Schiedsrichter Wensing: „Wir sind Teil des Spiels, das müssen alle verstehen“

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Der Rückgang der Schiedsrichterzahl im Fußballkreis ist dramatisch. Wir haben mit Verbandsliga-Schiri Alexander Wensing aus Ahaus über mögliche Ursachen und Lösungen gesprochen.

Ahaus

, 14.01.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Allein in dieser Saison stehen dem Fußballkreis Ahaus/Coesfeld rund 70 Schiedsrichter weniger zur Verfügung als zuvor – ein Rekordrückgang. Aus diesem Grund bringt der Kreis am Mittwoch, 15. Januar, in Legden Schiedsrichter und Vereinsvertreter an einen Tisch, um die Problematik zu erörtern.

Wir haben uns im Vorfeld mit Alexander Wensing (33) von Eintracht Ahaus, einem erfahrenen Unparteiischen, der Spiele bis zur Verbandsliga pfeift, über das Thema unterhalten.

Wie erklären Sie sich den starken Rückgang der Schiedsrichterzahl hier im Fußballkreis?
Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben die Jugendlichen heute mehr um die Ohren, Ganztagsschule und andere Verpflichtungen. Da bleibt insgesamt weniger Zeit für Hobbys. Zum anderen ist es sicher auch abschreckend, was in den Medien zu sehen ist. Gewalt, Bedrohungen oder Beschimpfungen gegen unsere Gilde halten sicher einige davon ab, Schiedsrichter zu bleiben oder zu werden.

Sie haben schon mehrere Jahre Erfahrung an der Pfeife. Inwiefern hat sich der Umgang zwischen Spielern, Trainern und Schiedsrichtern verändert?
Ich habe ja schon mit 16 Jahren angefangen, bin also mein halbes Leben lang Schiedsrichter. Ich kann für mich selbst nicht bestätigen, dass sich das Verhältnis großartig verändert, also verschlechtert hätte. In der Hinrunde der laufenden Saison habe ich 44 Spiele geleitet, dabei nur eine Rote zeigen müssen und keinen Trainer verwarnt. Als Mitglied des Kreisschiedsrichterausschusses lese ich aber schon viele Sonderberichte und Urteile der Sportgerichte zu diesem Thema. Ohne jetzt genaue Zahler vorliegen zu haben, haben diese Vorfälle in den letzten drei, vier Jahren schon deutlich zugenommen.

Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Beleidigungen oder sogar Gewalt gegen sich gemacht?
Ja, schon. Als 18-Jähriger bin ich in einem Kreisliga C-Spiel mal von einem erwachsenen Spieler weggestoßen worden, nachdem ich schon drei Rote Karten gezeigt hatte. Das Spiel habe ich dann abgebrochen und der Spieler wurde für zehn Monate gesperrt. Das war zum Glück eine Ausnahme, Kritik und Beleidigungen kommen allerdings immer mal wieder vor.

Die Berichte über solche Vorfälle häufen sich in letzter Zeit. Ist die Sensibilität einfach eine andere als früher, oder haben sich Häufigkeit und Qualität verschlimmert?
Das ist schwer zu sagen. Vor zehn Jahren gab es noch kein Facebook und Instagram, dadurch hat man vielleicht einfach nicht so viel mitbekommen wie heutzutage. Wenn es jetzt einen Vorfall zum Beispiel in einem unserer Nachbarkreise gibt, geht das sofort durch unsere Schiedsrichtergruppen in den sozialen Medien. Sicher wird das Thema aber auch sensibler behandelt. Kürzlich gab es ja einen großen Bericht über einen jungen Schiedsrichter aus Legden, der in seinem ersten Seniorenspiel umgestoßen worden ist. Das war im Grunde genau die gleiche Situation wie damals bei mir, nur damals war es eine Randnotiz. Ich weiß gar nicht, ob überhaupt was darüber in der Zeitung stand.

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Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um das Gewalt-Problem in den Griff zu bekommen?
Wir müssen da was tun. Zum Beispiel das Pokalfinale der A-Junioren in Dülmen hat ja gezeigt, dass die Probleme nicht nur in Köln oder Berlin bestehen, sondern auch bei uns. Ich denke, dass da zum einen die Vereine gefordert sind, gegenzusteuern. Zum anderen aber auch die Sportgerichte, die mit entsprechend harten Urteilen für Abschreckung sorgen müssen. Denn das verbreitet sich ganz schnell unter Fußballern und kann meiner Meinung auch zu einer Veränderung des Verhaltens führen. Da überlegt man vielleicht doch, sich auf dem Platz lieber zurückzuhalten.

