Corona und Juniorenfußball: Viele Kreise von Meldezahlen überrascht

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Welche Auswirkungen hat Corona eigentlich auf die neue Saison im westfälischen Jugendfußball? Dieser Frage sind wir nachgegangen – und auf einige überraschende Antworten gestoßen.

Westfalen

, 12.08.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dominik Lasarz ist ziemlich ratlos. Der Vorsitzende des Kreisjugendausschusses (KJA) Recklinghausen muss auch zur Saison 2020/21 wieder einen Rückgang der gemeldeten Mannschaften verbuchen. Und das in erheblichem Maße. „Nach aktuellem Stand werden wir zehn Prozent unserer Mannschaften verlieren, das sind etwa 60 Teams weniger als in der vergangenen Saison.“

Vor einem Jahr standen noch 574 Jugendteams in der offiziellen Statistik. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor hatte Recklinghausen als einer der größten Kreise im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) noch über 800 Nachwuchsteams gemeldet.

Corona allein ist nicht Schuld

Mit Blick auf diese Entwicklung wäre es für Dominik Lasarz zu einfach, den aktuell starken Rückgang auf die Corona-Pandemie zu schieben. „Wir sehen hier eine generelle Entwicklung, die uns vor allem in den älteren Jahrgängen und im Mädchenbereich trifft.“

Das Problem des Funktionärs: Eine echte Erklärung für den kontinuierlichen Rückgang hat er nicht parat. Er kann nur mutmaßen: „Ich denke, dass das veränderte Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen eine Rolle spielt. Früher, zu meiner Zeit, gab es das eine Hobby: zum Beispiel Fußball. Heute ist die Palette an Angeboten einfach viel größer.“

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Dennoch ist der starke Rückgang in Recklinghausen im Vergleich zu benachbarten Kreisen auffällig. Denn die vermelden zum Teil sogar steigende Zahlen. Davon berichtet beispielsweise Ulrich Ritter, Jugend-Vorsitzender im Kreis Unna/Hamm: „Wir haben hier einen leicht positiven Trend, werden uns wohl von bisher 360 auf etwa 380 Mannschaften verbessern.“

Das erklärt sich Ulrich Ritter vor allem damit, dass zahlenmäßig stärkere Jahrgänge jetzt nachrücken. Dazu muss allerdings auch erwähnt werden, dass Unna/Hamm 2019 in der FLVW-Statistik der Fußballkreis mit dem stärksten Rückgang (29 Mannschaften) im gesamten Verband gewesen ist.

Verwunderung über stabile Meldezahlen

Ebenfalls keinen Grund zur Klage sehen die Jugendvorsitzenden der Kreise Dortmund, Münster und Iserlohn, die alle von mehr oder weniger gleichbleibenden Meldezahlen im Vergleich zur Vorsaison berichten. Und darüber sind sie doch ein wenig verwundert.

„Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass sich nach Corona etwas tun wird – und zwar im negativen Sinne. Das ist aber überhaupt nicht der Fall, wir werden uns wie letzten Jahr bei etwa 650 Mannschaften einpendeln“, sagt Andreas Edelstein aus dem Kreis Dortmund. Als möglichen Grund dafür führt Edelstein an, dass die Vereine im Kreis Dortmund „seit Beginn der Krise viel auf die Beine gestellt haben, um die Kinder an sich zu binden“.

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Auch im Kreis Münster, dem verbandsweiten Spitzenreiter bei der Zahl der Jugendteams, hat die Krise offenbar nicht dazu geführt, dass weniger Kinder und Jugendliche kicken wollen. „Ich hatte eigentlich mit mehr Abmeldungen gerechnet“, sagt der KJA-Vorsitzende Bernhard Niewöhner. Nun stehen für seinen Kreis nach 703 Teams in der Vorsaison sogar 707 in der Statistik. „Dabei müssen wir aber berücksichtigen, dass eine ganze Liga aus dem Kreis Beckum zu uns rüber gewechselt ist“, so Niewöhner.

Doch bei aller Freude über stabile Meldeergebnisse in vielen Kreisen: Insgesamt sind die Zahlen im FLVW seit dem Rekordjahr 2007 mit 12.083 Mädchen- und Jungenteams im Verbandsgebiet stetig zurück gegangen. 2019 waren nur noch 8778 Mannschaften gemeldet, die geringste Zahl seit 1994. Die Auswertung für 2020 veröffentlicht der Verband erst am 1. Oktober. Gerade im Mädchenbereich sind die Zahlen zuletzt stark rückläufig gewesen. Im Kreis Ahaus/Coesfeld aktuell zum Beispiel um ganze zehn Prozent.

Der Mädchenfußball ist ein Sorgenkind im FLVW. Die Zahl der Spielerinnen ist in vielen Kreisen rückläufig.

