Von einer Olympiateilnahme träumen viele Sportler. Ein Dorstener war schon fünfmal dabei. Aber erst, nachdem er seine aktive Karriere beendet hatte.

Dorsten

, 05.02.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Er war dabei, als Muhammad Ali 1996 das olympische Feuer in Atlanta erzündete. „Das hat alle Stars überstrahlt“, sagt er. Es war seine erste von fünf Olympia-Teilnahmen.

Er, das ist Michael Seibert. Der Dorstener, Geburtsjahrgang 1965, nahm zwischen 1996 und 2016 an fünf Olympiaden teil, als Trainer. Dreimal betreute er die österreichischen Kanuten, zweimal die niederländischen. „Seit meiner dritten Teilnahme gehöre ich praktisch zum Inventar von Olympia“, sagt Seibert lachend. Eine sechste Teilnahme wird es wohl nicht geben. Seibert hat seine Trainerkarriere beendet.

Das eigene Scheitern ebnet den erfolgreichen Weg

Überall, wo der Dorstener aufschlug, hatte er Erfolg – bis auf eine Ausnahme. Noch als aktiver Kanute selber zählte er zu den besten des Landes. Im Jahr 1992 – Seibert war aktueller Deutscher Meister – verpasste er aber seinen großen Traum: Die Olympiade in Barcelona im selben Jahr fand ohne ihn statt.

Für den ehrgeizigen Kanuten war das ein Schlag. Er beendete seine Karriere als aktiver Sportler. Doch loslassen konnte er auch nicht – und so wechselte er die Seite und wurde Trainer. Sein Rüstzeug? Seine praktische Erfahrung aus unzähligen Wettkämpfen auf höchstem Niveau und ein Studium zum Sport Diplom.

„Mister Olympia“ aus Dorsten hat seine Karriere beendet

Die fünf Olympiaringe stehen im Fall von Michael Seibert auch für die Anzahl der Teilnahmen. © Privat

Seiberts erste Trainerposition nahm er auf Honorarbasis beim Deutschen Kanuverbund (DKV). Er übernahm die Position des Disziplintrainers bei den Männern im Kajak. „Da habe ich schon gemerkt, dass ich in diesem Sport was vermitteln kann“, sagt er. Sein erstes großes Turnier war direkt erfolgreich: Mit einem Sieg im Einzel und dem Weltmeistertitel in der Mannschaft konnte Seibert seinen Trophähenschrank füllen. Eine Perspektive bot sich aber trotz des Erfolges beim DKV nicht.

Eine Tür geht zu, die andere auf

Aber wie so es so oft ist: Geht eine Tür zu, öffnet sich woanders eine andere. Seiberts Tür öffnete sich in Österreich. Spontan fuhr Seibert nach Wien, als er das Angebot vom österreischen Verband vorliegen hatte. Wenige Augenblicke war er erst angekommen, da wurde er sich mit dem damaligen Verbandspräsidenten schnell einig. Seibert unterschrieb einen Vertrag als Nationaltrainer der Alpenrepublik.

Am Trainingsstandort Lofer an der Saalach gelang es ihm in kurzer Zeit, die „Alpenkanuten“ auf ein höheres sportliches Level zu führen. Als erster Kanubundestrainer Österreichs überhaupt qualifizierte sich Seibert mit seinem Team für die 1996 in Atlanta stattfinde Olympiade.

Das Turnier prägte den Dorstener. „Die sehr spezielle Atmosphäre in den jeweiligen Olympiadörfern habe ich schon immer genossen.“ Eine Anekdote aus Atlanta erzählt Seibert immer gerne: Mit der Mannschaft Österreichs durfte er eine private Vorpremiere eines Films der „Terminator“-Reihe von Arnold Schwarzenegger im Olympiadorf sehen.

Durchbruch an die Weltspitze

Bei der ersten Olympiade ging es getrost dem olympischen Motto „dabei sein ist alles“ für die Österreicher zu. Die zweite verlief da schon erfolgreicher. Denn der Trainer und sein Team qualifizierten sich auch für die Olympiade in Sydney im Jahr 2000. Dort erreichte ein Österreicher Platz vier, ein anderer Rang sechs. Sie verpassten nur knapp die Medaillienränge. Seibert schaffte mit Österreich den lang ersehnten Durchbruch in die Weltspitze.

