Bundesliga-Schiri Sören Storks: „Ich versuche, die Ruhe selbst zu bleiben“

Fußball

Vor dem Bundesligastart spricht Sören Storks aus Ramsdorf über den Job als Schiedsrichter im Fußball-Oberhaus und wie es sich damit im Alltag im Westmünsterland lebt.

Kreis

16.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Bundesliga-Schiri Sören Storks: „Ich versuche, die Ruhe selbst zu bleiben“

Sören Storks, Schiedsrichter aus Ramsdorf, geht in seine dritte Bundesliga-Saison © picture alliance / Uwe Anspach/d

Das Gespräch mit dem 32-jährigen Schiedsrichter führte Silvia Ochlast von Radio WMW.

Vorweg erst einmal: Sieze ich Sie, duze ich Dich?
Also, im Sportlerbereich duzt man sich eigentlich und das machen wir hier einfach auch, würde ich vorschlagen.

Und wie ist das mit den Spielern auf dem Platz?
Wenn man alles nach Vorschrift und ganz genau nimmt, dann sollte man sich eigentlich respektvoll siezen. Aber auch da gilt: Unter Sportlern duzt man sich eigentlich, das finde ich auch besser. In der Regel werden wir von den Spielern auch geduzt, da ergibt sich in der Regeln ein sportliches „Du“.

Gucken wir ein bisschen hinter die Kulissen. Wir kennen das ja, wie es ist, als Zuschauer im Stadion anzukommen. Wie ist bei Dir?
Also bis zu dem Zeitpunkt, wo der normale Zuschauer ins Stadion kommt, ist schon eine ganze Menge passiert. In der Regel sind wir einen Tag vorher angereist und haben einen gemütlichen Teamabend, wo wir uns schon über die vergangene Woche unterhalten, über Besonderheiten. Am Nächsten Morgen beim Frühstück ist noch alles ganz normal. Anschließend unterhalten wir uns über besondere Spielertypen der Mannschaften, über die Tabellensituation und so weiter. Anschließend fahren wir, also das Schiedsrichtergespann, so zum Stadion, dass wir zwei Stunden und zehn Minuten vorher da sind. Dann machen wir den Technik-Check. Erst mal wird die Torlinien-Technologie ausprobiert und anschließend wird Kontakt zum Videoassistenten nach Köln aufgenommen, wobei die Funkverbindung überprüft wird.

Wie ist der Moment in so einem komplett leeren Stadion zu stehen, das hinterher voll ist. Geht man da andächtig in jedes Stadion rein?
Man geht da hochfokussiert rein. Es sind einfach so ein paar Basics, die man abarbeiten muss, wo man auch mit der Zeit reingewachsen ist. Wenn man vom Platz wieder runterkommt in die Kabine, dann ist es so, dass man noch einen Kaffee trinkt, oder sich mit dem Beobachter 10, 15 Minuten unterhält und sich schon mal so ein bisschen aufs Spiel einstimmt. Dann haben wir als Schiedsrichter noch die Möglichkeit, uns von einem Physiotherapeuten behandeln zu lassen, ein bisschen massieren und auflockern zu lassen fürs Spiel. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn geht‘s dann raus zum Warmmachen.

Es ist ja eine ganz andere Welt, in der Bundesliga zu sein. Sind die Superstars irgendwie arroganter im Umgang?
Nein, würde ich nicht sagen. Also es gibt die Spielertypen, die sich eher ein bisschen zurückhalten während des Spiels und es gibt Spielertypen wie Thomas Müller von Bayern München zum Beispiel, die öfter Mal Diskussionsbedarf haben, oder auch Sachen einfach offen ansprechen. Es sind ganz verschiedene Charaktere. Da gibt es nicht den einen mustergültigen Profi, der für alle steht, es sind unterschiedliche Typen, die auf ihre Art und Weise alle in Ordnung sind.

