Das Vakzin von AstraZeneca leidet unter einem schlechten Image. Jetzt weiß niemand, was man mit den überschüssigen Impfdosen machen soll. Im Frühjahr war der Impfstoff wie hier bei einer Impfaktion in der Marktschule noch sehr begehrt. © Tobias Weckenbrock
Impfstoff

Was passiert mit den AstraZeneca-Dosen, die niemand mehr will?

Kaum jemand will sich noch mit dem Covid19-Impfstoff von AstraZeneca immunisieren lassen. Aber was sollen Castrop-Rauxeler Ärzte mit den Impfdosen machen, die noch im Kühlschrank stehen?

Der Covid19-Impfstoff von AstraZeneca war einer der ersten, die durch eine Notzulassung in EU-Ländern verimpft werden konnten. Doch stetige Neubewertungen bei der Impfschutzverlässlichkeit des Wirkstoffs bis hin zu einem Impfstopp im Frühling haben das Vertrauen in das Vakzin zerstört.

Kurz gesagt: Kaum jemand will mehr mit AstraZeneca geimpft werden. Die Nachfrage nach dem Vakzin tendiert mittlerweile gegen Null. Auch in Castrop-Rauxel vertrauen Impflinge lieber den Kanülen mit Biontech, Moderna oder Johnson & Johnson, wie der Allgemeinmediziner Dr. Holger Knapp sagt.

Belastendes Thema

„Tatsächlich ist das ein sehr belastendes Thema, als Erstimpfung ist AstraZeneca überhaupt nicht mehr gefragt. Die Leute orientieren sich auch bei der Zweitimpfung an der Empfehlung der Impfkommission, die eine Kreuzimpfung vorschlägt“, so Knapp.

Das meint, dass einer Erstimpfung mit einem Vektorimpfstoff wie AstraZeneca oder Johnson & Johnson eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff wie Biontech oder Moderna folgen sollte, um den größtmöglichen Schutz gegen eine Covid19-Infektion zu gewährleisten.

„Was Empfehlungen für Zweitimpfungen angeht, für Leute, die mit Johnson & Johnson geimpft wurden, ist von Seiten der Impfkommission bisher nicht kommuniziert worden“, sagt Knapp.

Vakzin mit schlechtem Image

Das Vakzin von AstraZeneca hätte einfach ein schlechtes Image. Es werde nicht mehr gewünscht. Nur: 300 Dosen lagern noch im Kühlschrank von Knapp, wie er sagt. „Bestellt wurden sie zur Impfaktion in Ickern zu Ostern. Sie sind jetzt noch bis Silvester haltbar“, sagt der Arzt, er in Castrop-Rauxel impfte wie kaum ein zweiter.

Bis dahin, so hofft er heute, würden die Dosen noch verimpft werden können. Anderenfalls sehe er aktuell keine andere Möglichkeit, den Impfstoff los zu werden. Es gebe derzeit keine Empfehlung von den Kassenärztlichen Vereinigungen, wie mit überschüssigen Dosen umgegangen werden könnte. Sicher ist aber: Retouren sind nicht möglich.

Eigentum des Bundes

„Genau genommen sind die Impfstoffe Eigentum des Bundes, der sie an die Länder verteilt hat“, erklärt Vanessa Pudlo, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). „Die Koordinierung der Verteilungen an Ärzte und Impfzentren werden durch die Kassenärztlichen Vereinigungen übernommen. Deshalb muss letztlich der Bund entscheiden, was mit überschüssigen Dosen passiert.“

Auch wenn die Mindesthaltbarkeit noch gegeben sei, könne man keine Retouren annehmen, da nicht nachvollziehbar wäre, ob die Kühlkette für die Impfstoffe durchweg eingehalten worden wäre, sagt Pudlo.

„Es gibt aber die Möglichkeit, dass Arztpraxen ihre überschüssigen Dosen an Impfzentren abgeben. Oder Impfzentren untereinander können die Impfdosen tauschen“, erklärt die KVWL-Sprecherin.

Bundesgesundheitsministerium ist gefragt

Dr. Alexander Senge ist Sprecher der Castrop-Rauxeler Ärzte – und wenn es nach ihm ginge, dann sollten die überflüssigen AstraZeneca-Dosen an die Länder gespendet werden, die derzeit noch unter Impfstoffmangel litten. Genau das wird aktuell im Bundesgesundheitsministerium als Option diskutiert. Aber bisher gibt es dazu noch keine Entscheidung.

Dass im Impfzentrum des Kreises Recklinghausen übriggebliebene Impfdosen zum Problem werden könnten, ist laut Kreissprecherin Lena Heimers noch kein Thema. „Wir hatten ein einziges Mal den Fall, dass ein Vakzin unbrauchbar gemacht werden musste, weil es zu einem Fehler bei der Aufbereitung gekommen war“, sagt Heimers.

Vakzin unbrauchbar machen

Unbrauchbar machen, dass hieße konkret, dass der Impfstoff zum Beispiel in ein Küchentuch gespritzt werden könne. Die leere Kanüle werde dann separat entsorgt.

„Da das Impfzentrum zuvor noch eine Übersicht der Impflinge und des zu bestellenden Impfstoffs über Terminvergabe regulieren konnte, ist es nicht so weit gekommen, dass wir überschüssigen Impfstoff gehabt hätten. Und wenn, dann konnte der kurzfristig verimpft werden an Menschen, die eigentlich einen späteren Termin gehabt hätten“, erklärt die Kreissprecherin.

Organisatorische Herausforderung

Seit dem Wegfall der Impfpriorisierung sei das zwar organisatorisch zu einer echten Herausforderung angewachsen, doch man hätte es trotzdem geschafft.

Und heute? „Da AstraZeneca für die Erstimpfung nicht mehr infrage kommt, werden Dosen derzeit nur noch nachbestellt, wenn Impflinge ausdrücklich eine homologe Immunisierung wünschen. Das heißt, dass beide Impfungen mit demselben Wirkstoff stattfinden sollen“, sagt Lena Heimers.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Fabian Paffendorf, Jahrgang 1978, kam 2003 zum Journalismus. Ursprünglich als Berichterstatter im Bereich Film und Fernsehen unterwegs, drehte er kleinere Dokumentationen und Making-Of-Berichte für DVD-Firmen. In diesem Zusammenhang erschienen seine Kritiken, Interviews und Berichte in verschiedenen Fachmagazinen und bei Online-Filmseiten. Seit 2004 ist der gebürtige Sauerländer im Lokaljournalismus unterwegs. Für die Ruhr Nachrichten schreibt er seit Herbst 2013.
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