BVB-Fan Micky Beisenherz: „Eigentlich wäre Schalke der verdiente Meister“

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Der Castrop-Rauxeler Micky Beisenherz ist BVB-Fan. Im Interview erzählt er, wie er die Corona-Saison geschaut hat, worum er die Bayern beneidet und warum Schalke den Meistertitel verdient hätte.

Castrop-Rauxel

, 18.06.2020, 16:02 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Corona-Saison der Bundesliga neigt sich dem Ende zu und man könnte fast meinen, am Ende ist doch alles wie immer, denn die Bayern stehen ganz oben. Wie hat BVB-Fan Micky Beisenherz die Corona-Saison wahrgenommen? Im Interview mit Lukas Wittland erzählt der Castrop-Rauxeler Autor und Moderator, was ihn am Fußball am meisten stört, worum er die Bayern beneidet und warum eigentlich Schalke der verdiente Meister dieser Saison wäre.

Die Bayern sind wieder Meister. Sind Sie froh, dass der BVB es in dieser komischen Saison nicht geschafft hat?

Ach, die Meisterschaft hätte ich durchaus mitgenommen. Da geht es mir nicht anders an vielen BVB-Fans. Wir hätten den Titel auch in Corona-Zeiten billigend in Kauf genommen.

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Das ist die Sicht der Fans. Wie glauben Sie, geht es den Spielern? Brauchen Sie die Fans, um einen Erfolg auch als solchen zu feiern oder geht es für sie nur um den reinen sportlichen Erfolg und das Fan-Dasein drumherum ist ihnen egal?

Ich glaube schon, dass sie Leistungssportler genug sind, um einen Erfolg auch als solchen genießen zu können. Aber ich war 2011 und 2012 in Dortmund, als dort die Meisterschaft und das Double gefeiert wurden und habe gesehen, was da los war: Mit dem Wagen durch die Massen fahren – dieses Gefühl will man als Spieler erleben.

Wenn man sich aber gerade ansieht, wie in Deutschland und der Welt mit dem Coronavirus umgegangen wird, dann würden die Massen wahrscheinlich trotzdem kommen. Gut, jetzt werden auf dem Marienplatz in München Corona-bedingt nur 30 Leute stehen, unter Normalbedingungen wäre es aber auch nicht viel anders.

Als mit dem Abpfiff klar war, Bayern ist Meister, war es natürlich vergleichsweise ruhig im Stadion.

Das war in den vergangenen Jahren auch schon so. Ich erinnere mich da an den Kameramann, der Frank Ribéry zum Jubeln animieren musste.

Ist Bayern damit der richtige Meister für diese Saison ohne Fans?

Das sind sie natürlich aufgrund der guten Mannschaftsleistung unter Hansi Flick. Das muss man fairerweise sagen. Sie sind auch verdienter Meister, weil die anderen Mannschaften regelmäßig zu doof sind, die Schwächephasen der Bayern zu nutzen. Wenn man sich aber die Absurdität des Jahres und der Saison vor Augen führt, muss man sagen, eigentlich wäre Schalke der verdiente Meister. Und wenn es darum geht, vor leeren Rängen gute Leistungen abzuliefern, dann wäre der VfL Wolfsburg der richtige Meister. Die sind das ja ohnehin gewohnt.

Fanden Sie es richtig, dass die Saison in Deutschland weitergegangen ist?

Richtig ist grundsätzlich erst mal gar nichts. Es gab genügend Argumente, die gegen eine Fortsetzung der Bundesliga gesprochen haben. Die große Frage dabei ist ja: Warum die und warum nicht wir? Das wird etwa von der Veranstaltungsbranche vollkommen zu Recht diskutiert.

Darüber, dass Fußball eine Sonderstellung hat, muss man aber nicht diskutieren. Wichtig ist, dass man ehrlich ist: Die Fortführung der Bundesliga ist im Grunde ein mehrteiliges Charity-Event zum Selbsterhalt.

Ich möchte in den nächsten Jahren noch Vereine wie Augsburg, Freiburg oder Bremen spielen sehen. Und ich fürchte, dass das, was wir gerade mit wenig Begeisterung sehen, die einzige Lösung ist, die Vereine zu erhalten.

Micky Beisenherz im Australien-Urlaub mit BVB-Trikot.

Micky Beisenherz im Australien-Urlaub mit BVB-Trikot. © Micky Beisenherz

Schauen sie selbst auch mit weniger Begeisterung? Viele BVB-Fans haben den 4:0-Derbysieg gegen Schalke relativ gelassen hingenommen. Wahrscheinlich ist es kein Spiel, dass die Dortmunder den Schalkern noch in zehn Jahren vorhalten werden.

