Mäuerchen abgrenzen.
Und wenn möglich, sollte man eine Elementar-Schaden-Versicherung abschließen. Die unterstützt die Bürger dann, wenn etwas passiert ist und kommt für den Schaden durch Überflutungen auf.
Da wäre noch eins, was wichtig ist, wenn Wasser im Keller ist: Nicht in den Keller hineingehen. Es gibt zwei Gefahren: Die eine ist Stromschlag, weil die Stromverteilung häufig im Kellerraum ist. Und die zweite Gefahr: Die Menschen gehen in den Keller und wollen den Hausrat retten. Wenn dann das Wasser durch ein geborstenes Fenster einen Kellerraum hineindrückt, ist der innerhalb von Sekunden voll.
Steht das Wasser hüfthoch im Keller, bekommen Sie aber keine Kellertür mehr auf. Die Menschen ertrinken. Es ist mir ganz wichtig, dass die Menschen über diese Gefahr informiert sind und sich davor schützen können. Außerdem ist der Kontakt mit Krankheiten gefährlich. Keime können schwere Krankheiten hervorrufen.

Was können die Menschen denn noch tun, um sich zu schützen?

Ich ärgere mich über jeden Steingarten, den ich in Castrop-Rauxel sehe. Am liebsten würde ich anklingeln, den Leuten sagen: „Wissen Sie, was Sie da eigentlich machen?“ Wir müssen Wasser in der Stadt verdunsten und versickern lassen. Das sind die beiden maßgeblichen Prinzipien. Grüne Dächer sind eine super Maßnahme.

Was sind denn so ganz kurzfristige Dinge, die man vielleicht innerhalb von einem Jahr schon erreichen kann?

Das sind eher Dinge, die in den privaten Bereich hineingehen. Bei sich zu Hause. Die Maßnahmen hinsichtlich der Stadtentwicklung können Sie nicht innerhalb von einem Jahr umsetzen.

Für Castrop-Rauxel oder für ganz NRW gilt: Das wird uns jetzt alles noch länger begleiten. Wie wird uns das beschäftigen?

Ich bin ja nur Professor und nicht Prophet. Deshalb kann ich das nur begrenzt vorhersagen. Mich wundert nicht, dass Menschen sagen, ich hab das in 30 oder 50 Jahren noch nie gesehen. Das sind Zeiträume, die sind für mich als Wasserwirtschaftler eher normal.
Der Zufall hat kein Gedächtnis. Das, was wir jetzt hatten, das kann nächstes Jahr auch wieder passieren. Deswegen höre ich auch den Begriff des „Jahrhundertereignisses“ nicht so gerne, weil interpretiert werden könnte, dass es lange dauert bis zum nächsten Starkregen. Doch die klimatischen Veränderungen kennen wir alle. Das wird öfter vorkommen und intensiver sein.

Wenn Sie einen finalen Appell an die Stadtverwaltung richten könnten, welcher wäre das?

Machen Sie Wasser in der Stadt erlebbar, sodass alle Mitbürgerinnen und Mitbürger erkennen: Wasser ist wichtig. Wasser ist wertvoll. Wasser gehört zum Leben dazu. Und es stört uns nicht. Abhängig natürlich davon, dass Wasser bei solchen Starkregen-Ereignissen sehr gefährlich werden kann. Hier wünsche ich mir, dass die Bürger informiert werden.

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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