Amina Aletic darf nicht sprinten. Auch springen ist nicht erlaubt. Die 17-Jährige gehört in ihrer Altersklasse zu den zehn besten Bahngeherinnen – und nervt manchmal ihre Trainingspartnerin.

Dortmund

, 21.02.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Spazieren gehen? Das ist Amina Aletic zu langsam. Klar, manchmal, wenn die Familie es fordert, dann geht sie auch noch durchaus gerne mit: „Aber dann müssen sie mich immer bremsen“, sagt die 17-Jährige und lächelt. Denn das mit dem Gehen, das ist jetzt ihr Sport – in dem sie in ihrer Altersklasse mal eben zu den besten Zehn in Deutschland zählt.

Letztes Jahr wurde sie zum zweiten Mal in Serie die beste unter 18-jährige Geherin in Nordrhein-Westfalen, am Wochenende greift sie zum ersten Mal überhaupt bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Sindelfingen an. Medaillenambitionen hat sie noch nicht: „Ich bin erst seit zwei Jahren dabei“, sagt Aletic, „ich gehe stark davon aus, dass es bessere gibt.“ Natürlich gibt es die, sieben Läuferinnen haben sich mit einer besseren Zeit für Sindelfingen qualifiziert, die Top-Favoritin auf den Titel braucht für die 3000 Meter weniger als 14 Minuten. Bei Aletic steht seit Anfang Februar die 16 vorne, bei den offenen NRW-Meisterschaften in Leverkusen gewann sie die U20-Wertung in 16:05,87 Minuten. „Mein Ziel ist es, da eine 15 draus zu machen“, sagt Aletic.

„Ein hoher Zeitaufwand“

Technisch sei sie schon überragend, sagt ihr Trainer bei der LG Olympia, Christof Neuhaus. Der ehemalige Marathon-Läufer lernt teilweise selbst noch dazu, wenn sie zusammen mit der zweiten Dortmunder Geherin Charlotte Peter – ebenfalls in Sindelfingen am Start – wöchentlich im Schnitt 60 Kilometer machen: „Manchmal sind es auch 90. Das ist schon ein hoher Zeitaufwand, den wir da gehen“, sagt Neuhaus, schließlich gibt es beim Gehen ein gewisses Tempolimit.

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Amina Aletic vor den Deutschen Jugendmeisterschaften in Sindelfingen

Ohnehin drängt sich die Frage natürlich auf: Warum entscheidet sich eine 17-Jährige, die zur Leichtathletik gekommen ist, „weil ich keine Lust hatte, zu Hause nur YouTube zu gucken“, die also Lust auf Bewegung und Spaß hatte, für das wettkampfmäßige Gehen – also eine Sportart, bei der man in einem eher unnatürlichen Watschelgang in die Wettkämpfe geht? Die Antwort ist gar nicht so banal: Es ist ihre ganz persönliche Superkraft.

„Beim Gehen merke ich das einfach nicht“

„Wenn ich jogge, habe ich irgendwann Ausdauerprobleme – beim Gehen merke ich das einfach gar nicht“, sagt Aletic. Heißt: Sie kann gehen bis sie in Sindelfingen die Halle zumachen. Mit solch einer Eigenschaft sind der 17-Jährigen in Zukunft eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Amina Aletic von der LG Olympia: Ihre Superkraft ist das Gehen

© Grafik Hasken

Es sei denn, sie wird plötzlich nervös. Manchmal passiere das vor den Wettkämpfen, gibt sie zu. Doch auch dafür hat die lebensfrohe Leichtathletin ein Rezept, das ihre Trainingspartnerin manchmal in den Wahnsinn treibt: „Ich fange dann immer an zu singen“, sagt Aletic – und zwar immer den gleichen Song, der zu ihrem Sport kaum besser passen könnte. Jay Sean versucht in seinem Lied „Down“ zwar ein Mädchen aufzumuntern, doch er singt darin so oft das Wort „down“ (also unten), dass das auch für Aletics Füße gelten könnte, die beim Gehen den Regeln entsprechend halt immer „unten“ sein müssen, weil sie sonst disqualifiziert werden könnte.

„Ein Fuß muss immer runter“

Im November in Erfurt, als sie ein wenig erkältet für Trainingspartnerin Peters das Tempo vorgab und ihrer Freundin so einen Bestzeitensprung um 31 Sekunden ermöglichte, da hatte sie plötzlich ein paar Probleme mit der Technik: „Ein Fuß muss immer runter, aber ich hatte schon noch Bodenkontakt“, sagt Aletic wohlwissend, dass es ein ums andere Mal knapp war. „Aber wenn man im Flow ist, dann merkt man das gar nicht“, sagt sie über die technischen Hürden.

Schlimmer sind die da schon die Schmerzen, die in den engen Hallen unausweichlich sind: „Ich hatte eine zeitlang Probleme mit dem Schienbein, weil ich immer innen gehen musste“, erzählt Aletic. Doch auch die hat sie mit einem Lächeln überstanden.

Lieber gehen statt rennen

Wie sehr ihr die Technik ihres Sports mittlerweile ins Blut übergegangen ist, zeigt auch die Tatsache, dass sie eher zum Bus geht, statt zu rennen: „Es ist wirklich so, wenn ich nicht laufen will, dass ich dann einfach schnell gehe“, sagt Aletic. Bei ihrem Talent wird sie nie wieder einen Bus verpassen.

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