Wie ist es denn bei einer Rudelbildung, wenn sich alle Spieler auf einen stürzen. Gibt es da eine Taktik als Schiedsrichter?
Manche wundert es vielleicht, aber ganz viele Situationen mit einer Rudelbildung lösen sich am Ende des Tages sogar ohne meine Mithilfe auf. Von daher versuche ich, wenn ich in eine Rudelbildung involviert bin, einfach Ruhe auszustrahlen. Denn ich glaube, wenn ich da auch noch Hektik reinbringen würde, würde es –Punkt A – unsouverän wirken für die Zuschauer und auch die Spieler und – Punkt B – auch den Erfolg gar nicht bringen, weil ich damit alle nur noch mehr anheizen würde. Insofern versuche ich einfach, die Ruhe selbst zu bleiben und denke, das gelingt mir mittlerweile wirklich gut.

Hast Du ein Ritual vor dem Spiel, kurz bevor es losgeht?
Ja, das ist aber ein ganz bescheuertes (lacht). Das ist nicht direkt vorm Spiel, aber wenn ich im Hotel die Handtücher benutzt habe, nach dem Duschen und so, packe ich wirklich jedes einzelne Handtuch wieder auf eine gerechte Höhe für die Putzfrau hinterher, dass die sich nicht bücken braucht, um dieses Handtuch aufzuheben. Das ist ein bescheuertes Ritual, aber ich mache es wirklich jedes Mal.

Wie war das erste Spiel, das Du gepfiffen hast, der Moment, in dem Du gemerkt hast: Ich bin jetzt in der Bundesliga?
Das erste Spiel war ein besonderes, weil ich in Köln war und da ins kalte Wasser geschmissen wurde, weil der Felix Brych sich verletzt hat. Kurz darauf hatte ich dann mein erstes richtiges Spiel in Gladbach gegen Stuttgart, auf das ich mich viel länger vorbereiten konnte. Der Schmiss ins kalte Wasser war eigentlich viel angenehmer, weil ich vorher keine Zeit hatte, mir groß Gedanken zu machen, und direkt funktionieren musste. Das Spiel in Gladbach ist auch gut gelaufen, aber ich hatte viel mehr Zeit, mit Gedanken zu machen, was vielleicht nicht funktionieren könnte. Ich habe vorher ja schon zweite Liga gepfiffen. Bundesliga ist sicher noch mal was anderes, weil es einfach schneller ist und medial noch mehr Fokus drauf ist. Aber das Spiel ist letztendlich das gleiche und die Regeln auch. Von daher habe ich mich in dem Moment eigentlich relativ wohl gefühlt.

Bundesliga-Schiri Sören Storks: „Ich versuche, die Ruhe selbst zu bleiben“

In brenzligen Situationen die Ruhe behalten, das ist ein wichtiger Grundsatz für Sören Storks. Hier kommt ihm der Frankfurter Ante Rebic ganz nah. © picture alliance / Annegret Hils

Hast Du schon skurrile Situationen erlebt, zum Beispiel mit einem Flitzer, der aufs Spielfeld kommt?
Ja klar, das ist mir auch schon passiert. Aber dann wird das Spiel unterbrochen und mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt. Das ist nicht Wildes.

Was passiert, wenn Du oder ein Spieler während des Spiels mal Pipi musst?
Also, das hatte ich jetzt zum Glück noch nicht. Ich glaube aber auch, dass man das meiste einfach ausschwitzt. Und durch die Rituale, die man hat, weiß man schon, wie man sich vorbereitet. Da kann man alles vorher oder eben in der Halbzeitpause erledigen.

Trinkt man dann zum Beispiel eine halbe Stunde vorm Spiel nichts mehr?
Also ich trinke sogar relativ viel, weil ich glaube, dass der Körper in so einem Spiel, wo man als Schiedsrichter ja auch 12, 13 Kilometer rennt, sehr viel schwitzt und Wasser verliert. Von daher ist viel trinken vorher wichtig, auch für den Kreislauf.

Du stehst im Fokus als Schiedsrichter, auf den ja oft eingekloppt wird. Wie ist das, wenn man ständig kritisiert wird?
Man lernt einfach, damit umzugehen. Es ist immer die Frage nach der Art und Weise, wie man kritisiert wird, ob es noch Niveau hat oder nicht. Die Erfahrung muss jeder für sich selber machen, aber ich komme damit eigentlich gut klar.

