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Training nach 13 Stunden ohne Essen und Trinken? Für Hilmi Demirbas und Hüseyin Baltaci von Eintracht Ahaus nichts Besonderes. Die beiden erklären, wie Sport im Ramadan funktionieren kann.

Ahaus

, 11.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Für den Abstiegskampf in der Kreisliga A muss Eintracht Ahaus II im Saisonendspurt noch mal alle Kräfte mobilisieren. Mit ihren Kräften besonders haushalten müssen aktuell aber Hilmi Demirbas und Hüseyin Baltaci. Denn seit vergangenem Sonntag läuft der Ramadan.

Der erste Tag war der schwierigste, berichten die beiden Ahauser beim Gespräch in der Eintracht-Kabine. Der Körper gewöhne sich aber relativ schnell daran, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang keinerlei Nahrung zu sich zu nehmen – nicht mal einen Schluck Wasser. Für Hilmi Demirbas (26) und Hüseyin Baltaci (27) ist das Ganze außerdem nichts Neues. Die beiden sind Kumpel seit Kindesbeinen und seit 14 Jahren erfahren im Fasten. Und das nicht nur während des Ramadans, wie Baltaci erklärt. „Es gibt auch sonst Montage und Donnerstage, an denen ich faste. Und besonders in den Tagen kurz vor Beginn des Ramadans macht man das schon mal als Einstieg.“

100 Prozent im Training nicht möglich

Dennoch: Wenn das Training bei Eintracht Ahaus II beginnt, sind die beiden Spieler, zwei von insgesamt sechs Moslems im Team, bereits seit rund 13 Stunden ohne Essen und Trinken und damit nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. „Da ist es ja klar, dass man im Training nicht 100 Prozent geben kann“, sagt Mannschaftskapitän Baltaci. „Dafür haben unsere Mitspieler und unser Trainer auch Verständnis und ich denke, dass das bei uns in der Kreisliga auch nicht so wild ist wie im Profibereich.“ Froh sind die beiden, dass sie bald nach den Einheiten schon wieder trinken dürfen, denn das Fastenbrechen steht dann kurz bevor. Anders sieht das an Sonntagen aus, wenn die Spiele schon mittags oder nachmittags stattfinden.

Wie zwei Eintracht-Kicker den Sport im Ramadan erleben

Hüseyin Baltaci (l.), Kapitän bei Eintracht Ahaus II. © Johannes Kratz

Hilmi Demirbas betreibt neben dem Fußball auch noch Thaiboxen. „Normalerweise habe ich an vier Tagen die Woche Training. Wenn Du das im Ramadan voll durchziehst, gehst Du komplett kaputt.“ Doch auch so, mit angezogener Handbremse, sei der Alltag mit dem Sport anstrengend. Daher sei es umso wichtiger, sich an gewisse Abläufe zu halten. „Man muss genauso weiterleben wie vorher. Arbeiten gehen, das tun, was man sonst auch tagsüber tut. So ist man abgelenkt und denkt nicht so viel ans Essen“, sagt Torwart Demirbas.

Für ihn durchaus eine Herausforderung – besonders am Wochenende ohne festen Tagesablauf. Daher esse er auch morgens vor Sonnenaufgang nichts. „Ich trinke nur ein großes Glas Wasser. Wenn ich esse, habe ich tagsüber immer diesen Geschmack im Mund und will mehr.“ Hüseyin Baltaci handhabe es anders und frühstücke. Das natürlich vor Sonnenaufgang. Aufstehen ist während des Ramadans schon um 3 Uhr morgens angesagt, um 4 Uhr folgt das Morgengebet. Ab Sonnenaufgang, zurzeit etwa um Viertel vor 6, heißt es Durchhalten bis abends, etwa Viertel nach neun. Helfen könne da auch eine halbe Stunde Schlaf am Mittag oder nach der Arbeit.

