BVB-II-Trainer Mike Tullberg: Der ein oder andere wird die Chance bei den Profis erhalten

mlzBorussia Dortmund II

Aggressiv, intensiv, ohne Angst: Der neue BVB-II-Trainer Mike Tullberg hat klare Vorstellungen, wie die U23 spielen soll. Wie der 33 Jahre alte Däne sonst so tickt, verrät er im großen Interview.

von Oliver Brand, Dirk Krampe, Leon Elspaß

Dortmund

, 28.06.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Vor einer Woche hat der neue Chefcoach Mike Tullberg das Training bei der U23 von Borussia Dortmund aufgenommen. Seitdem standen intensive und schweißtreibende Trainingseinheiten auf dem Programm. Im Gespräch mit Leon Elspaß, Dirk Krampe und Oliver Brand schildert der 33 Jahre alte Däne, wie der Start beim BVB gelaufen ist, was er mit der Mannschaft vorhat und wie er als Trainer und als Typ tickt.


Herr Tullberg, wie waren die ersten Tage mit der Mannschaft für Sie?

Zu allererst war es sehr warm (lacht). Die ersten Eindrücke sind absolut positiv. Wir haben sehr viele neue Spieler. Ich hatte eigentlich gedacht, es würde etwas länger dauern, sie zu integrieren. Aber die Jungs haben sich wirklich schnell gefunden, sind eine Mannschaft. Bis jetzt bin ich total zufrieden. Jeder gibt sein Bestes. Das ist das, was ich erwarten kann.


Welchen Eindruck haben Sie von Ihrem Team?

Klar kann personell noch etwas passieren. Wenn man aber das Training sieht, merkt man, dass sie alle in der Lage sind, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. An manche Dinge müssen sie sich dabei bestimmt noch gewöhnen: Ich will einen sehr aggressiven Fußball sehen, mit und ohne Ball. Ich erwarte eine hohe Intensität.


Welche Ziele haben Sie für die neue Saison formuliert?
Wir sind zwar eine U23-Mannschaft, wollen aber gewinnen. Das ist klar. Wir müssen allerdings auch daran denken, dass es eine Ausbildungsmannschaft ist. Was ich von den Jungs nicht sehen will, ist Angsthasenfußball. Ich glaube daran, dass man aus Fehlern lernt.

„Wir wollen Fußball spielen. Das heißt: Der Ball bleibt auf dem Teppich.“


Wie soll der Fußball unter Mike Tullberg aussehen?

Wir wollen Fußball spielen. Das heißt: Der Ball bleibt auf dem Teppich. Wenn wir ihn verlieren, müssen wir aggressiv zur Sache gehen, ihn schnell zurückbekommen. Die Jungs, die ich hier habe, wollen kicken. Und dafür brauchen wir nun mal den Ball. Bei Ballverlust sollen die Jungs deshalb nicht joggen, sondern sprinten. Wir kriegen nichts geschenkt.


Nächste Woche startet die Profi-Mannschaft, die derzeit bekanntlich über einen sehr großen Kader verfügt. Werden Sie Spieler aufnehmen?

Ob Spieler demnächst zu uns herunterkommen, wird man sehen. Ich wäre natürlich damit einverstanden, ich bin U23-Trainer. Zunächst mal kümmere ich mich aber um die Jungs, die ich hier habe. Grundsätzlich mache ich mir Gedanken über die Dinge, die ich auch aktiv beeinflussen kann.

„Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch, daher werde ich meinen Spielern immer die Wahrheit sagen.“


Welche Systeme wollen Sie spielen lassen?

Ich rede eigentlich ungern über Systeme, sondern lieber über die Philosophie, die am Ende dahintersteckt. Und alle Systeme, die man spielen lässt, müssen derselben Philosophie unterliegen. Auf dem Platz gibt es Räume, die besetzt sein müssen. Das heißt: Ich muss nicht jedem Spieler eine feste Position zuweisen, sondern entscheidend ist, dass jede Position auf dem Platz besetzt ist. Aber es wird immer auch Spieler geben, die sich frei bewegen dürfen. Klar ist aber auch, dass wir uns an die erste Mannschaft anpassen müssen.


Sie sind viel rumgekommen, als Spieler waren sie in Italien, in Schottland, als Trainer in Deutschland oder Dänemark. Was nimmt man mit von diesen Stationen mit unterschiedlichen Kulturen, gerade im sportlichen Bereich?

