Wo jetzt noch weit und breit kein Gebäude steht, soll es bald Gewerbe und Wohnraum geben, nicht allen in Castrop-Rauxel passt das. © Rebekka Wölky
Stadtentwicklung

Wohnen oder Wirtschaft? Der große Streit der Castrop-Rauxeler Politik

In Castrop-Rauxel gibt es noch eine große Fläche zu bebauen. Was damit passieren soll, spaltet die Politik in Castrop-Rauxel. Am Ende steht die Frage: Wohnen, Gewerbe oder eine Mischung?

Wer an der B235 zur L’Osteria oder zum Café Del Sol fährt, der kann sich den Spaß machen und kurz vor dem Parkplatz des EvK rechts ins Feld gehen. Was auf den ersten Blick einfach nach einer großen Wiese aussieht, ist seit Jahren der Zankapfel der Castrop-Rauxeler Politik: die Potenzialfläche Ost, auch bekannt als Xscape-Fläche.

Ein Blick ins Archiv unserer Redaktion zeigt – dass schon seit Anfang der 2000er-Jahre die Diskussion tobt, was aus der günstig gelegenen Fläche werden soll. Nach ewigem Hin und Her über das Mammut-Sport- und Freizeitprojekt „Xscape“ platze das ambitionierte Vorhaben 2003.

Seitdem lagen etliche Vorschläge auf dem Tisch. Diskutiert wurden ein Gesundheitszentrum, Ärztehaus, Freifläche, eine Ikea-Filiale oder Wohnbebauung. Auch den Lass-uns-mal-auf-einen-Investor-mit-toller-Idee-warten-Plan gab es schon.

Versprechungen seit 20 Jahren

2004 kämpften Bürgermeister Nils Kruse (CDU) und sein SPD-Herausforderer Johannes Beisenherz (SPD) um das Bürgermeister-Amt. Schon damals war die Potenzial-Fläche Ost ein heißes Thema. Beisenherz warf seinem Kontrahenten in einer Diskussionsrunde vor: „Sie erzählen uns nun schon seit eineinhalb Jahren, dass es viele Interessenten für das Xscape-Gelände gibt und ein Vertragsabschluss kurz bevorsteht, aber konkret tut sich offenbar gar nichts.“

Beisenherz gewann die Wahl; auf der Xscape-Fläche tat sich aber nichts. 17 Jahre später ist Johannes Beisenherz schon lange nicht mehr Bürgermeister, und die Xscape-Fläche ist weiter eine Wiese.

Eine Luftaufnahme des Xacape-Gelände an der B235 in Rauxel.
Eine Luftaufnahme des Xacape-Gelände an der B235 in Rauxel. © RVR 2020 Aerowest © RVR 2020 Aerowest

Die Debatten änderten sich wenig: Im Wahlkampf 2020 um das Amt des Bürgermeisters zwischen Oliver Lind (CDU) und Rajko Kravanja (SPD) betonten beide Kandidaten die Bedeutung der Fläche in Castrop-Rauxel. Oliver Lind sagte im Duell vor der Stichwahl: „Auf das ganz Besondere warten wir da seit 20 Jahren, wir sollten jetzt erst mal rangehen.“ Der spätere Wahlsieger Kravanja betonte, dass es vor allem nachhaltige Arbeitsplätze brauche: „Uns hilft nicht die nächste Logistikhalle.“

Jetzt soll es wieder einmal vorangehen für die Fläche. (Einen Satz, den Politiker übrigens auch schon seit Anfang der 2000er-Jahre sagen, wenn es um die Xscape-Fläche geht.) 2019 hat der Rat eine Studie in Auftrag gegeben, die prüfen soll, was man mit der Xscape-Fläche machen könnte.

Isek (Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept Stadtmittelpunkt) nennt sich das Ganze. Beim Isek geht es aber nicht nur um die Xscape-Fläche, sondern um den gesamten Stadtmittelpunkt, also den Forumsplatz, das Rathaus, die Optimierung von Radverkehr und die Fläche neben dem Hallenbad. Auf mehr als 180 Seiten werden etliche neue und alte Maßnahmen aufgeführt, die den Stadtmittelpunkt voranbringen sollen.

Studie vereint Wohnen und Gewerbe

Aber zurück zur Xscape-Fläche oder Potenzialfläche Ost, wie sie in der Studie heißt. Im Isek wurde für die Xscape-Fläche geprüft, ob es neben der Ansiedelung von Gewerbe auch Wohnfläche geben könnte und wie sich das Ganze realisieren ließe.

