Schicksalsschlag als Kind: Warum BVB-Toptalent Gio Reyna schon früh erwachsen sein musste

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Er ist gerade mal 16 Jahre alt, gilt aber als eines der größten Versprechen im US-Fußball. BVB-Neuzugang Giovanni Reyna hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Wir haben mit ihm gesprochen.

Dortmund

, 08.07.2019 / Lesedauer: 6 min

Der Vergleich zu Christian Pulisic, er muss ja unweigerlich kommen. Beide sind sie US-Amerikaner. Beide sind im Alter von 16 Jahren nach Dortmund gewechselt. Und beide gelten als Versprechen auf eine bessere Zukunft für das Team America. Die Parallelen zwischen Pulisic und Giovanni Reyna, Neuzugang in Borussia Dortmund U19, sind kaum zu übersehen.

Pulisic, 20 Jahre alt, hat Borussia Dortmund in diesem Sommer nach vier Jahren wieder verlassen. Für etwas mehr als 60 Millionen Euro Ablöse ist der US-Amerikaner, der mit den USA beim Gold Cup gerade das Finale gegen Mexiko verloren hat, zum FC Chelsea in die englische Premier League weitergezogen. Giovanni Reyna ist dagegen gerade erst angekommen.

Christian Pulisic als Vorbild

Natürlich verfolge er die Karriere von Christian Pulisic, sagt der 16 Jahre alte US-Boy, der auch an diesem durchwachsenen Montagnachmittag ein gelbes Trainingsshirt seines neuen Arbeitgebers auf den Schultern trägt und ein breites, freundliches Lächeln im Gesicht. „Christian Pulisic ist derzeit der beste Fußballer der USA. Natürlich nimmt man sich so einen Spieler auch als Vorbild.“

Seit einer Woche ist Reyna beim BVB, die ersten Trainingseinheiten bei der U19 liegen hinter ihm. Er sei sehr froh, endlich hier zu sein, sagt Reyna. Man habe ihn gut aufgenommen, alles sei sehr familiär. Anders als bei Christian Pulisic, der die ersten beiden Jahre mit seinem Vater Mark in Dortmund lebte, startet er das Abenteuer Deutschland allerdings alleine. Seine Eltern, Claudio und Danielle Reyna, sind mit den beiden jüngeren Kindern, Joah-Mikel und Carolina in den USA geblieben. In Bedford, New York, etwa eine Stunde außerhalb von Manhattan, wo Gio den Großteil seines Lebens verbracht hat.

Schicksalsschlag als Kind: Warum BVB-Toptalent Gio Reyna schon früh erwachsen sein musste

Giovanni Reyna beim Trainingsauftakt der U19. © Peter Ludewig

„Es ist hart, ich vermisse meine Familie jeden Tag“, sagt Gio Reyna, der sich bei seinem neuen Verein hohe Ziele gesetzt hat und am liebsten in dieser Saison noch sein Bundesliga-Debüt feiern würde. Seine Eltern hätten ihn auf seinem Weg immer unterstützt, erzählt er. Jetzt wolle er etwas zurückgeben, „weil sie so viele Opfer für mich gebracht haben. Ich möchte meine Familie einfach stolz machen.“

Die schwerste Zeit seines Lebens

„Der Gedanke, dass er mit 16 weggeht, ist ziemlich herzzerreißend“, hat seine Mutter Danielle mal dem US-Magazin „Sports Illustrated“ erzählt. Sie sei sich sicher, „dass es auch etwas mit Jack zu tun habe, in dem Sinne, dass ich mich auf Gio als den großen Jungen verlassen habe. (...) Mir kommen die Tränen, wenn ich nur daran denke“.

Jack ist Gios älterer Bruder. Er stirbt am 19. Juli 2012 im Alter von 13 Jahren an Krebs. „Es war die schlimmste Zeit, die ich bislang erlebt habe“, sagt Gio, damals selbst erst neun Jahre alt, heute. „Und das wird sie wahrscheinlich für den Rest meines Lebens bleiben.“

Als Jack krank wird, er eine Chemotherapie beginnt, sich sein Zustand zunehmend verschlechtert, übernimmt Gio mehr und mehr Verantwortung im Hause Reyna. Er kümmert sich um seine jüngeren Geschwister, hilft im Haushalt, unterstützt seine Eltern und natürlich Jack, so gut es ein Neunjähriger eben kann. „Ich denke, diese Zeit hat mir dabei geholfen, erwachsener zu werden“, sagt er.

