Theke bleibt tabu für Radrenner

Vreden 30 und 50 Kilometer auf den zweirädrigen Sportgeräten stehen zur Auswahl - und eben eine Durchfahrt durch das Reirinksche Gasthaus: Die "Marveld atb-tocht" dürfte in der Liste der spektakulärsten Streckenführungen aller Rad-Renner-Touren einen Spitzenplatz innehaben.

01.01.2008, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Theke bleibt tabu für Radrenner

Mitten durch die urtümliche Gaststube führt die Route, vorbei am Stammtisch mit den gut gelaunten Nachbarn, vorbei am prasselnden Herdfeuer und vorbei am Zapfhahn, den an diesem Tag nicht der Wirt, sondern die fröhlich zechenden Nachbarn selbst bedienen.

Absperrgitter in der Kneipe und eine breite, glitschige Schlammspur auf dem Dielenboden weisen den Radsportlern den Weg: Ein Abstecher an die Theke ist unmöglich. "Bei allem Spaß an der Sache halten wir es für nötig, durch diese Absperrung die Kneipenbesucher und Radler zu schützen. Da soll niemand dem anderen plötzlich in die Quere kommen", erklärt der 60-jährige Ludwig Reirink .

Und er stillt weiteren Erklärungsbedarf: "Aus lauter Jux und Dollerei habe ich dem Veranstalter Henk Hilverink vom RTC Groenlo einmal vorgeschlagen, doch keinen Bogen um meine Wirtschaft zu machen, sondern einfach mitten hindurch zu fahren." Aus der "Eselei" ist mittlerweile längst das Highlight für die Sportler mit ihren Drahteseln geworden. Und jeder, der in den Schankraum fährt, wird mit lautem Hallo begrüßt - der Sportler-Gruß an "Ludwig" bleibt unbeantwortet.

Denn Reirink schiebt auf dem von Rädern und Radsportlern dicht belagerten Hof eine Schiebkarre voller leerer Becher beiseite. Und kümmert sich um die Helfer, die an der Tennentür eine heiße Brühe ausschenken und die frischen "Krentenbollen" (Rosinenbrötchen) anbieten als Stärkung für die Radsportler.

Rund 1000 haben sich am frühen Morgen in Groenlo auf den Weg gemacht - darunter etwa 400 aus dem deutschen Grenzgebiet, wie Hilverink berichtet. Grüppchenweise etwa, wie der Vredener Motorrad-Stammtisch von Reirinks Kollegen Hubert Stroetmann. Der ist selbst vor Ort und begrüßt Christoph Teigelkötter, Martin Tenhumberg, Matthias Upgang und Manfred Höing, die bei der Halbzeit der "Schlammschlacht" die Stärkungs-Pause genießen. Ihr Kollege Klaus van der Aa hat bei dem Nieselregen unterwegs den "zweiten Gang" eingelegt und ist vor- und weggefahren: durch Ludwig Reirinks Kneipe zurück nach Vreden.

Leute treffen

Allein unterwegs ist indes Martijn ten Veen (32) aus Arnheim: "So kann ich mein eigenes Tempo fahren. Leute treffen kann ich dann bei Ludwig Reirink ja genug." Derweil wärmen sich Ewald Krandiek und Reinhard Woltering, zwei Vredener TV-Langstreckenläufer, am offenen Feuer auf und lassen sich die süßen Milchbrötchen schmecken.

Lauf- und Radkollege Uli Benke hat nicht so viel Muße: Der 54-Jährige hat bei seiner vierten "ATB-Feldtocht" noch kein so "schmuddeliges Wetter" erlebt: "Nur schnell nach Hause in trockene und warme Klamotten", ist sein Motto. Und diesmal hat er sich wenig ergötzt an der Durchfahrt durch die Lehmkuhlen "De Leemputten" auf niederländischer Seite und durch die "Seerose" auf Vredener Land. Knietiefer Matsch und immer wieder Schlammpassagen, etwa auf dem brachliegenden Maisacker, fordern die ganze Aufmerksamkeit der Radsportler. "Da geht auch schon mal einer über das Steuer in den Dreck", schmunzelt Benke. Imponierend aber ein jedes Mal die Durchfahrt durch den langen schnurgeraden "Kerkpad", eine eineinhalb Meter breite Allee in der Nähe von Winterswijk.

Und die Fahrt durch Ludwigs Reirinks Kneipe. "Im nächsten Jahr zum zehnjährigen Bestehen lasse ich mir noch etwas Besonderes einfallen...", verspricht der Wirt. Und sputet sich: Seit sieben Uhr ist er auf den Beinen, um mit einer ganzen Helferschar die "Kneipen-Tour" vorzubereiten. Gegen Mittag und noch bevor der letzte Radsportler seine Reifenspur in Gaststätte hinterlassen hat, verzieht sich Reirink zum Mittagsschläfchen - eine ganze "Putzkolonne" indes reinigt den wohl einzigartigsten Etappenabschnitt einer Radtour.

Bernhard Mathmann

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