Der Dorstener Trainer hatte in Österreich alles erreicht, was er erreichen wollte. „Ich brauchte eine Luftveränderung.“ Das Angebot aus der Niederlande kam ihm da gerade recht. Erneut hatte er die Chance, ein Team von Grund auf zu formen und eine in einem Land völlig unbedeutende Sportart voranzubringen.

Der Architekt einer weiteren Erfolgsstory

Auch diese Aufgabe meisterte Seibert bravoröus. Mit dem Kanu-Underdorg Niederlande gewann er 2003 bei der Weltmeisterschaft in Augsburg nicht nur sensationell Silber mit seinen Kanumännern. Sondern er qualifizierte sich mit dem Team auch für zwei weitere Olympiaden. 2004 in Athen erlebte er einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Als erster holländischer Kanutrainer schaffte er es in der Disziplin Kanu-Slalom im Einer-Kajak mit Sam Oud in den finalen Endlauf. Auch wenn Oud in diesem den achten und damit letzten Rang belegte, war es mit der größte Erfolg der niederländischen Kanu-Geschichte. Und Seibert war der Architekt.

2008 in Peking brachte er mit Ariane Herde eine weitere Athletin ins Finale, die auf Platz sechs einlief. Bronze holte damals im selben Lauf übrigens Violette Obringer aus Österreich, die vorher ebenfalls unter Seibert trainiert hatte. Seine Zeit in der Niederlande beschrieb Seibert wie folgt: „Dort habe ich das professionellste Umfeld meiner gesamten Karriere erlebt. Alles wurde konsequent dem Erfolg untergeordnet.“

„Mister Olympia“ aus Dorsten hat seine Karriere beendet

Die Olympiade in Rio den Janeiro in Brasilien 2016 war Michael Seiberts letzte. Natürlich besuchte er dort auch „Cristo Redentor“. Die monumentale Christusstatue im Süden von Rio ist das Wahrzeichen der Stadt. © privat

Zum Jahresbeginn 2013 führte ihn ein erneuter Wechsel zurück nach Österreich, wo er 2016 mit dem Nationalteam bei seiner nun fünften Olympiateilnahme ins Stadion von Rio de Janeiro in Brasilien einmarschierte. In dieser Zeit brachte er die Junioren aus Österreich mit Titeln bei der U23-Welt- und Europameisterschaft in die Weltspitze, und hatte als großes Ziel einen möglichen Olympiasieg bei den Damen vor Augen. Am Ende hat es dafür dann nicht ganz gereicht, aber Corinna Kuhnle, die schon Gesamtweltcupsiegerin war, freute sich auch über den fünften Platz.

Zurück zu den Wurzeln auf Honorarbasis

Nach 22 Jahren als Trainer im Ausland ging es für Seibert 2017 heim. Seine Trainerkarriere sollte da enden, wo sie begann. Und so nahm der Dorstener eine Stelle als „Aushilfe“ für die deutschen Frauen im Kajak auf Honorarbasis an. Und auch hier zeigten sich die Qualitäten des Trainers. Er leistete hervorragende Arbeit. Am Saisonende feierten sowohl die Damen den Titel als Mannschaftsweltmeister, als auch gewann Ricarda Funk den Gesamtsieg im Weltcup und Bronze im Einzelwettkampf.

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Daraufhin wechselte Seibert ein letztes Mal den Posten. Im Oktober 2018 stand er in Verantwortung als leitender Bundestrainer für die komplette U23-Nationalmannschaft sowohl im Kajak als auch im Kandierbreich. Zwei der 30 Sportler brachte Seibert noch einmal in die A-Nationalmannschaft der Senioren. Sein letzter von zahlreichen Verdiensten als Trainer im internationalen Kanu-Sport.

„Ich würde es jederzeit wieder so machen“

Im Oktober 2019 beendete Seibert seine sportliche Weltreise. Über zwei Jahrzehnte und fünf Olympiaden stellten den Dorstener vor unendliche Herausforderungen und Überraschungen. Viele Freundschaften, weltweite Erfahrungen und die Anerkennung vieler Aktiver bleiben für immer. „Meine eigene verpasste Olympiachance hat mir letztlich den Weg geebnet. Dass ich danach meinen persönlichen Olympiatraum erleben durfte, war so nicht zu erwarten“, sagt Seibert. Der falsche Weg war es nicht. „Bei meinen fünf Olympiateilnahmen habe ich eine verdammt tolle Zeit erlebt. Ich würde es jederzeit wieder so machen.“

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