Der Mädchenfußball ist ein Sorgenkind im FLVW. Die Zahl der Spielerinnen ist in vielen Kreisen rückläufig. © Johannes Kratz

Dieser Rückgang beschäftigt natürlich auch den Vorsitzenden des Verbandsjugendausschusses, Harald Ollech aus Lippstadt. „Sicherlich sind demografischer Wandel und größere schulische Belastung gerade bei Jugendlichen ab dem C-Junioren-Alter ein Grund“, so Ollech. „Aber die Thematik ist vielfältiger. Unsere Gespräche mit vielen B- und C-Junioren haben zum Beispiel auch ergeben, dass die Trainer oft ein Grund dafür sind, dass sich Fußballer abmelden.“

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Und zwar sei es zunehmend ein Problem, dass der Leistunsgsgedanke zu sehr im Vordergrund stehe, obwohl mancher Jugendliche einfach nur ohne großen Druck Fußball spielen wolle. „Oft sind Trainer zu ehrgeizig. Das kann dazu führen, dass manche Spieler kaum Einsatzzeiten bekommen und dann aufhören.“ Der Verbands-Jugendausschuss erarbeite Lösungen für diese Problematik.

Ehrenamtler fehlen oft

Ein weiteres großes Thema, das fast alle befragten Verantwortlichen aus den verschiedenen Fußballkreisen beklagen, ist die Schwierigkeit, Ehrenamtliche für den Nachwuchsbereich zu finden. „Früher war es oft so, dass der Bergmann ab Mitte 50 oder auch der Lehrer am Nachmittag mehr Zeit hatten, sich im Jugendfußball einzubringen“, sagt etwa Dominik Lasarz aus dem Kreis Recklinghausen. In diese Kerbe schlägt auch der VJA-Vorsitzende Ollech. „Die Arbeitswelt hat sich verändert, ganz klar. Und dadurch fehlen an viele Stellen Ehrenamtler.“

Bernhard Niewöhner beobachtet in Münster in diesem Zusammenhang, das Phänomen des „Job-Sharings“, wie er es nennt. „Früher war meist ein Trainer allein für eine Jugendmannschaft verantwortlich. Aber viele schaffen das heute nicht mehr in dem Umfang und machen den Job dann eben zu zwei oder zu dritt, damit immer jemand beim Training und den Spielen dabei sein kann.“

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Generell müssen sich die Vereine einiges einfallen lassen, um den Nachwuchskickern das Spielen zu ermöglichen. So erleben Jugend-Spielgemeinschaften weiterhin einen Boom, weil Vereine in einzelnen Jahrgängen nicht mehr genügend Spieler für eine eigenständige Mannschaften zusammenbekommen.

In der vergangenen Spielzeit waren laut FLVW-Statistik 16 Prozent aller gemeldeten Mannschaften Zusammenschlüsse aus zwei oder mehr Vereinen. Das sei natürlich besser, als eine Mannschaft wegen zu weniger Spieler in einem Jahrgang gar nicht anzumelden, räumt Harald Ollech ein. Diese Entwicklung werde sich auf lange Sicht aber auch im Seniorenbereich niederschlagen.

Harald Ollech blickt mit Sorge auf die Saison

Auf die nähere Zukunft, nämlich die Anfang September startende Saison, blickt der Vorsitzende des Jugendausschusses mit einem gewissen Unbehagen. „Wir haben schon vieles getan, damit die Kreise Luft haben, ihren Ligenbetrieb möglichst komplett durchziehen können. Die Westfalenpokalwettebewerbe der B- und C-Junioren sowie der B-Juniorinnen fallen komplett aus, auch die Westfalenmeisterschaft in der Halle wird es im Winter nicht geben und unsere Talentfördermaßnahmen sind erstmal zweit- oder drittrangig.“

Harald Ollech (M.), Vorsitzender des Verbands-Jugendfußballausschusses

Harald Ollech (M.), Vorsitzender des Verbands-Jugendfußballausschusses © FLVW

Aber selbst mit diesem terminlichen Spielraum schwebt das Coronavirus wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Spielbetrieb. Das bereitet auch dem Münsteraner Bernhard Niewöhner Sorge: „Die Schwierigkeit ist, dass es keine einheitlichen Vorgaben gibt. Überall gelten andere Regelungen.“ Auch zeitlich könne es Schwierigkeiten geben, wenn zum Beispiel nicht zwei Minikickerspiele parallel auf dem einem Großfeld stattfinden dürfen.

Andreas Edelstein fordert Disziplin

Für den Dortmunder Andreas Edelstein liegen die Probleme weniger auf dem Spielfeld als drumherum. „Es herrscht doch vielerorts schon eine gewisse Disziplinlosigkeit, auch auf den Zuschauerrängen an Fußballplätzen. Da steht jeder in der Verantwortung, seinen Teil beizutragen, um weitere Infektionen zu vermeiden.“

Dass Corona den Spielbetrieb beeinträchtigen könnte, befürchtet auch Harald Ollech: „Ich muss schon sagen, dass ich mit einem mulmigen Gefühl auf die Saison blicke. Es kann vieles passieren, gerade wenn es wieder kälter wird, weil Corona längst noch nicht überstanden ist. Aber ich würde mich aber freuen, wenn ich da falsch liege. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt.“

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