Du wurdest mal nach einem Spiel so heftig kritisiert – Erzgebirge Aue fühlte sich so benachteiligt –, dass es sogar eine Strafanzeige gab. Was ist daraus geworden?
Nichts. Es gab ja keinen Grund. Wenn man mal ehrlich ist: Einen schlechten Tag hat jeder mal. Aber da von irgendwelchen Absichten zu sprechen, ist natürlich völlig falsch. Dass sich da dann auch noch irgendwelche Politiker einmischen, um sich zu profilieren, ist für mich eine Sache, die unter die Gürtellinie geht. Für mich war es dann gar nicht mehr möglich, da irgendwie gegenzulenken, das hat eine Eigendynamik aufgenommen, die teilweise nicht mehr sachlich war. Da war ich dann auch nicht mehr bereit, mich dazu zu äußern. Ich muss aber dazu sagen, dass ich dafür Verständnis habe, da ging es für einen Verein, für eine Region wirklich um alles. Da möchte man als Schiedsrichter eigentlich so aus dem Spiel rausgehen, dass man kein Thema ist. Da hatte ich mal einen schlechten Tag, aber es gab auch zig Spiele davor, die gut für mich gelaufen sind.

Ich habe den Eindruck, Du kannst da gut differenzieren und nimmst den Schiedsrichterjob nicht mit nach Hause. Wie ist das zu Hause in Ramsdorf – will die ganze Nachbarschaft mit Dir über Fußball sprechen?
Nee, die Nachbarschaft nicht. Aber irgendwo in der Stadt gibt es natürlich immer Leute, die einen auf Fußball ansprechen. Aber zum Glück habe ich auch ganz viele andere Themen, die ich mit Leuten besprechen kann. Da bin ich ganz froh drum.

Was denn noch?
Ich gehe ja auch noch arbeiten. Zwar ein bisschen reduziert, aber es ist mir auch wichtig, dass ich da noch ein Bein in der „normalen“ Arbeitswelt habe. Von daher habe ich auch mit ganz normalen Problemen zu tun, die andere Leute auch haben.

Wie ist es mit Deiner Frau zu Hause. Ist da Fußball-Redeverbot, oder ist sie auch fußballbegeistert?
Ja, aber es ist auch nicht so, dass wir nur über Fußball sprechen. Natürlich gibt es nach so einem Spiel auch immer mal wieder Geschichten, die vielleicht nicht so gepasst haben, darüber unterhält man sich ganz normal. Dann ist es aber relativ schnell gegessen. Und im Vorfeld muss man sich natürlich über ein paar Termine im Klaren sein. Wann musst Du weg, wann bist Du wieder da und so weiter.

Kannst Du denn in Ramsdorf ganz normal einkaufen gehen, wenn Du gerade ein Bundesligaspiel gepfiffen hast?
Also bei mir dauert es manchmal schon eine halbe Stunde, wo andere fünf Minuten brauchen. Man wird dann doch ab zu mal angesprochen. Aber ich glaube, das ist auf dem Dorf noch was anderes als wenn man in der Großstadt lebt. Ich bin auch nicht die Person, die jemanden abblitzen lässt, sondern unterhalte mich auch gern mit den Leuten.

Was wollen die denn so wissen, wenn die Dich anquatschen?
Ja, das war doch gar kein Abseits in dem und dem Spiel. Ich sage dann, das war nur ein bisschen Abseits, aber Abseits ist Abseits. Eigentlich gibt es jedes Wochenende eine Szene, die ein bisschen diskutabel ist. Dann versucht man mit Hintergrundwissen, den Leuten das zu vermitteln. Das ist dann auch meistens schnell geklärt.

Wie ist das denn in der Freizeit. Gibt es da irgendwelche Auflagen vom DFB, dass Du nicht Extremklettern darfst oder so?
Nein, die gibt es nicht, aber man ist selber schon vorsichtig genug. Ich versuche zwar, möglichst vielseitig unterwegs zu sein und nicht nur das klassische Waldlaufen zu machen, sondern versuche auch, andere Sportarten reinzubringen wie schwimmen, oder jetzt in meinem Kurzurlaub bin ich Mountainbike gefahren. Aber, um zum Thema Sicherheit zurückzukommen: Ich hatte einen Helm auf (lacht).

