Egal ob der BVB oder die Bayern - nur einer kann deutscher Meister in der Bundesliga werden. Im Hip Hop wird der Titel dagegen wegen mehrerer Verbände öfter vergeben. Das bringt Chaos.

Dorsten

, 19.02.2019, 13:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Rhythmisch bewegt Janine Bagh ihren Kopf zur Musik. Die dunklen Haare wippen mit, ihr Blick ist konzentriert auf ihre Tanzschüler gerichtet. Die bewegen sich auf der Fläche zum Takt des Songs, jeder tanzt für sich. Es ist, als würde jedes Geräusch in ihrem Körper etwas auslösen, ihn in eine andere Bewegung bringen.

Ein blonder Junge mit roten Schuhen und einer mit einem karierten Oberteil stimmen ihre Bewegungen aufeinander ab. Trotz der Spontanität wirkt es, als hätten sie eine Choreografie entwickelt. Dann ist die Minute vorbei, die Musik geht aus. Während die Tänzer schnaufen und sich etwas zu trinken holen, bekommt jeder eine individuelle Rückmeldung.

Warum die Hip Hopper der Tanzschule Höfken auf drei deutschen Meisterschaften tanzen

Am Pult kümmert sich Janine Bagh um die Musik. © Johanna Wiening

So läuft es jeden Donnerstag ab in der Tanzschule Höfken. Rund 20 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren üben gemeinsam mit ihrer Trainerin Janine Bagh für die großen Meisterschaften auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Doch nicht für jeden Tänzer sind das die gleichen Wettbewerbe. Eine Struktur, die für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist.

Antreten bei drei verschiedenen Verbänden

Die Dorstener treten gleich auf drei verschiedenen Westdeutschen Meisterschaften an, können sich dreimal für die deutsche und die jeweilige internationale Meisterschaft qualifizieren. Der Grund dafür ist die Vielzahl von Verbänden, die Meisterschaften im Hip Hop ausrichten.

Janine Bagh und ihre Schüler haben sich mit „The Actiondance Federation“ (TAF), „United Dance Organisation“ (UDO) und dem „Deutschen Amateur Turnieramt“ (DAT) auf drei Verbände spezialisiert. Eigentlich gibt es noch weitere, nicht mal alle Tänzer haben einen Überblick. Anders als im Fußball gibt es nicht nur einen deutschen Meister und es ist durchaus möglich, dass ein Tänzer in einen Verband den Sieg holt und im anderen in der ersten Runde ausscheidet. Besonders für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar und sorgt für Unverständnis. Dennoch haben die verschiedenen Verbände nicht nur Nachteile.

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„Sie sind alle ein wenig anders strukturiert. So kann man den Vorlieben aller Tänzer gerecht werden“, erklärt Janine Bagh. Während zum Beispiel viele ältere Tänzer gerne beim TAF tanzen, gefällt es den jüngeren insbesondere beim DAT sehr gut.

Jeder tanzt in einer anderen Kategorie

Jedoch egal, wo sie tanzen: Die Dorstener treten nicht als Gruppe an. Jeder kann sich aussuchen, in welcher Kategorie er vor den Wertungsrichtern stehen will. Zur Auswahl stehen Solo, Duo, Smallgroup (bis zu sieben Tänzer) und Battle (Eins gegen Eins in verschiedenen Ausprägungen des Hip Hop). „Da lassen wir unseren Tänzern alle Freiheiten", sagt Janine Bagh. Trainiert wird aber dennoch gemeinsam.

Zuerst machen sich die Tänzer im Alter von 10 bis 20 Jahren gemeinsam warm, dann dreht Janine Bagh die Musik auf. Alle Mädchen und Jungs stellen sich gemeinsam vor den Spiegel, aber dennoch macht jeder sein eigenes Ding. Sie fühlen die Musik in ihrem Körper und versuchen, jeden Beat tänzerisch darzustellen. Dabei gibt es jedoch eine große Schwierigkeit.