Einerseits viel Lebenserfahrung. Aber auch, wie man mit Spielern umzugehen hat. Ich habe in diesem Bereich ja selbst viele Erfahrungen sammeln können.


Wie wollen Sie mit Ihren Spielern umgehen?

Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch, daher werde ich meinen Spielern immer die Wahrheit sagen. Das wird für den ein oder anderen sicherlich auch mal sehr hart werden. Aber wenn man sich respektiert, davon bin ich überzeugt, kann man auch mehr verlangen. Bis jetzt hatte ich damit Erfolg. Nicht bei jedem Spieler, aber beim Großteil.

BVB-II-Trainer Mike Tullberg: Der ein oder andere wird die Chance bei den Profis erhalten

Mit vollem Einsatz an der Seitenlinie: Mike Tullberg. © Bielefeld

Jetzt sind Sie bei Borussia Dortmund. Ist es der größte Verein, bei dem Sie bislang waren?

Natürlich.


Wie ist Ihr erster Eindruck vom Verein?

Ich fühle mich hier sehr gut aufgenommen. Was mir besonders gefällt ist, dass hier niemand arrogant auftritt. Jeder grüßt den anderen, man gibt sich die Hand - das ist der Umgang, wie ich ihn mit vorstelle. Man darf sich nicht wichtiger nehmen, als man ist.


Haben Sie diesbezüglich schon andere Erfahrungen gemacht?

Gerade im Fußballgeschäft besteht die Gefahr, dass man sich für etwas Besonderes hält. Aber durch meine Erfahrungen in der ersten italienischen Liga oder in Schottland habe ich das Geschäft ganz gut kennenlernen dürfen. Durch meine Verletzungshistorie bin ich selbst schnell wieder auf dem Boden gelandet. Umso wichtiger ist es mir, dass auch die menschliche Komponente Teil der Arbeit als Fußballtrainer ist. Da gehe ich keine Kompromisse ein.


Hatten Sie bereits Kontakt zu Lucien Favre?

Bislang noch nicht. Wenn die Profis jetzt in die Vorbereitung starten, sind wir im Trainingslager. Aber anschließend wird es einen regelmäßigen Austausch geben. Zumal es ja auch Spieler geben wird, die mal in der Bundesliga-Mannschaft und mal bei uns zum Einsatz kommen werden.

„Der Sprung zu den Profis ist beim BVB kolossal groß. Man hat eine erste Mannschaft, die zu den besten in der Welt gehört.“


In den vergangenen Jahren haben kaum einmal Spieler aus der U23 den Sprung nach oben geschafft. Ist es auch ein Ziel von Ihnen, Spieler so weiterzuentwickeln, dass dies häufiger gelingt?

Das war in der Tat eine der ersten Fragen, die ich gestellt habe, als wir uns über eine Zusammenarbeit unterhalten haben. Die Jobbeschreibung eines U23-Trainers sollte die sein, Spieler nach oben zu entwickeln. Man muss aber auch realistisch sein, es gibt ja einen Grund, warum wir in den letzten Jahren Spieler eher in die 2. Liga oder nach England weiterverkauft haben. Der Sprung zu den Profis ist beim BVB kolossal groß. Man hat eine erste Mannschaft, die zu den besten in der Welt gehört. Da ist der Sprung aus der vierten Liga schon sehr schwierig. Aber ohne Namen zu nennen: Ich sehe hier den ein oder anderen, der die Chance zum Training bei den Profis bekommen könnte. Darauf will ich sie vorbereiten, und dann müssen sie die Chance wahrnehmen.


Sie haben die große Kluft zwischen Bundesliga und vierter Liga angesprochen. Wie wichtig wäre es da, in die 3. Liga zurückzukehren?

Das ist ja logisch. Ich will nicht groß über den deutschen Verband meckern, aber es ist natürlich schwierig, wenn der Meister nicht direkt aufsteigt. Das ändert sich ja erst im übernächsten Jahr. Und in diesem Jahr haben viele Vereine der Liga richtig Geld in die Hand genommen und wollen hoch. Trotzdem ist klar: Wir wollen und müssen oben mitspielen. Und das werden wir versuchen.


Ist Borussia Dortmund als U23-Team im Konkurrenzkampf mit den anderen Top-Vereinen in der Liga, die eher auf erfahrene Spieler setzen, im Nachteil?