Hast Du privat einen Lieblingsverein?
Nee, eigentlich nicht. Also ich bin so ein bisschen Ramsdorf verbunden, weil ich da herkomme, aber in der Bundesliga ist mir das eigentlich relativ egal.

Darf ein Schiedsrichter überhaupt einen Lieblingsverein haben?
Tendenz: besser nicht. Aber vieles wird ja schon dadurch ausgeschlossen, dass ich als Westfale zum Beispiel gar nicht Dortmund oder Schalke pfeifen darf, oder in der zweiten Bundesliga Bochum, Bielefeld und Paderborn.

Bundesliga-Schiri Sören Storks: „Ich versuche, die Ruhe selbst zu bleiben“

Hier zeigt der Ramsdorfer Mergim Mavraj vom HSV die Rote Karte im Duell mit dem FC Köln. © picture alliance / Federico Gamb

Kannst Du Dich noch an Dein allererstes Spiel erinnern?
Ja, das war in Reken auf dem Gevelsberg. Das war die C-Jugend von Reken, ich weiß gar nicht mehr gegen wen. Meine Schwester hat mir gesagt, dass ich bei jeder Entscheidung auf den Boden geguckt habe. Da hatte ich sofort so ein Fremdbild, das war wertvoll, um sofort etwas zu verändern. Und so ging es dann immer weiter.

Was ist anstrengender: zwölf Jahre Kreisliga-Schiedsrichter oder Bundesliga?
Das sind verschiedene Ebenen. Also Respekt wirklich vor jedem Schiedsrichter, der hier unterwegs ist und die Kreisliga durcharbeitet. Die persönliche Wahrnehmung der Zuschauer und der Spieler, das ist in der Kreisliga schwerer, glaube ich. Das mediale Umfeld, die Geschwindigkeit und die Zweikämpfe zu entscheiden, das ist im professionellen Bereich ein bisschen schwieriger.

Hast Du ein Ziel? Gibt es das eine Spiel, das Du gern mal pfeifen würdest?
Also erst mal will ich mich weiterhin in der Bundesliga etablieren und versuche, irgendwann mal einen Schritt weiterzugehen. Ich hatte jetzt schon zweimal das Glück, international als vierter Mann zum Einsatz zu kommen, in der Ukraine und auf Zypern. Das war schon mal ein kleines Bonbon und zeigt, wo es vielleicht mal hingehen kann.

Wie ist es mit einer WM irgendwann mal?
Da sind wir dann eher bei Traum als bei Ziel. Spiele der Besten Mannschaften der Welt zu begleiten, das ist noch mal eine andere Hausnummer.

Wie ist es für Dich mit dem Videobeweis? Findest Du das gut?
Ja, wir sagen offiziell aber Videoassistent. Das ist wie so eine Art Fallschirm zu sehen. Wenn wir mal in eine brenzlige Situation kommen oder auch falsch entschieden haben, ist das ein kleiner Rettungsanker. Auf dem Bildschirm sieht man so eine Situation dann noch mal anders und hat die Chance, sie auch anders zu bewerten. Wo wir über das Spiel Darmstadt gegen Aue gesprochen haben: Da wäre so ein Ding gut gewesen und ich hätte mir viel Ärger im Nachgang erspart.

Weiß Du schon, welches Dein erstes Spiel in der neuen Saison ist?
Ja, ich fange jetzt in der dritten Liga an, dann in der zweiten und darauf das Wochenende kann ich mir vorstellen, dass wieder Bundesliga geplant ist. Genaue Informationen habe ich da aber nicht.

Wie ist es nach so einem Spiel, wieder ins Westmünsterland zurückzukommen?
Schön. Ich freue mich immer, nach dem ganzen Trubel um so ein Bundesligaspiel herum hier wieder die Ruhe genießen zu können.

Das komplette Interview können Sie sich hier anhören.

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