Christina „Lady“ Hammer kämpft gegen Claressa Shields - und ihre Gluten-Unverträglichkeit

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Am 13. April klettert Christina Hammer gegen Claressa Shields in den Ring. Wer gewinnt, ist Weltmeisterin in allen vier Klassen. 2018 hatte sie noch einen ganz anderen Kampf auszutragen.

Dortmund

, 20.02.2019, 20:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zum Frühstück gab es am Mittwochmorgen zwei Eier, Reiswaffeln – und glutenfreie Haferflocken. Seit bei Christina Hammer im vergangenen Sommer eine Gluten-Unverträglichkeit diagnostiziert worden ist, muss die Weltmeisterin der beiden Box-Verbände WBO und WBC noch mehr auf ihre Ernährung achten, als sie es ohnehin schon tut.

Über die Schwierigkeiten, die die Unverträglichkeit im Alltag, aber auch im Leistungssport mit sich bringt und über den wohl größten Kampf ihrer Karriere am 13. April gegen Claressa „T-Rex“ Shields vor 10.000 Zuschauern in Atlantic City sprach die 28-Jährige mit Peter Kehl und Oliver Brand.

Frau Hammer, der große Kampf gegen Claressa Shields sollte eigentlich schon im vergangenen November stattfinden. Dann wurden Sie allerdings von einer Gluten-Unverträglichkeit ausgebremst. Wie war das damals?

Ich habe mich immer schlechter und schlapper gefühlt im Training. Ich hatte Bauchkrämpfe und Magenschmerzen – das wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind. Ich habe dann zwar noch versucht, weiter zu trainieren, aber es ging einfach nicht. Mein Trainer hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Meine Mutter hat mich dann gezwungen, zum Arzt zu gehen.

Ihre Mutter?

Ja, meine Mutter hat die Unverträglichkeit selbst seit bestimmt 15 Jahren. Sie ist ebenfalls erst sehr spät daran erkrankt, im Alter von 30 Jahren etwa. Bei mir war es dann von einem auf den anderen Tag da, und ich dachte nur: Was ist das? Das kann nicht sein, dass ich das auch habe.

Und dann haben Sie erfahren, dass es doch sein kann …

Anfang September war das. Die Ärzte haben eine Entzündung im Darm festgestellt. Die Darmzotten, über die Nährstoffe ins Blut gelangen, waren ganz flach und schlank, was in der Regel ein Zeichen dafür ist, dass man eine Gluten-Unverträglichkeit hat. Ich habe mich sofort strikt an den empfohlenen Ernährungsplan gehalten.

Was bedeutet, dass Sie auf viele Dinge beim Essen nun verzichten müssen.

Man muss aufpassen, weil Weizen in vielen Lebensmitteln verwendet wird, bei denen man nicht unbedingt damit rechnet, und nicht nur in Brot und Nudeln. Mittlerweile habe ich aber meine Routine, gerade wenn ich mich auf einen Kampf vorbereite.

Was steht denn auf Ihrem Speiseplan?

Zum Frühstück esse ich oft glutenfreie Haferflocken. Und Reiswaffeln, die mir mittlerweile auch wieder schmecken – man gewöhnt sich ja an alles (lacht). Mittags gibt es meistens Quinoa oder Reis. Manchmal auch Nudeln aus Linsen. Und ich esse viel Gemüse und Obst. Fleisch und Fisch. Die meisten Dinge sind ja heute zum Glück fast überall erhältlich.

Ist eine glutenfreie Ernährung für Leistungssportler problematisch?

Die Umstellung war gar nicht so groß, da ich Nudeln zum Beispiel eh wenig gegessen habe. Aber natürlich dauert es seine Zeit, bis der Körper sich auf die neue Ernährungsweise eingestellt hat. Anfangs war es allerdings sehr schwierig, gerade auch, weil ja noch der Stress mit meinem Berater dazugekommen ist.

Gutes Stichwort. Seit 2010 boxen Sie professionell, es folgte eine Bilderbuchkarriere. 2018 hatten Sie dann zum ersten Mal zwei richtige Nackenschläge zu verkraften. Erst die Darm-Erkrankung, dann die Trennung von Manager Harald Pia. Hatten Sie eigentlich an das Ende Ihrer Laufbahn gedacht?

