In Dorsten wohnt ein Weltmeister einer unbekannten Sportart. Wer ist er und was macht er? Wir haben uns mit Stefan C. Maus über Kettlebell unterhalten.

von Niklas Berkel

Dorsten

, 02.08.2019, 05:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hinten rechts im Raum liegen mehrere Kugeln. Alle unterschiedlich groß, einige in blau, andere in gelb, grün oder rot, alle mit Griffen versehen. Daneben steht ein Alien, große Augen, offener Mund, starrt er mitten in das Zimmer. In der linken Ecke ein Fernseher, daneben ein Schrank, in dem Bücher sind. Ohne trennende Tür weitet sich das Wohn- zum Esszimmer. Aus dem strahlt das einzige trübe Licht in das große Wohnzimmer. Wo es dunkel ist, lediglich eine Diskokugel wirft abwechselnd rote und grüne Lichter an die Wand neben der Couch in der gegenüberliegenden Ecke des Fernsehers. Es wirkt urig. Dass hier ein Weltmeister lebt − und zeitgleich trainiert? Nicht vorstellbar.

Dr. Stefan C. Maus ist Weltmeister im Kettlebell-Marathon.

Kettlebell ist eine uralte Sportart. „Bereits 3000 bis 4000 Jahre vor Christus gibt es die ersten Funde von Steinen mit Griffen, die in die Höhe gestemmt sein worden sollen“, erzählt Maus. Kettlebell in seiner heutigen Form gibt es erst seit den 40er-Jahren, entstanden ist die Sportart in Russland. Im Land der Zaren und Matroschkas gehört Kettlebell zum festen Bestandteil der Gesellschaft. Volkssport, Schulsport, Militärsport. Über alle Schichten verteilt, reißen und stoßen die Russen die 16 bis 32 Kilogramm schweren Kugeln in die Luft.

61 Jahre ist der Doktor der Psychotherapie bereits alt, Haare hat er keine mehr – und doch stemmt er die Kugeln gekonnt in die Höhe. Dass es ihn anstrengt, ist dem kräftig gebauten Senior nicht anzusehen.

16 Kilogramm stemmt er in einer Stunde 559 Mal in die Höhe

Während er seine Trainingsübungen vorführt, ziehen seine Mundwinkel nach oben. Er lacht. Und erzählt, wie oft er es wiederholte, die Kugel in die Höhe zu stemmen, um Weltmeister im Kettlebell-Marathon zu werden. 559 Mal stemmte er die 16 Kilogramm schwere Kugel eine Stunde lang in die Höhe.

In Deutschland hat der Verband gerade einmal 150 Mitglieder“, sagt der Dorstener Dr. Maus. So reichte die reine Willenserklärung für den 61-jährigen, um im vergangenen Jahr an zwei Weltmeisterschaften teilzunehmen. Obwohl – hätte Maus sich für die Weltmeisterschaften qualifizieren müssen, wäre auch das kein Problem geworden. In seiner Altersklasse gehört er zu den Besten der Welt. Das zeigte nicht nur sein Weltmeistertitel im Kettlebell-Marathon.

Überaus erfolgreich in mehreren Disziplinen

Im Kettlebell gibt es drei verschieden Verbände. Der Bekannteste ist der IUCL. Der stammt aus Russland – und richtete im vergangenen Jahr eine WM in Lettland aus. Der andere ist die WKSF. Die veranstaltete ihre WM in Mailand. An der nahm Maus ebenfalls teil. Dort nicht in der Disziplin des Marathons, sondern in einer der normalen Übungen. Statt 60 Minuten wie in der Marathon-Variation stößt Maus zehn Minuten lang die Kugel in die Höhe. Mit knapp 180 Wiederholungen sicherte er sich auch hier den Vize-Weltmeistertitel. Und damit noch nicht genug. Auch im Jahr 2020 war Maus überaus erfolgreich bei der Kettlebell-Marathon Europmeisterschaft im dänischen Nyborg am Start und bei der WKSF-Weltmeisterschaft im irischen Gormanston nahe Dublin gewann er die Weltmeisterschaft in der Veteranen-Klasse.

Maus gehört bereits zur Veteranen-Klasse. Die Kettlebells, die er stemmt, sind nicht schwerer als 16 Kilogramm. Zum Vergleich: Der Rekordhalter Igor Denisov schafft in zehn Minuten 230 Wiederholungen – und das mit einer 32 Kilogramm-Kugel. „Die Russen sind immer noch allen weit überlegen“, gesteht Maus ein. Was den Rest angeht: Da gehört er zur Weltspitze.

Kettlebell fördert Rücken und Gelenke – wenn man es richtig macht

Wie förderlich ist das eigentlich für einen Senioren? Geht es nicht in den Rücken und die Gelenke, die schweren Kugeln minutenlang, ja gar über eine Stunde in die Höhe zu reißen? „Wenn die technische Ausführung stimmt“, sagt Maus, „ist das gerade für den Rücken und die Kniegelenke sehr förderlich.“ Die Mobilität des gesamten Körpers wird geschult. Was weniger gut ist, ist sich selber Kugeln zu kaufen und direkt loszulegen.

„Ich hatte überall Krämpfe und Schmerzen.“
Dr. Stefan C. Maus, Kettlebell-Weltmeister aus Dorsten

So wie Maus selbst. „Ich hab mich im Internet nach einer Sportart erkundigt, auf die ich Lust habe und die eine Menge Kalorien verbraucht.“ Auf die normalen Sportarten wie Joggen hatte er nie sonderlich Lust. Aber abnehmen wollte der Dorstener unbedingt. Da traf er nach einer Google-Suche auf Kettlebell – der Sportart mit dem höchsten Kalorienverbrauch. „Also habe ich mir die Kugeln gekauft und einfach mal angefangen.“ Doch schnell merkte der Dorstener, dass es so nicht weitergehen könne. „Ich hatte überall Krämpfe und Schmerzen.“ Über Umwege fand er in Haltern eine Kettlebell-Trainerin. Sandra Korte ist schon lange Jahre dabei. Die Halternerin zeigte dem Dorstener die richtige Technik. „Am Anfang hatte er Probleme, aber mittlerweile macht er das mehr als gut“, sagt Korte zwinkernd.

Dorsten hat einen Weltmeister – in einer außergewöhnlichen Sportart

Vor dem hauseigenen Kamin im Wohzimmer stehen Stefan. C. Maus´Kettlebells. Dort trainiert er. © Niklas Berkel

Was Maus ebenfalls an der Sportart fasziniert: „Man kann sie zuhause ausführen.“ Ob da nicht ab und zu die Motivation fehle, von der Couch aufzustehen, um vor dem Fernseher diese Anstrengungen in Kauf zu nehmen? „Nein, gar nicht. Wenn ich meine Kettlebells sehe, kann ich gar nicht anders, als loszulegen. Irgendwie habe ich eine hohe Affinität zu den Dingern“, sagt Maus lachend.

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