Eine fußballverrückte Familie

Wenn Gio über seinen Bruder spricht, wird aus dem sonst so lockeren und meist gut gelaunten US-Teenager, der „eigentlich immer ein Lächeln im Gesicht“ trägt (Gio), ein nachdenklicher, ernster junger Mann. Jack, sagt er, sei der Grund dafür, „warum ich heute hier bin. Deshalb möchte ich auch ihn stolz machen.“

Als sie klein sind, spielen die beiden Brüder Fußball auf einem Hinterhof. Mal mit Freunden. Mal alleine. „Mit ihm habe ich mich immer gemessen“, sagte Gio. „Er war fußballverrückt.“ Wie eigentlich jeder in der Familie. Der Vater, ehemals Profi, spielt unter anderem für Bayer Leverkusen, Manchester City und die Glasgow Rangers. Seine Mutter läuft eine Zeit lang immerhin in der dritten deutschen Frauenliga auf. Gio habe Jack „vergöttert und verehrt“, sagt Vater Claudio der „Sports Illustrated“ im Sommer 2018. „Derjenige, der ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist, war wirklich Jack.“

Nun ist auch Claudio Reyna, mittlerweile 43 Jahre alt, sicherlich nicht ganz unschuldig an der sportlichen Entwicklung seines Sohnes. Der Ex-Profi hat das Talent von Gio immer gefördert, ohne ihn zu überfordern. Heute ist Claudio Reyna Sportdirektor der Major-League-Soccer-Mannschaft New York City FC. Eben jenem Verein, bei dem auch Gio seit seinem elften Lebensjahr in der Nachwuchs-Akademie gespielt hat.

Ausbildung in der Nachwuchs-Akademie in New York

Die Bedingungen in New York scheinen wie gemalt zu sein für einen Hochbegabten wie ihn, der in den USA schon als Wunderkind gilt. Reyna trainiert unter Patrick Vieira, dem ehemaligen französischen Welt- und Europameister. Gerade von ihm habe er viel gelernt, sagt der 16-Jährige. Wie man sich auf dem Feld zu bewegen, sich in bestimmten Situationen zu verhalten habe. „Er war ein großer Spieler und weiß, wovon er spricht“, sagt Reyna. Auch wenn das mal unangenehm werden kann. „Aber wenn man das macht, was er verlangt, dann liebt er einen.“

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Warum also nicht bleiben? Zumal Vater Claudio ja eigentlich auch um das Wohl des Vereins besorgt sein sollte. „Bei meinem Wechsel hat er die Rolle als Vater angenommen“, sagt Giovanni Reyna. Und nicht die als Verantwortlicher von New York City. Auch Claudio Reyna sagt, er sei an erster, zweiter und dritter Stelle Vater. Und so kommt, was kommen muss: „Er wollte das Beste für mich. Und das Beste für mich war eben der Wechsel“, sagt Gio Reyna.

Schicksalsschlag als Kind: Warum BVB-Toptalent Gio Reyna schon früh erwachsen sein musste

Claudio Reyna (l.), hier mit New York FCs ehemaligen Trainer Jason Kreis, im Jahr 2014. © dpa

Es war an der Zeit, den nächsten Schritt zu machen. Während in den USA vor allem Basketball, Football oder Baseball die dominierenden Sportarten sind, spiele der Fußball in Europa eben eine viel größere Rolle, erklärt Reyna, der bis zu seinem zwölften Lebensjahr selbst ein guter Basketballer war. „Gerade hier in Dortmund, wo die Menschen den Fußball leben. Zudem ist alles viel professioneller. Als dann das Angebot aus Dortmund kam, passte es einfach perfekt.“ Und so hatten am Ende andere europäische Topklubs das Nachsehen.