Nicht konkret. Aber manchmal habe ich mich gefragt: „Wofür mache ich das alles?“ Aber ich habe eine Mission. Seitdem ich boxe, wollte ich alle vier Weltmeisterschaftsgürtel besitzen. Zwei habe ich ja schon, jetzt will ich auch noch die beiden anderen von Claressa Shields. Das ist meine Motivation.

Seitdem ich boxe, wollte ich alle vier Weltmeisterschaftsgürtel besitzen.

Aber enttäuscht waren Sie doch schon nach der Trennung von Harald Pia?

Menschlich hat mich das sehr getroffen. Ich hatte das Gefühl, dass er mir nicht geglaubt hat, dass ich krank war. Er hat nicht akzeptiert, dass ich den für November 2018 geplanten Kampf gegen Shields absagen musste. Das war eine harte Zeit. Andererseits weiß ich seitdem, wer an mich glaubt. Meine Familie, mein Freund und mein Trainer. Aber jetzt fühle ich mich stärker als vorher, ich bin allen Schwierigkeiten gewachsen.

Wer managt Sie jetzt?

Tom Löffler, der ja in der Vergangenheit erfolgreich für die Klitschko-Brüder gearbeitet hat. Er hat eine unglaubliche Erfahrung in den USA. Das ist ganz wichtig für mich.

Was ist denn der Unterschied zwischen Europa und den USA?

In den USA ist alles viel abgezockter, viel skrupelloser. Und es wird mit allen Tricks gearbeitet. Zwei Beispiele. Weil Shields nicht so viel Ausdauer hat, bevorzugt sie einen weichen Ringboden. Damit der Gegner schneller müde wird. Das Gleiche gilt für die Größe des Rings. Sie würde am liebsten in einem kleinen Ring boxen, damit ich meine Reichweitenvorteile nicht ausspielen kann. Aber Tom hat alles geregelt. Wir boxen nicht auf weichem Boden und auch nicht in einem kleinen Ring.

Trotz aller Tricks. Claressa Shields ist nicht nur Weltmeisterin in den Klassen WBA und IBF, auch Doppel-Olympiasiegerin und ebenso erfolgreich wie Sie. Was macht Shields so gefährlich?

Shields ist eine Gegnerin, gegen die man nicht mal eben so boxt. Das wird die größte Herausforderung meiner Laufbahn. Sie ist klein und kräftig, boxt unglaublich aggressiv mit einer hohen Frequenz. Klar ist: Ich muss meinen Reichweitenvorteil von zehn Zentimetern ausspielen und sie nicht in die Nahdistanz kommen lassen. Es wird der Kampf der Kämpfe.

Shields ist eine Gegnerin, gegen die man nicht mal eben so boxt. Das wird die größte Herausforderung meiner Laufbahn.

Die USA gelten unter Boxern als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch wegen der Verdienstmöglichkeiten. Haben Sie es also finanziell geschafft, wenn Sie in den USA gewinnen sollten?

Die USA sind wirklich eine andere Hausnummer. In Deutschland kann man vom Frauenboxen allein nicht wirklich gut leben. Ich habe noch einige Ausrüsterverträge, deshalb passt es für mich. Aber in den USA bewegst du dich auch finanziell in ganz anderen Regionen.

Auch weil das Fernsehen mitzieht – im Gegensatz zu Deutschland.

Das stimmt. Zum ersten Mal überträgt der Pay-TV-Sender Showtime Frauenboxen in der sogenannten Primetime am Samstag zwischen 22 und 23 Uhr. Aber vielleicht steigt das deutsche Fernsehen ja zum Rückkampf ein. Es ist vertraglich geregelt, dass der Kampf in Deutschland stattfinden kann. Dann könnte ich zeigen, dass auch Frauen gut boxen können.

Die Zeit drängt, bis zum 13. April sind es nur noch sieben Wochen. Wie bereiten Sie sich vor?

Grundsätzlich trainiere ich zweimal zweieinhalb Stunden pro Tag. Am Wochenende fliege ich zur Pressekonferenz nach New York. Am 10. März geht’s dann für zehn Tage ins Trainingslager nach Seefeld in Tirol. Die Berge sind mein Ding. Besonders im Schnee ist das mega-anstrengend. Das hat so etwas wie in den Rocky-Filmen, als Rocky Balboa in Sibirien trainiert.

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