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Ein Horrorszenario auf dem Fußballplatz: Kampf um den Ball, ein Spieler bleibt regungslos liegen und droht zu ersticken. An einer solchen Situation war Jannik Kohlar vom FC Vreden beteiligt.

Vreden

, 06.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Wie die Szene im Kreisliga-Heimspiel gegen Fortuna Gronau hätte enden können, das wurde Jannik Kohlar (25) erst viel später bewusst. Es läuft die 56. Minute. Kohlar, Torwart des FC Vreden, rauscht nach einem Freistoß mit dem Gronauer Marcel Ameis zusammen. Der Ball landet im Tor. Doch das wird schnell zur Nebensache. Marcel Ameis bleibt regungslos am Boden liegen. Der Oberkörper zuckt, die Atmung setzt aus. Geistesgegenwärtig handelt sein Gronauer Mitspieler Marcel Bösel. Öffnet seinem Kollegen die verkrampften Kiefer. Greift ihm in den Mund. Und löst die Zunge, die Ameis beim Aufprall auf den Rasen „verschluckt“ hat. Atmung und Bewusstsein setzen wieder ein. Eine vielleicht lebensrettende Maßnahme, wie sich später herausstellt.

„Nicht bewusst, was da gerade passiert“

„Mir war in dieser Situation überhaupt nicht bewusst, was da gerade passiert“, erklärt Jannik Kohlar im Gespräch mit der Münsterland Zeitung. Der Gegenspieler, den er bei seiner Faustabwehr wuchtig am Kopf erwischt hatte, hätte ersticken können. „In solchen Fällen setzt beim Aufprall der Schluckreflex ein, sodass die Zunge in den Rachen gedrückt wird und die Atemwege versperrt. Durch gleichzeitiges Einatmen entsteht ein Unterdruck“, erklärt Dr. Thomas Brüning aus Ahaus, selbst Fußballer und Fachmann für Sportmedizin. „Dann gilt es, schnell zu handeln. Ein, zwei Minuten geht es vielleicht gut - danach wird‘s kribbelig.“

Glücklicherweise griff Marcel Bösel am 16. September schneller ein und reagierte damit instinktiv richtig. „Ich habe mir erst nichts Schlimmes dabei gedacht, als er einfach auf dem Rücken liegen geblieben ist. Ich dachte, der Zusammenprall hat ihm halt weh getan oder er ist nur etwas k.o.“, erzählte Marcel Bösel später. „Viele sagen ja, dass Social Media verblödet. Aber ich habe dort Videos von Profispielen gesehen, in denen Spieler, die auch ihre Zunge verschluckt hatten, so gerettet wurden“, erzählt er. „Das ist mir in dem Moment sofort in den Kopf geschossen.“

Jannik Kohlar realisierte schließlich auch, dass der Gronauer bewusstlos gewesen war, das schockte ihn aber zunächst nicht. „Das Ganze hat vielleicht 10 oder 20 Sekunden gedauert, dann ist er wieder aufgestanden, ging kurz vom Spielfeld und kam wieder rein. Deshalb dachte ich mir, dass es wohl nicht ganz so schlimm war.“ Tatsächlich spielte Marcel Ameis die Partie noch zu Ende und ging auch zwei Tage später wieder zum Training. Fünf Tage darauf attestierte ihm ein Arzt eine Schädelprellung, sodass er im folgenden Spiel aussetzte.

Partie lief ganz normal weiter

Wie kritisch die Situation nach dem Zusammenprall sich wirklich darstellte, war den Wenigsten bewusst. Der Schiedsrichter ließ die Partie ganz normal weiterlaufen, auch die meisten Spieler, die Trainer und Zuschauer - darunter auch die Eltern von Marcel Ameis - waren ahnungslos. Der Vredener Torwart entschuldigte sich nach der Partie noch beim Gegenspieler, danach gab es keinen Kontakt mehr. „Erst als ich das Ganze in den Tagen danach Revue passieren lassen habe, wurde mir klar, dass es auch viel schlimmer hätte enden können.“ Kohlar stellt noch einmal klar, dass er den Gronauer keinesfalls absichtlich getroffen, ihn mit Blick auf den Ball noch nicht mal gesehen habe.

Klärungsversuch von Jannik Kohlar (25) hätte tödlich enden können

Marcel Ameis (r.) mit seinem Kumpel und Retter Marcel Bösel (l.) © Fortuna Gronau


Marcel Ameis unterstellt dem Keeper auch keinesfalls Absicht. „Zum Zeitpunkt, als er zu mir kam, wusste ich noch gar nicht, wofür er sich entschuldigt“, erzählt der Gronauer. Denn niemand hatte ihm bis dahin erzählt, was passiert war. „Ich habe ja weitergespielt in dem Glauben, dass ich einfach einen vor den Schädel bekommen hätte.“ Später in der Kabine kam er dann mit Marcel Bösel ins Gespräch über seinen Treffer und den K.o.. „Ich schieße ja selten Tore und habe dann zu Marcel gesagt: ‚Dann bin ich ja jetzt Zweiter in unserer Torjägerliste‘. Daraufhin meinte er zu mir: ‚Wenn Du weiter so blöde Sprüche bringst, lasse ich die Zunge beim nächsten Mal drin.‘“

Ernsthafte Gedanken

So spaßig dieser Dialog daherkommt, so ernsthafte Gedanken machte sich Marcel Ameis im Nachhinein. „Ich habe schon ein paar Mal darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn... Zum Beispiel haben wir gerade ein Haus gekauft, erst kürzlich den Vertrag unterschrieben. Dann hätte meine Frau damit allein dagestanden.“ Aber auch in die Perspektive seinen Mitspielers versuchte sich der 28-Jährige heinenzuversetzen. „Ich glaube nicht, dass ich in der Situation gewusst hätte, was zu tun ist.“

Das Verhältnis zu seinem Mitspieler und Namensvetter sei durch dessen Rettungstat noch intensiver geworden. „Schon damals, als unser Mitspieler Simon Kalitzki, der ein guter Freund von Marcel war, nach einem Verkehrsunfall verstorben ist, sind wir enger zusammengerückt. Durch diese Aktion noch ein Stück mehr.“

Für die Rettungsaktion hat der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen den beiden Gronauer Spielern Marcel Bösel und Marcel Ameis jetzt zwei Karten für das DFB-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden am 19. November in Gelsenkirchen spendiert.