Ein absolutes Toptalent - aber bodenständig

In den USA sagen sie, Gio habe die Spielintelligenz seines Vaters geerbt und die Athletik seiner Mutter. Dazu kommt eine starke Technik, ein gutes Dribbling und eine gewisse Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Sein ehemaliger Trainer, Patrick Vieira, vergleicht ihn mit dem früheren französischen Weltklasse-Stürmer David Trezeguet.

„Er ist zudem sehr bodenständig, sehr reif für sein Alter“, sagt Sebastian Geppert, Coach der Dortmunder U17, über den US-Amerikaner. „Ich denke schon, dass er in der U19 für Furore sorgen kann.“ Kurzum: Das Potenzial scheint enorm, was gerade in der Fußballbranche bekanntlich nicht lange verborgen bleibt.

Seit er 14 Jahre alt ist, hat Giovanni Reyna einen Agenten. Auch die großen Sportartikelhersteller haben den Youngster längst als potenzielles Zugpferd für die Zukunft ausgemacht. Adidas und Nike lieferten sich ein erbittertes Duell um das Ausnahmetalent, am Ende behält das Unternehmen aus Herzogenaurach die Oberhand, Reyna unterschreibt einen langfristigen Werbevertrag.

Seit dem vergangenen Jahr ist der 16-Jährige Teil der Adidas-Kampagne „Creativity is the answer“. Ein gigantischer Werbeaufschlag, bei dem auch Lionel Messi, Mo Salah, Zinedine Zidane oder der Musiker Pharrell Williams mitgewirkt haben. Die einfache Botschaft: Kreativität und Ideenreichtum machen den Unterschied - egal ob auf oder neben dem Platz. Junge, aufstrebende Fußballspieler sollen dazu inspiriert werden, mit Kreativität große Träume zu verwirklichen. Gio Reyna hat einen eigenen Clip. Und er hat Träume.

Gio Reyna und der Traum von der Nationalmannschaft

„Natürlich träume ich als junger Spieler davon, vielleicht noch mal in dieser Saison mit der ersten Mannschaft trainieren zu können“, sagt Reyna. „Und dort irgendwann einmal zum Einsatz zu kommen, wäre natürlich das Größte.“ Mit all den großen Spielern wie Marco Reus, Mario Götze oder Jadon Sancho. Und dann gibt es da ja auch noch die Nationalmannschaft. Im kommenden Sommer startet die WM-Qualifikation. „Es wäre ein Traum, dort irgendwann dabei sein zu“, sagt Reyna, der aktuell in der U17-Auswahl seines Landes spielt. „Das alles ist noch weit weg, aber nicht zu weit und ich denke, ich kann es schaffen.“

Zunächst soll der US-Boy, der auch über einen portugiesischen Pass verfügt und deshalb bereits bei einem europäischen Verein unterschreiben durfte, ohnehin erst einmal in der U19 von Borussia Dortmund Fuß fassen und sich an den Fußball in Europa, in Deutschland gewöhnen. Ob er bei der US-Tour der Profimannschaft dabei sein wird, ist noch offen.

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Sein Trainer, Michael Skibbe, ist überzeugt davon, dass Reyna das Potenzial mitbringt, sich auf dem neuen Kontinent durchzusetzen. „Er bringt alle Voraussetzungen mit. Er ist sehr komplett in dem, was er als Spieler ausstrahlt“, sagt der 53 Jahre alte Übungsleiter. Der US-Amerikaner habe „eine feine Technik, eine gute Schnelligkeit, eine gute Spielübersicht - da sind viele gute Anlagen gelegt“.

Ob er am Ende den gleichen Weg einschlagen wird wie Christian Pulisic, das wird die Zukunft zeigen. Bei dem 20-Jährigen hat sich Reyna jedenfalls schon mal über Dortmund erkundigt. „Er hat mir gesagt, dass es hart werden kann“, so Reyna. Aber dass dieser Klub auch der richtige sei, um den nächsten Schritt in seiner Karriere zu machen. „Und er hat es geliebt, hier zu sein, und ich bin mir sicher, dass ich es auch lieben werde.“

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