Wir sind eine U23, das ist Ausbildung. Aber dennoch wollen wir jedes Spiel gewinnen. Man muss schauen, wie es sich entwickelt. Letztes Jahr waren wir im Winter noch oben dabei, aber am Ende waren wir weit weg vom Aufstieg, wenn man sich den Punkteabstand zur Spitze anschaut. Wir wollen angreifen, und ich bin generell ein positiver Mensch. Wir können gegen jeden gewinnen, und das will ich den Jungs vermitteln. Auch wenn ich weiß, dass es nicht immer klappen wird.


Ihre eigene Spielerkarriere wurde durch Verletzungen früh gestoppt. Sie haben gesagt, dass es Ihr Ziel ist, den jungen Spielern auf dem Weg nach oben zu helfen. Wie soll das konkret aussehen?

Es gibt zwei Ebenen. Ich habe eine gewisse Erfahrung, als Spieler, aber auch als Trainer. Ich habe in Dänemark in der 1. Liga trainiert, habe U19-Fußballer dort und hier in Deutschland trainiert, habe viele verschiedene Altersklassen angeleitet. Damit kann ich ihnen auf dem Platz helfen. Aber es gibt auch den Mensch hinter dem Fußballer. Und da habe ich ein Credo: Jeder ist verschieden, man muss wissen, mit wem man gerade zu tun hat.


Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ich behandele alle gleich, aber jeder braucht eine andere Ansprache, jeder bringt eine andere Vorgeschichte mit. Der ein oder andere braucht vielleicht einen Tritt in den Hintern, die Spieler werden aber auch einen Trainer erleben, der sie vielleicht mal in den Arm nimmt und 20 Minuten mit ihnen spazieren geht, um zu hören, wie es ihnen geht. Ich will wissen, was bei den Spielern los ist. Nur so kann ich aus jedem die beste Leistung herauskitzeln.

„Mich hat es immer beeindruckt, wenn ich für die Trainer ein Mensch war, nicht nur ein Fußballer.“


Gibt es eine Trainerpersönlichkeit, von der sie viel mitgenommen haben, eine Art Vorbild?

Ich habe einige erlebt. In Italien hatte ich drei Trainer in zehn Monaten, in Schottland einen aus der Ukraine, der ganz besonders war, der war richtig hart, hat aber dann auch mit uns Fußball-Tennis gespielt. Dann gab es Hans-Günther Bruns in Oberhausen, der hat mir immer zum Geburtstag gratuliert. Ich habe die Erfahrung gemacht, das man von allen was mitnehmen kann. Mich hat es immer beeindruckt, wenn ich für die Trainer ein Mensch war, nicht nur ein Fußballer. Ich habe zu Hause für mich eine Aufteilung gemacht. Wie möchte ich als Trainer sein. Über allem steht: Ich möchte ein Mensch sein. Ich mag es, wenn man sich ehrlich gegenübersteht. Damit hatte ich bislang guten Erfolg.


Wann hat sich herauskristallisiert, dass sie Trainer werden wollen?

Ich bin schon mit 16 weg von zu Hause, in ein Fußball-Internat. Als ich so zwei, drei Jahre da war, haben mich jüngere Spieler schon um Rat gefragt. Ich habe gemerkt, dass mir das Spaß macht. Und ich war schon als Spieler sehr ehrgeizig. Ich war nie der beste Fußballer, aber ich hatte immer schon den puren Willen, alles zu geben, um das zu erreichen, was ich wollte.


Sind Sie ein Trainer, der dann am Ende des Arbeitstages auch gut abschalten kann?

(lacht) Überhaupt nicht. Meine Frau kennt das seit mittlerweile 13 Jahren, die hat da schon einiges mitgemacht. Wenn sie will, dass ich mal früh nach Hause komme, mache ich das. Aber sie weiß, dass ich dann manchmal schlecht gelaunt bin, weil ich mit der Arbeit noch nicht fertig war. Als ich Trainer wurde, hat sie das auch nicht unbedingt gefreut, weil sie dachte, es wird ein bisschen ruhiger. Ich bin halt verrückt. Wir haben jetzt einen zehn Monate alten Sohn, der sorgt dafür, dass ich ein bisschen runterkomme. Und meine Frau kommt aus Jütland, die Leute dort sind sehr entspannt. Sie nimmt mich Gottseidank so, wie ich bin (lacht).

Lesen Sie jetzt