Kein Kopfballtraining für Kinder: Englisches Modell ist in der Region schon fast Alltag

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In England wird das Kopfballtraining aus dem Kinderfußball verbannt - aus medizinischen Gründen. Welchen Stellenwert genießt das Kopfballtraining noch in der Region? Wir haben nachgefragt.

Kreis

, 27.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es tut sich weiter etwas im Jugendfußball. Die Pilotphase zur Reform des Kinderfußballs läuft gerade in einigen Verbänden, wieder aus Bayern kommen Ideen zur Neustrukturierung der Altersklassen, um der demografischen Entwicklung Tribut zu zollen. Aus England, dem Mutterland des Fußballs, kommen nun weitere neue Vorschläge, die Gesundheitsaspekte in den Mittelpunkt stellen.

Die Fußballverbände Englands, Schottlands und Nordirlands verbannen Kopfbälle aus dem Trainingsprogramm für Kinder. Laut einer Studie haben Fußballer ein erhöhtes Demenzrisiko. Ob dafür Kopfbälle verantwortlich sind, ist unklar – die britischen Verbände reagieren dennoch mit einer Schutzmaßnahme.

Kopfballpendel noch angesagt?

Der deutsche Fußballverband (DFB) empfiehlt zwar Kopfballtraining erst ab 13 Jahren, zuletzt war ein Verbot aber kein Thema. Ob die Zeiten, an denen das berüchtigte Kopfballpendel noch aktuell war, heute noch zeitgemäß sind, dazu haben wir bei Experten einmal nachgefragt.

Gerade bei den jungen Jahrgängen wird das Thema Kopfball sensibel behandelt. Der DFB gibt vor, damit erst ab 13 Jahren zu beginnen.

Gerade bei den jungen Jahrgängen wird das Thema Kopfball sensibel behandelt. Der DFB gibt vor, damit erst ab 13 Jahren zu beginnen. © Angelika Hoof

Marco Wanninger hat als Trainer der E-Junioren-Kreisauswahl tagtäglich mit Nachwuchsfußballern bis elf Jahre zu tun. Und die Vorgabe sei eindeutig: „Wir trainieren Kopfbälle nicht explizit. Allein schon als Vorsichtsmaßnahme.“ Man folge damit den Vorgaben des DFB. Das Kopfballspiel brächten sich die Kinder und Jugendlichen später in der Praxis eh selbst bei.

Langjährige Erfahrung als Trainer im Jugendbereich besitzt Tobias Sumelka, aktuell Coach der B- und C-Jugend der SpVgg Vreden, also der 14- bis 17-Jährigen: „Ich werfe den Jungs alle zwei Wochen vielleicht schon ein paar Bälle zu, hier aber vor allem, um Timing und Sprungkraft zu schulen. Dazu benutzen wir extra Light-Bälle, die bei den kleinsten Fußballern zum Einsatz kommen.“ Explizites Kopfballtraining früherer Tage stehe nicht mehr auf dem Trainingsplan. Die neue Studie rege durchaus dazu an, weiter nach- und eventuell auch umzudenken.

Kopfballtraining ist kein Ausbildungsschwerpunkt

Hendrik Maduschka, Stützpunkttrainer U14/15 und damit in der gleichen Altersklasse aktiv, berichtet, dass das Kopfballspiel nicht ausdrücklich als Schwerpunkt in der technischen Ausbildung aufgeführt ist. „Natürlich bindet man das Kopfballspiel in Spielformen oder im Aufwärmprogramm mit ein. Es lässt sich ja auch kaum vermeiden, zum Beispiel beim Flankentraining.“

In den jüngeren Altersklassen sei – ergänzend zur Aussage Wanningers - ein Kopfballspiel auch aus einem weiteren Grund nicht sinnvoll - abgesehen von medizinischen Aspekten: „Die ‚kognitiven Fähigkeiten‘ – zum Beispiel in Sachen Timing – sind noch gar nicht weit genug ausgebildet.“

Aus Ärztesicht ist die Studie plausibel

Eine ärztliche Einschätzung gibt Dr. Reinhard Bur am Orde, Neurologe aus Ahaus, ab: „Diese Studien sind mir bekannt und die Ergebnisse sind plausibel.“ Das Gehirn von Kindern sei schließlich flexibler, es sei voll in der Entwicklung. Vor allem deshalb gelte es, das Risiko von Frühschäden zu minimieren. Aus medizinischer Sicht entstehen nicht nur durch Zusammenstöße, sondern auch durch Kopfbälle Erschütterungen.

Die Zeiten des intensiven Kopfballtrainings am Pendel sind weitgehend Geschichte. In den älteren Altersklassen beim Nachwuchs wird das Kopfballspiel eher spielerisch eingebunden.

Die Zeiten des intensiven Kopfballtrainings am Pendel sind weitgehend Geschichte. In den älteren Altersklassen beim Nachwuchs wird das Kopfballspiel eher spielerisch eingebunden. © Sascha Keirat

Dass Erschütterungen ein Problem darstellen, dass bestätigt auch Dr. Thomas Brüning, Orthopäde und Unfallchirurg in Ahaus: „Der Worst Case wäre letztlich bei Kindern eine Gefäßverletzung – vor allem bei den Minikickern bis zu den D-Junioren.“ Aus orthopädischer Sicht seien die Bedenken weniger kritisch, die Kopfform sei recht stabil. Problematisch sei es, dass es „keine Beweise“ für die aufgezeigten Zusammenhänge gebe.

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In der Praxis soll es in England so aussehen: Der englische Fußball-Verband hat Kopfballübungen für Kinder im Grundschulalter abgeschafft. Auch im Jugendbereich ab den U12-Junioren sollen Kopfbälle nur noch selten trainiert werden. Bei der U18 sollen sie „soweit wie möglich" reduziert werden. Für Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren werden Abstufungen bei der Häufigkeit des Kopfballtrainings eingeführt. Auf Wettbewerbsspiele soll die Regelung allerdings keinen Einfluss haben.

Übrigens: In den USA hatte der nationale Fußballverband bereits im Jahr 2015 ein Kopfballverbot für Kinder bis zum elften Lebensjahr verhängt. Bis zum 13. Lebensjahr darf nur eingeschränkt geköpft werden.

Die Hintergründe der Studie

  • Hintergrund der neuen Vorgaben in England ist eine Untersuchung aus 2019, die vom englischen Fußballverband, der FA, und der Spielergewerkschaft PFA in Auftrag gegeben wurde.
  • Demnach sterben Fußballprofis im Vergleich zur britischen Gesamtbevölkerung mit einer 3,5 Mal höheren Wahrscheinlichkeit an einer degenerativen Hirnkrankheit.
  • Laut der Studie ist die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, bei Fußballprofis 3,45 Mal höher, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sogar 4,4 Mal höher.
  • Eine Ursache dafür lieferte die Untersuchung - und auch Studien in anderen Ländern aus den vergangenen Jahren - aber nicht. Über einen Zusammenhang mit Kopfbällen wird bisher nur spekuliert, einen wissenschaftlichen Beweis gibt es nicht.
  • Die FA hat sich dennoch mit dem Thema befasst, die Verbandschefärztin Charlotte Cowie sagte: „Es ist unabdingbar, dass wir im Fußball jetzt alles tun, um zu verstehen, was die Gründe für dieses erhöhte Risiko sind, und was wir tun können, um zukünftige Generationen von Fußballern davor zu schützen."
  • Sportmediziner sagen bereits seit den Neunzigerjahren, dass die Gefahr von Langzeitschäden durch Kopfbälle unterschätzt wird.
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