Wörtlich heißt es: „Durch die Mischung von Wohnen und Gewerbe soll der Stadtmittelpunkt belebt werden.“ In der Studie wird für die Nutzung ein Mix aus bezahlbarem Wohnraum, Bereiche für Gesundheitswirtschaft und nicht wesentlich störendem Gewerbe vorgeschlagen.

Die Xscape-Fläche, oder Potenzialfläche Ost ist insgesamt 14,5 Hektar groß. Wenn man Grünflächen, Freiräume und öffentliche Straßen herausrechnet, bleiben 33 Prozent der Fläche über. Diese 33 Prozent, das Nettobauland, entsprechen 4,7 Hektar. Davon sollen 49 Prozent von Gewerbe eingenommen werden. 23 Prozent gehen auf den Campus, der Forschung beheimaten soll, 21 Prozent sind für Wohnungen vorgesehen und 7 Prozent fallen in die Mischnutzung.

Während die Anbindung mit dem Auto durch die B235 und die A42 geradezu optimal ist, sieht es für Fußgänger und Radfahrer deutlich schlechter aus. Auch beim ÖPNV sei noch Luft nach oben. Im Isek findet sich der Vorschlag, Bushaltestellen für die Linie 481 zu bauen, um eine Verbindung zum Hauptbahnhof zu schaffen.

CDU und FDP unzufrieden mit Planung

Die Ergebnisse der Studie wurden am 2. September in der Rats-Sitzung diskutiert. Sehr unglücklich mit der Kombination aus Wohnen und Wirtschaft zeigte sich die CDU. Yasemin Breilmann betonte, dass es in Castrop-Rauxel eine hohe Nachfrage nach Gewerbeflächen gibt.

Sie fordert, dass die Xscape-Fläche als „Filetstück“ nicht für Wohnbebauung genutzt wird. Außerdem sei Gewerbe auf der Potenzialfläche eine Chance für das klamme Castrop-Rauxel, durch die Gewerbeeinnahmen und Investitionen aus dem Minus zu kommen.

Ebenso sieht es Nils Bettinger (FDP), der sich sehr unzufrieden mit der aktuellen Planung zeigt: „Wir haben keine Gewerbeflächen mehr.“ Momentan könne man Geldgebern in Castrop-Rauxel nichts anbieten. Aus Sicht der FDP gebe es keinen besseren Standort für eine Gewerbefläche.

Der Rat bei seiner Sitzung am 2. September in der Europahalle.
Der Rat bei seiner Sitzung am 2. September in der Europahalle. © Nora Varga © Nora Varga

Die SPD hielt dagegen und verteidigte das Isek. Der Fraktionsvorsitzende Daniel Molloisch räumte zwar ein, dass es Gewerbe braucht, aber „wir können ja das eine tun, ohne das andere zu lassen.“ Nur rund 20 Prozent der Fläche seien für Wohnbebauung vorgesehen. Er hält die Verhältnismäßigkeit zwischen Wohnraum und Gewerbe für gegeben und lobt die Vorlage der Verwaltung.

Stadt auf Fördermittel angewiesen

Annette Korte von der FWI sieht mit Blick auf die finanzielle Situation von Castrop-Rauxel keinen Spielraum bei den Vorschlägen aus der Studie. Nur durch die Umsetzung des ISEK könne man sich Fördermittel sichern. Verzichte man auf den Wohnraum, würde die Erschließung des Geländes teurer und das Geld an anderer Stelle fehlen.

Bert Wagener von den Grünen fügte hinzu, dass es sich bei dem Vorschlag erst mal um ein Konzept handele. Gerade vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Stadtentwicklung müsse man sich fragen, wie viel Versiegelung Castrop-Rauxel noch ertragen könne.

So kommt auch die Studie zu dem Schluss, dass es „Gefahr von Überschwemmung durch Starkregenereignisse“ gibt. Mit den Stimmen von SPD, Grünen, FWI und Fraktion wurde die Verwaltung beauftragt, das Gutachten als Grundlage für die nächsten Schritte zu verwenden. Sollte es auf dessen Basis zur Entwicklung der Xscape-Fläche kommen, wird es neben Gewerbe auch Wohnbebauung geben.

Bis es dazu allerdings kommt, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. Es ist alles andere als ausgeschlossen, dass es auch beim nächsten Kommunalwahlkampf wieder um die Xscape-Fläche gehen wird.

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
Zur Autorenseite
Nora Varga

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.