Einmal Star und zurück – Thomas Schmitt startet neuen Lebensabschnitt in Ottenstein

mlzLeichtathletik

Von der Weltspitze bis ins sportliche Tief erlebte Thomas Schmitt in den vergangenen fünf Jahren fast alles. Jetzt will der Kugelstoßer nach seinem Umzug nach Ottenstein wieder angreifen.

Ahaus

, 13.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der Turnhalle der Ahauser Aabachschule hat sich Thomas Schmitt Zeit für ein Gespräch genommen. An diesem Mittwoch wird er wie so oft für sich allein trainieren. Kein Wunder, denn in der Leichtathletik-Abteilung des VfL Ahaus ist er so ziemlich der einzige erwachsene Wettkampfsportler. Erst recht im Kugelstoßen. Die Kugeln mit dem entsprechenden Gewicht hat der Verein extra für ihn angeschafft – soll Schmitt doch ein neues Aushängeschild für den VfL werden, wie Abteilungsleiterin Petra Machill sagt.

Thomas Schmitt, aufgewachsen in Kerpen im Rheinland, war schon als Kind und Jugendlicher ein erfolgreicher Kugelstoßer, gehörte von 2005 bis 2008 dem Bundeskader an. Doch ins Rampenlicht katapultierte sich der Drehstoß-Techniker im Jahr 2015. Genauer gesagt am 21. März 2015. Bei einem Sportfest in Übach-Palenberg bei Aachen stieß er die Kugel auf 21,35 Meter. Eine Wahnsinns-Weite für jemanden, dessen Bestleistung bis dahin bei 19,07 Metern gelegen hatte.

Von jetzt auf gleich in die Weltspitze

Mit diesem Versuch drang der damals 26-Jährige von jetzt auf gleich in die Weltspitze vor. Die 21,35 Meter bedeuteten zu der Zeit Platz zwei in der Weltjahresbestenliste und bis heute Platz acht in der ewigen deutschen Bestenliste – Schmitt bewegt sich damit etwa auf einem Level mit Ex-Europameister Ralf Bartels. Kein Wunder, dass dieser Ausrutscher nach oben für jede Menge Wirbel in der Szene sorgte. Ein gewisses Misstrauen kam schon direkt beim Wettkampf auf.

In der Umkleide der Aabachhalle erinnert sich Thomas Schmitt. „Ich hatte vorher noch nie so weit gestoßen. Aber an dem Tag passte alles perfekt. Ich hatte mich ja mit Versuchen weit über 19 Meter schon angenähert. Aber als dann die 21,35 gelungen sind, haben erst mal alle komisch geguckt – und dann gejubelt.“ Die Kampfrichter wogen zunächst mal die Kugel und durchsuchten anschließend auch Schmitts Tasche. „Es gab wohl den Verdacht, dass ich irgendwie heimlich eine leichtere Kugel verwendet hätte. Aber das war natürlich Unsinn.“

Thomas Schmitt: „Es gab auch Missgunst“

In den Tagen nach diesem außergewöhnlichen Erfolg prasselte einiges auf den damaligen Lehramtsstudenten ein. Berichte und Interviews in Tageszeitungen und Fachmagazinen, stets begleitet von der Frage, ob denn da in Übach-Palenberg alles mit rechten Dingen zugegangen sei. „Viele Leute haben sich für mich und mit mir gefreut, aber es gab auch Missgunst“, blickt Schmitt zurück. „In vielen Foren haben sogenannte Experten diskutiert und meine Leistung infrage gestellt. Ich habe mich damals zurückgehalten. Aus heutiger Sicht würde ich in die Offensive gehen und meine Sicht der Dinge erklären.“

Thomas Schmitt bei der NRW-Hallenmeisterschaft 2020 in Dortmund

Thomas Schmitt bei der NRW-Hallenmeisterschaft 2020 in Dortmund © Wolfgang Birkenstock

Im August 2015 stand die Weltmeisterschaft in Peking an. Schmitts Leistung fand damals keine Berücksichtigung, obwohl er die Norm von 20,60 Metern deutlich übertroffen hatte. „Damals wurden aber nur Leistungen gezählt, die ab dem 1. April erbracht worden sind“, so Schmitt. Somit kam sein Wunderstoß eine Woche zu früh. Doch heute fragt er sich, warum der Bundestrainer ihn nicht trotzdem nominiert hat. „Was hätte es geschadet? Ich hätte Erfahrung sammeln, meine Leistung vielleicht bestätigen können.“ Doch genau das sollte nicht gelingen.

Zu jener Zeit startete Thomas Schmitt für das Team der Sporthochschule Köln, ehe er zum Spitzenklub Bayer Leverkusen wechselte. Doch auch dort sollte es nicht mehr klappen mit Stößen in den Bereich seiner Bestmarke. „Ich bin mit dem Erwartungsdruck einfach nicht zurechtgekommen. Ich habe das Problem zwar erkannt und auch mit einer Sportpsychologin zusammengearbeitet, aber sportlich hat mir auch das nicht geholfen.“

Jetzt lesen

Im Oktober 2017 fasste der 2,03 Meter große Rheinländer dann den Entschluss, die Kugel in den Schrank zu legen und seine Laufbahn zu beenden. An der Stätte seines größten Erfolgs, in Übach-Palenberg, bestritt er seinen vorerst letzten Wettkampf. „Die Frage, für wen mache ich das alles, konnte ich nicht mehr mit ‚für mich‘ beantworten“, erklärte Thomas Schmitt damals in einem Interview mit dem Online-Portal leichtathletik.de.

Doch lange konnte er nicht von seiner Leidenschaft lassen, die er als Elfjähriger für sich entdeckt hatte. Im hessischen Hofgeismar, seinem damaligen Wohn- und Dienstort als Referendar, fing er langsam wieder an und feierte als Hessischer Landesmeister auch wieder Erfolge. Doch dann folgte ein nächster Tiefschlag.

Schmitt hatte auf Lehramt studiert, wollte Physik und Mathematik unterrichten. Wegen der anstehenden Prüfungen habe er 2019 kaum noch trainiert. Diese Prüfungen verliefen dann aber negativ, aus der Lehrertätigkeit wurde nichts und Schmitt war in einem mentalen Tief. „Als Arbeitsloser fehlte mir danach dann auch die Motivation für den Sport.“

Jetzt lesen

Doch im Laufe des Jahres ging es wieder bergauf für Thomas Schmitt. Beim Brennelemente-Zwischenlager fand er einen Job im Bereich Strahlenschutz. Seit November lebt er in Ottenstein, die Freundin zieht demnächst nach. „Ahaus ist für mich ein neuer Lebensabschnitt“, sagt der 31-Jährige, der sich sofort dem VfL Ahaus als nächstgelegenem Verein angeschlossen hat.

Und auch sportlich geht es seither wieder voran. Dreimal pro Woche trainiere er 60 bis 90 Minuten. Das sei zwar nichts im Vergleich zu früheren Zeiten, als er zehnmal pro Woche zwei Stunden im Training gewesen sei, „aber ich merke deutlich, wie mein Körper immer fitter wird“. Vor knapp zwei Wochen belegte er bei den NRW-Meisterschaften in Dortmund den zweiten Platz.

Beim VfL wolle er künftig auch den Nachwuchs in den verschiedenen Wurfdisziplinen trainieren und es mit den eigenen Ambitionen erst einmal nicht übertreiben. „In der Hauptklasse der Männer überlasse ich das Feld den jungen Wilden“, sagt Schmitt. „Aber wenn ich die Altersklasse 35 erreicht habe, würde ich schon mal wieder gern zu einer Deutschen Meisterschaft.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt