Das doppelte Netz: Ein Besuch beim Dortmunder Autismus-Projekt

Tennis

Mit lockerem Griff hält Till Blume seinen Tennisschläger in der rechten Hand. Alle paar Sekunden kommt eine gelbe Filzkugel auf ihn zugeflogen. Doch nur jede dritte findet den Weg wieder zurück über das Netz. Stoisch wartet der 16-Jährige auf den nächsten Ball.

DORTMUND

von Von Florian Groeger

, 23.04.2011, 07:03 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein eingespieltes Team: DTK-Trainer Marc Senkbeil (l.) und Till Blume.

Ein eingespieltes Team: DTK-Trainer Marc Senkbeil (l.) und Till Blume.

Immer mit dabei: Mutter Manuela. „Till hat schon früher eine Sportgruppe besucht, doch dabei fehlte die Interaktion. Das ist beim Tennis anders. Zudem ist das Sportangebot für Menschen mit geistiger Behinderung sehr überschaubar“, sagt sie. Die Interaktion hat in diesem Fall einen Namen. Marc Senkbeil, Trainer des im Oktober 2009 vom Dortmunder Zahnärzteverein, dem Autismus-Therapie-Zentrum Dortmund/Hagen und dem DTK ins Leben gerufenen Projekts „Tennis als Therapieform für autistische Kinder“. „Grundlage war die Idee, Tennistraining einer besonderen Kinder- und Jugendgruppe anzubieten. Einer Zielgruppe, die nicht von sich aus den Weg zum Tennistraining suchen würde“, sagt Senkbeil, der an diesem sonnigen Tag ein 45-minütiges Einzeltraining mit Till absolviert. „Wir trainieren in kleinen Gruppen mit maximal drei bis vier Kindern und können somit sehr individuell arbeiten. Gerade das ist bei Autisten wichtig“, so Senkbeil.

Nach einem Jahr zogen die Verantwortlichen im Sommer 2010 ein mehr als zufriedenstellendes (Zwischen-)Fazit. „Tennistraining bei autistischen Kindern und Jugendlichen in Dortmund war für alle Verantwortlichen eine neue Erfahrung auf der Grundlage einer Idee. Niemand konnte im Vorfeld die enorme Resonanz einschätzen“, sagte damals Dr. Joachim Otto, Vorstand der Dortmunder Zahnärzte. Derzeit schätzt man die Zahl der Autisten in Deutschland auf rund 80 000. Mediziner beschreiben die Behinderung als angeborene, nicht heilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht. „Wir haben recht schnell bemerkt, dass sich Till anders als andere Kinder entwickelt. Das Familienleben gestaltete sich sehr schwierig“, sagt Manuel Blume. „Oft hörte man von den Ärzten ’Der Junge ist ja noch so klein, das wird schon noch‘. Als die Diagnose dann feststand“, da war Till drei Jahre alt, „fühlte sich das an wie eine Erlösung. Endlich konnten therapeutische Maßnahmen beginnen.“

Zunächst besuchte Till den Regelkindergarten, anschließend als Integrationskind die Regelschule. „Das funktionierte gut, als es dann aber um den Übergang in die weiterführende Schule ging, haben wir uns für eine Förderschule mit dem Schwerpunkt ’geistige Entwicklung‘ entschieden. Dort liegt der Fokus auf dem Bereich Selbstständigkeit“, erinnert sich Manuela Blume. Denn die Schwachpunkte autistischer Kinder liegen insbesondere in den Bereichen emotionale Bindung und soziale Kompetenz. „Das macht die Krankheit so schwer greifbar.“ Um diese Kompetenzen zu fördern, gehören auch Bälle einsammeln und Platz abziehen als fester Bestandteil zu jeder Trainingseinheit. „Im Alltag ist Till gerne für sich allein. Er möchte zwar, dass alle Familienmitglieder in seiner Nähe sind, zieht sich dann aber alleine auf sein Zimmer zurück. Er ist dabei, irgendwie aber auch nicht. Jugendliche in diesem Alter versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, bei Till ist es genau das Gegenteil“, beschreibt Manuela Blume. „Er darf keine Party verpassen, sitzt dann aber meistens zurückgezogen in einer Ecke. Außenstehenden ist es fast unmöglich, mit ihm zu kommunizieren. Dadurch kommt das Gemeinsame einfach viel zu kurz.“

Das soll durch das Tennistraining kompensiert werden. „Till ist jetzt seit einem Jahr dabei und hat für seine Verhältnisse große Fortschritte gemacht“, sagt Marc Senkbeil. „Für einen Außenstehenden ist das allerdings nur schwer zu erkennen“. Manuela Blume gibt das Lob an den Trainer zurück: „Marc und seine Trainerkollegen beim DTK geben sich ungemein viele Mühe, erklären auch den Ablauf einfacher Übungen immer wieder. Zu Beginn sind viele Bälle an Till vorbeigeflogen, heute erwacht manchmal der Kämpfer in ihm. Tennis ist zu einem festen Bestandteil in seinem Leben geworden.“ Während Till beim Abziehen auf der staubigen Asche die letzten Bahnen vor sich hat, bringt Marc Senkbeil seine ganz eigene Motivation auf den Punkt. „Man bekommt ungemein viel Dankbarkeit von den Eltern zurück, das spornt immer wieder an.“

Das Tennistraining ist ein Schuljahr lang kostenfrei. Anschließend wird eine spezielle Fördermitgliedschaft entwickelt. Schnupper-Trainingseinheiten finden an jedem ersten Mittwoch im Monat um 16 Uhr auf dem DTK-Vereinsgelände, Johannes-von-Gronowski-Str. 20, statt. Anmeldungen per Telefon unter 8 80 88 60. Weitere Informationen im Internet: www.tennis-autismus.de

  • Völlig überraschend verstarb am 16. April Martina Grützbach, fachliche Leiterin der Autismus-Zentren Dortmund und Hagen. „Wir stehen alle noch unter Schock. Das ist ein unbeschreiblicher Verlust“, so Dr. Joachim Otto.
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