Fußball spielen? Für Flüchtlinge auch in Schermbeck oft leichter gesagt als getan

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In über 2000 Clubs kicken Flüchtlinge. Das sei sehr gut für die Integration, sagt der DFB und: „Selbstverständlich können sie ihr Team auch am Spieltag verstärken.“ Doch genau da hakt es.

Schermbeck

, 14.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Flüchtlinge im Sportverein? Mit diesem Thema hat sich der SV Schermbeck schon lange vor der Fertigstellung seines Abrahamhauses beschäftigt − und dabei auch die vielen Fallstricke kennengelernt, die die Hilfe erschweren.

„Fußball ist auch für viele geflüchtete Menschen die beliebteste Sportart. Fußball fördert Sprachgebrauch, stärkt das Selbstvertrauen, man findet neue Freunde“, sagt der Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Beim Training gibt es keine Probleme. Die beginnen, wenn ein Flüchtling in Punktspielen mitspielen will. Schubert spricht von einer „Herausforderung“.

“Mit sechs bis acht Wochen muss man rechnen“

Das kann auch Michael Steinrötter bestätigen. „Das Prozedere ist sehr viel aufwendiger als sonst“, berichtet der Abteilungsleiter des SV Schermbeck. Sechs bis acht Wochen müsse ein Verein einrechnen, wenn er einen Flüchtling spielberechtigt bekommen wolle. Denn das ansonsten übliche Pass-Online-Verfahren ist bei Flüchtlingen nicht anwendbar.

Fußball spielen? Für Flüchtlinge auch in Schermbeck oft leichter gesagt als getan

Bei der Sportlerehrung des Gemeindesportverbandes Schermbeck gehörte die Flüchtlingsmannschaft des SV Schermbeck im Januar 2018 zu den Ehrengästen. © Joachim Lücke

Der Aufwand hängt mit Vorgaben des Weltfußballverbands, der FIFA, zusammen. Der verlangt bei allen Kindern ab 10 Jahren einen „internationalen Freigabeschein“. Die FIFA möchte zum Wohl des Kindes den internationalen Vereinswechsel von Minderjährigen verhindern und sicherstellen, dass weltweit nur eine Spielgenehmigung existiert. Für Spieler, die in einem Verein aktiv sind, deren erste Seniorenmannschaft in einer der höchsten vier Fußballligen (also ab Regionalliga) spielt, müssen laut Westdeutschem Fußballverband zusätzliche Dokumente vorgelegt werden.

Dokumente können Angehörigen Probleme bereiten

Ein Freigabeschein ist für Flüchtlinge eine problematische Sache, denn: Im Verfahren werden eine Kopie des Personaldokuments (Geburtsurkunde, Ausweis o.ä.) und eine Meldebescheinigung ans Herkunftsland geschickt. Davon abgesehen, dass es für Flüchtlinge oft schwierig ist, diese Dokumente beizubringen, werden persönliche Daten an das Land übermittelt, aus dem sie geflohen sind. Das aber, so räumt der DFB ein, könne für noch im Ursprungsland lebende Verwandte und Freunde des Flüchtlings zu Problemen führen. Das ist auch der Grund, warum im Asylverfahren Behörden keinen Kontakt mit den Herkunftsländern aufnehmen dürfen. Im Fußball geschieht es dennoch. Die Frage, was sie von diesem Vorgehen hält, beantwortete die Staatskanzlei in Düsseldorf nicht.

Viele Flüchtlinge scheuen sich daher, einen Freigabeschein zu beantragen. Trotzdem halte man am Verfahren fest, so Schubert: „Die Entscheidungen hinsichtlich der Kontaktaufnahme (...) müssen formal eingehalten werden.“

Antwort aus dem Ursprungsland bleibt oft aus

Wenn sich jemand trotz der Risiken auf das Verfahren einlässt, bleibt oft eine Antwort aus dem Ursprungsland aus. In diesen Fällen wird nach 30 Tagen Wartezeit eine vorläufige Spielberechtigung erteilt – allerdings nicht, wenn man in die Regionalliga oder höher spielen will.

Das greift beim SV Schermbeck (noch) nicht. „Unser Ansatz war ja sowieso nicht leistungsorientiert, sondern sozial“, sagt Michael Steinrötter. Dem SVS-Vorstand sei es darum gegangen, den Flüchtlingen, die in Schermbeck untergebracht wurden, eine Beschäftigung zu geben. „Die hatten viel Langeweile, und wem langweilig ist, der kommt auch auf Dummheiten“, erklärt Steinrötter. Der Sport habe gerade den jungen Männern wieder Struktur in ihren Tagesablauf gegeben.

FLVW kann keine Zahlen nennen

Während der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) keine Zahlen liefern kann, wie viele Flüchtlinge bei ihm aktiv sind oder einen Spielerpass beantragt haben, erinnert sich Michael Steinrötter noch gut an die Anfänge beim SVS: „Wir hatten 35 Spieler aus allen möglichen Herkunftsländern. Syrer, Marokkaner, Iraner, sogar ein Kroate. Da musste man sich erst einmal mit Händen und Füßen verständigen. Aber Fußball ist ja eine Sprache, die alle verstehen.“

Nach und nach kristallisierte sich eine Gruppe von sechs, sieben Männern heraus, die als Vermittler und Dolmetscher fungierten. „Sie sind heute auch alle in Schermbecker Betrieben beschäftigt“, berichtet Michael Steinrötter. So wurden Schulungsabende abgehalten. „Da haben wir dann die Zeichen der Schiedsrichter erklärt oder die Abseitsregel“, erzählt der SVS-Abteilungsleiter. Denn viele der neuen SVS-Spieler seien in ihren Heimatländern wachsechte Straßenfußballer gewesen: „Abseits gab‘s da halt nicht.“

Beim SV Schermbeck III spielten viele Flüchtlinge

Trotzdem konnte der SVS schon bald eine Mannschaft zum Spielbetrieb anmelden, die mehrheitlich aus Flüchtlingen bestand und als SV Schermbeck III in der Kreisliga C an den Start ging. Zur neuen Saison wird das Team zur vierten Mannschaft des SVS, auch das Gesicht hat sich naturgemäß verändert. „Einige Spieler der Ursprungsmannschaft sind inzwischen mit ihren Familien in anderen Städten zusammengeführt worden“, erklärt Michael Steinrötter.

Doch der Grundgedanke bleibt. Und mit dem Abrahamhaus hat der SV Schermbeck inzwischen noch bessere Möglichkeiten, um den Flüchtlingen sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Neben den Fußball rücken zum Beispiel Sprachkurse der VHS.

Kerngebiet des Vereins bleibt aber natürlich der Sport. Und da freut sich Michael Steinrötter ganz besonders, wenn ein Mann wie der Iraner Ahmed Al Obaidi den Sprung in die zweite Mannschaft geschafft hat und die Vorbereitung auf die Saison in der Kreisliga A mitmacht. Nicht als Flüchtling, sondern als Fußballer − wie alle anderen.

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