Ja, klar. Die Ekstase fehlt natürlich. Ich habe aber festgestellt, wenn man den Ton abstellt und nebenbei Musik hört, dann geht es eigentlich. Wenn man jetzt den Originalton laufen lässt, dann ist das schon ernüchternd. Es gibt bei manchen Sendern ja auch eine zweite Spur, bei denen Illusionisten einem vorgaukeln, man würde das Spiel unter Vor-Corona-Bendingungen sehen. Ich muss zugeben. Bei mir hat es auch funktioniert. Ich habe mich auch gerne belügen lassen.

Viele Fans sagen, Fußball ohne Fans sei kein Fußball. Haben sie damit recht, jetzt wo man sieht, wie es ohne sie ist?

Wenn man jetzt nur auf den Leistungssport an sich blickt, ist es natürlich eine sehr narzisstische Grundhaltung, so zu tun, als wäre der Sport nichts mehr wert, nur weil man selbst nicht mit seinem dicken Hintern in der Schale sitzt. Wahr ist aber auch, dass Vereine wie Union Berlin oder auch Borussia Dortmund, speziell wegen der Südtribüne, von den Emotionen leben und den zusätzlichen 5 bis 20 Prozent, die Fans für einen Verein herausholen.

Wenn ich jetzt die Spiele sehe, merke ich, wie das Treiben auf den Rängen zum Gesamtgelingen auf dem Platz beiträgt. Fußball als Erlebnis, mal abgesehen von dem reinen Geschehen auf dem Platz, hängt schon sehr stark davon ab, was auf den Tribünen geschieht.

Von den Tribünen kommt schon länger viel Kritik am Fußball, an Spielergehältern, Transfersummen, der Stückelung des Spieltags und an der Fortsetzung der Saison während der Corona-Pandemie. Gab es bei Ihnen einen Moment, in dem Sie gesagt haben, jetzt reicht es aber mal, ich schaue mir das nicht mehr an?

Das wird wahrscheinlich gewesen sein, als Helene Fischer in der Halbzeit-Pause des DFB-Pokals gesungen hat. Und natürlich, wenn ich mir die Instagram-Profile mancher Spieler angucke.

Ich habe als Fan aber vor allem die Schnauze voll, wenn eine tolle Mannschaft nicht zusammen bleibt, weil Spieler, nicht zuletzt des Geldes wegen, den Verein verlassen. Das finde ich immer bedauerlich. Als BVB-Fan kann ich noch gut meckern. Fragen Sie mal beim SC Freiburg nach oder bei Borussia Mönchengladbach, denen wir regelmäßig die besten Spieler weggeholt haben.

Ich beneide den FC Bayern wirklich nicht um vieles, aber darum, dass sie es fast über eine Dekade geschafft haben, eine Mannschaft um Spieler wie Robben, Ribéry und Müller zu halten.

"Wenn man jetzt nur auf den Leistungssport an sich blickt, ist es natürlich eine sehr narzisstische Grundhaltung, so zu tun, als wäre der Sport nichts mehr wert, nur weil man selbst nicht mit seinem dicken Hintern in der Schale sitzt", findet Micky Beisenherz.

"Wenn man jetzt nur auf den Leistungssport an sich blickt, ist es natürlich eine sehr narzisstische Grundhaltung, so zu tun, als wäre der Sport nichts mehr wert, nur weil man selbst nicht mit seinem dicken Hintern in der Schale sitzt", findet Micky Beisenherz. © picture alliance / dpa

Glauben Sie, die Fans wenden sich irgendwann vom Fußball ab?

Ich glaube nicht. Wir können ja auch nicht ohne. Die Fans hatten die Schnauze schon 1984 voll, als Kalle Rummenigge für mehrere Millionen zu Inter Mailand gewechselt ist. Wahrscheinlich auch schon davor. Die Schraube dreht sich nur immer weiter.

Es gibt natürlich Gründe dafür, dass sich Fans lieber Kreisliga-Spiele angucken, um noch mal dieses Bratwurst-Feeling zu haben.

Ein sehr schönes und erschreckendes Symbol dafür, wie weit der Fußball sich von den Fans entfernt hat und von dem, für das Vereine stehen, haben wir ja zuletzt gesehen: Der FC Schalke hat eine schriftliche Begründung von seinen Fans gefordert, warum sie ihr Geld für Tickets für Spiele zurückhaben wollen, die gar nicht stattgefunden haben.

Was stört Sie noch?

Da geht es mir wahrscheinlich wie vielen Fans. Der Kölner Keller nervt mich noch mehr, als der Kölner Karneval und manchmal hat man sogar das Gefühl, es ist dieselbe Veranstaltung. Bisher habe ich noch nicht festgestellt, dass der Videoschiedsrichter den Fußball besser oder gerechter gemacht hätte. Und ich stelle mit Erstaunen fest, dass eine Situation trotz mehrerer Kameraperspektiven nicht gerecht für alle entschieden wird.

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