Bei wichtigen Spielen im Fußballkreis werden sogar drei Schiedsrichter als Gespann eingesetzt. In den unteren Spielklassen gibt es oftmals gar keinen mehr.

Bei wichtigen Spielen im Fußballkreis werden sogar drei Schiedsrichter als Gespann eingesetzt. In den unteren Spielklassen gibt es oftmals gar keinen mehr. © Sascha Keirat

Was können die Schiedsrichter vielleicht auch selbst für eine Verbesserung tun?
Wir sind Teil des Spiel, das müssen zunächst mal alle verstehen. Als Schiedsrichter muss man immer kommunikativ bleiben, nicht überheblich auftreten, eigene Fehler auch mal eingestehen, den richtigen Ton treffen und respektvoll gegenüber den Spielern auftreten. Das alles ist aber keine Garantie dafür, dass solche Vorfälle ausbleiben.

Inwiefern ist so eine Veranstaltung, wie sie nun in Legden erstmals verpflichtend stattfindet, sinnvoll?
Überaus sinnvoll, weil sich Vereinsvertreter und Schiedsrichter dabei austauschen können. Es wird auch Tarik Gündogdu vor Ort sein und über seine erfolgreiche Arbeit als Schiedsrichterobmann von Adler Buldern berichten. Er macht das vorbildlich, kümmert sich von Anfang an um „seine“ Schiedsrichter, fährt mit ihnen ins Stadion, zu Schulungen, zu ihren ersten Spielen. Dieses Beispiel zeigt, dass junge Schiedsrichter, wenn man sich 100 Prozent um die Sache kümmert, auch bei der Stange bleiben. Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Jungs bei ihren ersten Spielen nicht allein sind, sondern von erfahrenen Schiedsrichtern unterstützt werden. Daher finde ich auch das Patensystem, das es seit einiger Zeit hier im Kreis gibt, sehr sinnvoll.

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Mal angenommen, die Zahl der Unparteiischen sinkt in den kommenden Jahren weiter in dem Maß wie zuletzt. Welche Folgen hätte das konkret für den Amateurfußball hier im Kreis?
Wir haben jetzt schon seit Wochen und Monaten die Situation, dass wir Spiele in der Kreisliga B der Frauen, Kreisliga D oder C der Männer sowie im B-Jugendbereich nicht mit offiziellen Schiedsrichtern besetzen können. Wenn der Rückgang sich so fortsetzt, wird es dazu führen, dass irgendwann auch in der Kreisliga B, wo ja schon erste Mannschaften mit gewissen Ambitionen spielen, Betreuer die Spiele leiten müssen. Das wäre kein guter Weg für den Fußball.

Warum würden Sie einem Jugendlichen heute trotz der genannten Probleme empfehlen, Schiedsrichter zu werden?
Weil es ein sehr spannendes und abwechslungsreiches Hobby ist. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und stärkt damit seine Persönlichkeit. Gerade als Jugendlicher kann man damit auch sein Taschengeld aufbessern und außerdem erhält man freien Eintritt zu Bundesligaspielen. Es ist ja auch möglich, parallel weiter Fußball zu spielen, weil man ja nur 15 Spiele pro Saison pfeifen muss. Ich kann das jedem nur empfehlen.

Fußballkreis bittet Vereine nach Legden

  • Am Mittwoch, 15. Januar, treffen sich die Vereinsvertreter, die Schiedsrichterbeauftragten der Vereine wie auch die Verantwortlichen des Kreises ab 19 Uhr im Landhotel Hermannshöhe in Legden, um die Ergebnisse der Ursachenforschung im Rahmen eines Workshops vorzutragen und dann über geeignete Maßnahmen zu sprechen.
  • Organisatorin Christel Behmenburg vom Vorstand des Fußballkreises sagt: „Das Thema geht alle an, und die aus dem Schiedsrichterschwund resultierenden Probleme müssen gelöst werden.“ Daher sind die Vereine auch verpflichtend eingeladen worden.
  • Nach einem Input-Referat sollen Handlungshilfen in Arbeitsgruppen diskutiert und benannt werden. Das könnte ein Schritt sein, um neue Schiedsrichter gewinnen zu können, aber auch Maßnahmen zur Erhaltung bereits gewonnener Spielleiter zu entwickeln, so Kreisvorsitzender Willy Westphal.
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