Baltaci: „Die einfachen Dinge schätzen lernen“

Was für viele Nicht-Muslime furchtbar anstrengend klingt, sei für die beiden völlig normal. Hüseyin Baltaci sagt: „Wir fasten gerne. Wenn man an den Sinn der Sache glaubt, dann schafft man das auch ohne Probleme.“ Und was ist für ihn der Sinn der Sache? „Es geht darum zu spüren, was man nicht hat, dass man Empathie bildet zum Beispiel für Menschen in Afrika, die tagtäglich hungerleiden, und dass man die einfachen Dinge im Leben wie Nahrung und Wasser schätzen lernt. Denn wenn der Körper weder Wasser noch Nahrung bekommt, dann ist dem Geist und dem Körper auch alles andere egal. Das zeigt, wie wichtig diese grundlegenden Dinge sind.“

Ob das Fasten der Gesundheit zuträglich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Baltaci verweist auf Studien, die eine positiven Effekt erkennen. Jedoch sehen einige Mediziner insbesondere den Verzicht auf Wasser für so viele Stunden kritisch. Gerade wenn man auch noch arbeitet, wie Baltaci als selbstständiger Autohändler und Demirbas als Lackierer, und dazu Sport treibt.

Wie zwei Eintracht-Kicker den Sport im Ramadan erleben

Für Torwart Hilmi Demirbas ist der Ramadan die schönste Zeit im Jahr. © Sascha Keirat

Doch für die beiden Eintracht-Kicker ist der Ramadan einfach fester Bestandteil ihres Glaubens. „Für mich ist der Ramadan die schönste Zeit im Jahr“, sagt Hilmi Demirbas. „Man ist jeden Abend im Kreis der Familie zusammen und isst gemeinsam, man geht noch freundlicher miteinander um, der Streit mit dem Bruder ist in dieser Zeit vergessen.“

In gewisser Weise könne man diesen Monat mit der Weihnachtszeit im Christentum vergleichen. Das Zuckerfest zum Abschluss des Ramadans sei dem Weihnachtsfest ähnlich. Überhaupt, so Demirbas, dessen Freundin Christin ist, sei das muslimische Fasten durchaus vergleichbar mit dem christlichen. „Es gibt ja Leute, die dann komplett auf Süßigkeiten oder Fleisch verzichten. Ich glaube nicht, dass ich so lange kein Fleisch essen könnte, deshalb ziehe auch meinen Hut vor Leuten, die das schaffen.“

Schon oft wichtige Spiele während des Ramadans gewonnen

Bis zum Abschluss des Ramadans liegen noch über drei Wochen vor den beiden. Und vor Eintracht Ahaus II wichtige Spiele im Abstiegskampf. „Den Klassenerhalt kriegen wir hin“, ist sich Kapitän Baltaci sicher. Er und sein Kumpel Hilmi Demirbas hätten schon mehrfach wichtige Spiele während des Ramadans gewonnen, zum Beispiel in früheren gemeinsamen Zeiten beim TSV Ahaus. Baltaci: „Mit dem nötigen Willen ist alles machbar.“

Infos zum Ramadan

  • Der Fastenmonat Ramadan, in diesem Jahr vom 5. Mai bis 4. Juni, ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Der Zeitraum variiert.
  • Moslems, die in dieser Zeit fasten, dürfen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen und trinken, verboten sind zum Beispiel auch Rauchen und Geschlechtsverkehr.
  • Das Fasten ist eine der fünf Säulen des Islam und gilt für alle mündigen Muslime ab etwa 14 Jahren – mit Ausnahmen (Reisende, Schwangere, Stillende, Kranke und Alte und andere).
  • Der Ramadan endet am 4. Juni und läutet das dreitägige Zuckerfest, auch Ramadanfest oder Fastenbrechfest ein, das im Arabischen „Eid al-Fitr““ und im Türkischen „Ramazan Bayram“ heißt.
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