Die Musik ist vorher unbekannt

Die Musik kennen die Tänzer vorher nicht. Anders als die großen Formationen, die mit über 20 Tänzern auf der Fläche stehen, müssen sie hören und das Lied schnell verstehen. Das klappt bei den Dorstenern gut: Niemandem von ihnen ist anzusehen, dass sie das Lied zwar schon mal gehört haben, aber nicht regelmäßig darauf tanzen.

Wenn sich die Dorstener mit den besten Tänzern Deutschlands und später mit den besten der Welt messen wollen, gehört dazu kontinuierliche Arbeit an sich selbst. Neben dem gemeinsamen Training einmal in der Woche hat jeder Tänzer seinen eigenen Plan, erklärt Janine Bagh: „Die Tänzer sind bis zu viermal in der Woche hier dabei und trainieren entweder in den freien Trainingszeiten für sich oder machen die normalen Kurse mit. Das macht jeder wie es ihm Spaß macht und wie er Zeit hat.“ So sammelt jeder genug Kondition, Kraft und verbessert sein Gefühl für die Musik.

Eine Entscheidung treffen

Derzeit stehen die Tänzer noch am Anfang der Saison. Erst in einigen Monaten komme die erste Meisterschaft auf sie zu, berichtet Janine Bagh: „Einige wissen bisher nicht mal genau, in welchen Kategorien und auf welchen Meisterschaften sie antreten. Es ist jetzt noch genug Zeit.“ Die Entscheidung zu treffen, ist jedoch nicht so leicht.

Warum die Hip Hopper der Tanzschule Höfken auf drei deutschen Meisterschaften tanzen

Die 15 Tänzer trainieren gemeinsam, tanzen aber für sich. © Johanna Wiening

Zwischen den Verbänden gibt es in der Qualität teilweise große Unterschiede, erklärt die Trainerin: „An der Spitze sind alle Verbände gefühlt gleich stark. Im Mittelfeld fällt das Niveau bei den einen dann aber stärker ab als bei den anderen.“

TAF ist die erste Liga

So etwas wie die erste Liga im Hip Hop ist der TAF-Verband. Die Dichte an starken Tänzern ist hier sehr hoch, sodass sich die Dorstener gegen besonders starke Konkurrenz beweisen müssen. „Bei TAF ist das Niveau total hoch, aber die Bedingungen sind auch sehr fair. Am Ende gewinnen die Besten“, erzählt Julia Köster, eine der Tänzerinnen. Viele der erfahrenen Tänzer sind ihrer Meinung. Besonders das Wertungssystem vom TAF unterscheidet sich zu dem der anderen Verbände.

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Während bei TAF und UDO am Ende wie im Fußball einfach der Beste gewinnt, ist die Anordnung beim DAT komplizierter. Nachdem alle Tänzer dort eine Runde lang ihr Bestes gegeben haben, werden sie in verschiedene Reihen, beginnend mit der M-Reihe (auch Master-Reihe), A-Reihe, B-Reihe und so weiter, kategorisiert. Der Meister ist am Ende der Sieger der M-Reihe, dennoch bekommen auch die Sieger von A- und B-Reihe einen Pokal und dürfen sich freuen.

Ein entscheidender Nachteil bleibt

Besonders für die Kinder ist das ein schönes Prinzip, findet Janine Bagh: „So sind sie immer Gewinner, das ist besonders bei den ersten Wettkämpfen toll. Natürlich tanzen sie aber auch bei TAF und UDO." Doch obwohl die Dorstenerin der Vielzahl an Verbänden einiges abgewinnen kann: ein entscheidender Nachteil bleibt.

Es ist schwierig, den Hip Hop, der eigentlich ein Hochleistungssport ist, Ernst zu nehmen, wenn es am Ende in jeder Kategorie eine Vielzahl an Weltmeistern gibt. Besonders für die Menschen, die sich nicht alltäglich mit dem Tanzsport beschäftigen, ist es schwierig, einen Überblick zu behalten und die Leistungen zu beurteilen, findet auch Janine Bagh: „Natürlich kann jemand, der sich nie damit beschäftigt, nicht wissen, wie gut die einzelnen Verbände sind und dass ein Sieger der A-Reihe kein deutscher Meister ist. Das ist verständlich, aber schade.“

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