Bei vorzeitigem Saisonende: Dürfen Fußball-Spieler ablösefrei wechseln?

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Ob die Fußballsaison zu Ende gespielt wird, ist momentan noch ungewiss. Ein Saisonabbruch hätte unterschiedliche Folgen - für Vereine, Trainer und ganz sicher auch für Spieler.

Dortmund

, 19.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Spielertransfer läuft für gewöhnlich so ab: Es werden Gespräche zwischen Kicker und Verein geführt. Es werden Perspektiven aufgezeigt, sportliche Ziele offenbart und so weiter. Wenn der Wechsel zustande kommt, ist am Ende eine Ausbildungsentschädigung beziehungsweise eine Vereinswechsel-Entschädigung fällig.

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Aber was passiert bei einem vorzeitigen Saisonende? Greift diese Entschädigung dann auch noch? „Jederzeit die Möglichkeit zum Wechsel hat ein Amateurfußballer, sobald sein letztes Spiel mindestens ein halbes Jahr zurückliegt. Er ist dann sofort spielberechtigt für den neuen Klub, ohne dass eine Ausbildungsentschädigung fällig wird“, heißt es in den Regularien des Deutschen Fußball-Bundes.

„Die Wartefrist beträgt sechs Monate nach dem letzten Spiel“

Sprich: Wenn ein Fußballer Anfang März sein letztes Spiel absolviert hat, dürfte er Anfang September wieder kicken - und das für einen anderen Verein und auch ohne eine Zahlung einer Entschädigung des neuen Vereins. „Die Wartefrist beträgt sechs Monate nach dem letzten Spiel. Es gelten sowohl Pflicht- als auch Freundschaftsspiele“, lautet der entsprechende Abschnitt zum Thema „Vereinswechsel regional“ beim Westdeutschen Fußballverband.

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Diese Wartefrist gilt auch, wenn der abgebende Verein nicht zustimmt. Sprich: Der neue Klub braucht gar kein „Okay“ des alten Vereins des Kickers. Grundsätzlich werden sämtliche Entschädigungen nur gezahlt, wenn der abgebende Vereine nicht zustimmt.

Meike Ebbert: „Es gelten die entsprechenden Fristen“

Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) bestätigt die Regularien. „Es ist so, dass aktuell wirklich die entsprechenden Fristen gelten. Dies bezieht sich auf die aktuelle Jugendspielordnung und die Seniorenspielordnung. Ausdrücklich weist der FLVW daraufhin, dass dies der Stand vom 18. März 2020 ist“, sagt Meike Ebbert von der Pressestelle des FLVW.

Was bedeutet das jetzt für die Vereine? Gerade für die Klubs, die viele junge Spieler ausbilden und dann nach dem letzten Jahr in der A-Jugend abgeben, könnte das weitreichende Folgen haben. Dann würden Gelder fehlen, die sonst fest eingeplant sind. Oder ist die ganze Situation gar nicht so dramatisch?

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„Eigentlich habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Bei uns handelt es sich meist um ein Nullsummenspiel, da wir für Nachwuchsfußballer, die wir uns zu uns holen, auch kleinere Summen zahlen. Dadurch hält sich meist die Wage zwischen den Einnahmen und den Ausgaben“, sagt Jörg Keuntje, Jugendleiter beim Hombrucher SV.

Der HSV kickt mit seiner A- und B-Jugend in der Westfalenliga und mit den C-Junioren in der Regionalliga und legt seinen Schwerpunkt seit Jahren auf die Jugendarbeit. Die U19 liegt momentan auf Rang zwei - punktgleich mit Tabellenführer SC Paderborn und hat noch gute Chancen auf den Aufstieg in die Bundesliga.

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„Natürlich wäre es bitter, wenn wir keine Entschädigungen erhalten würden. Aber wir sind nicht davon abhängig. Unser Konzept ist nicht darauf ausgelegt, einen Gewinn daraus zu erzielen, wenn wir Spieler abgeben. Daher stellt das Thema kein echtes Problem für uns dar“, erklärt Keuntje, der hofft, dass die Saison im Mai wieder aufgenommen wird.

Stefan Goms: „Es ist unser Ziel, am Ende bei Plusminusnull herauszukommen“

Ähnlich ist es auch beim TSC Eintracht Dortmund. Der Verein gilt auch als Ausbildungsverein und kickt mit der A- und C-Jugend in der Westfalenliga und mit den B-Junioren in der Landesliga. „Die Sache mit der Ausbildungsentschädigung ist meist eine wacklige Nummer, mit der man nicht gut planen kann. Daher ist es unser Ziel, am Ende bei Plusminusnull herauszukommen“, sagt Stefan Goms, Abteilungsleiter Jugendfußball.

Daher betrachtet Goms fehlende Ablöseeinnahmen als keinen großen Nachteil. „Manchmal fließt ein kleiner Betrag, viele Spieler gehen aber auch ohne Zahlung zu einem neuen Verein“, berichtet der Abteilungsleiter.

Michael Linke: „Das ist schon lukrativ“

Auch im Erwachsenenbereich hätte es Folgen, wenn die Regelung greift. „Die Spieler könnten dann problemlos wechseln und ohne finanzielle Einigungen zwischen den Vereinen für den neuen Klub spielen. Das ist schon lukrativ“, findet Michael Linke, Vorstandschef beim ASC 09 Dortmund.

Der Rahmenterminkalender des FLVW für die Spielzeit 2020/2021 sieht vor, dass der erste Spieltag der neuen Saison für den 9. August angedacht ist. Vorausgesetzt ein Spieler hätte Anfang März seine letzte Partie für einen Verein absolviert, so könnte er am fünften, spätestens aber am sechsten Spieltag ohne Probleme bei einem neuen Klub eingesetzt werden.

Ablösemodalitäten im Amateurfußball

  • Eigentlich sind bei einem Vereinswechsel feste Summen als Entschädigung vorgeschrieben.
  • Diese festen Summen gelten jedoch in der Regel nicht, da sich die Vereine untereinander auf eine Ablösesumme einigen.
  • Dies hängt auch mit dem Status eines Spielers als Vertragsamateur zusammen, der eine feste Summe als Entschädigung drückt.
  • Der Grund: Wenn ein Spieler zum Vertragsamateur wird, muss keine Ablöse gezahlt werden.
  • Dafür müssen Vereine, die Vertragsamateure beschäftigen, für die Spieler ein monatlich festes Gehalt und einen Beitrag zur Berufsgenossenschaft zahlen. Dazu muss der Vertrag mindestens ein Jahr gültig sein.
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