Drei Trainer und ihre Gefühlswelten am Saisonende

Fußball

Für den ASC 09 und den SV Brackel 06 ging es am abschließenden Spieltag um Alles. Bei einer Niederlage drohte der Abstieg in die Fußball-Westfalen- beziehungsweise -Landesliga. Die Trainer Adrian Alipour (ASC) und Jörg Lange (Brackel) ließ diese Mammutaufgabe nicht unberührt. Emotionen kochten auch bei Marko Schott hoch. Die drei Coaches erzählen aus ihrer persönlichen Sicht, wie sie die letzten Tage erlebt haben.

DORTMUND

03.06.2017, 09:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Jörg Lange (SV Brackel 06): "Es ist eine Anspannung geblieben"

 

„Es wird vielleicht niemand für möglich halten, aber ich war am Tag vor unserem Saisonfinale tatsächlich in Berlin. Das hatte sich eigentlich aus einem Zufall heraus ergeben, ich hatte über einen Bekannten zwei Karten fürs Pokalendspiel bekommen und wollte diese Gelegenheit, vor Ort dabei sein zu können, sehr gerne mitnehmen. Das war eine willkommene Ablenkung. Und ich hatte ein gutes Gefühl dabei, weil ich im Vorfeld mit meinem Co-Trainer Christopher Kruse alles besprochen hatte, was es bezogen auf unser Spiel in Wanne zu klären gab.

Gegen vier Uhr morgens war ich dann wieder zu Hause, sechs Stunden Schlaf mussten da mal reichen. Aber da ich ohnehin noch nie Alkohol getrunken habe, ging es ja nicht um meinen körperlichen Zustand an sich, sondern nur darum, trotz einer leichten Müdigkeit voll da zu sein, wenn wir uns mit den Spielern treffen, es darum geht, sich die Gegner-Analysen noch einmal anzuschauen und sich gezielt auf die Partie vorzubereiten. Das hat zum Glück ganz gut geklappt, es lief auch wirklich sehr strukturiert ab.

Natürlich ist bis zuletzt eine gewisse Anspannung geblieben, und sie hat sich sogar noch einmal verstärkt, als es nicht gleich von Beginn an so lief, wie wir uns das gewünscht hatten. Nach dem ersten Tor, erst recht aber nach dem 2:0 und 3:0, aber wurde die Stimmung immer gelöster. Irgendwann war dann allen klar, dass es reichen würde, zumal für uns zusätzlich ja auch das Ergebnis in Horst-Emscher passte.

Zuvor hatten es die Jungs leider mehrfach versäumt, sich für eine gute Leistung zu belohnen. Aber da gab es nie irgendwelche Vorwürfe, denn einen solchen Spannungsbogen baut keiner absichtlich auf. Sie blieben immer auf das große Ziel fokussiert, daher habe ich mich riesig darüber gefreut, dass sie es am Ende hinbekommen haben, auf den Punkt genau eine solch tolle Leistung abzurufen.

Überhaupt herrschte in den ganzen letzten Wochen innerhalb des Vereins eine Ruhe, die ich als sehr angenehm empfunden habe und die auch extrem wichtig war, um diese schwierige Situation zu meistern. Vorstand und sportliche Leitung haben uns vertraut, uns einfach arbeiten lassen, das hat sich ausgezahlt.

Vielleicht hat mir persönlich auch geholfen, dass ich etwas Ähnliches schon in der vergangenen Saison erlebt habe. Da mussten wir mit Husen-Kurl ebenfalls am letzten Spieltag punkten, um in der Liga zu bleiben. Auch das hatte mit ein wenig Glück geklappt. Dass wir das jetzt auch mit dem SV Brackel 06 geschafft haben, war alles in allem eine super Erfahrung und ein tolles Erlebnis. Allerdings sollte das keinesfalls zur Tradition werden.

Deshalb wollen wir in der nächsten Saison einige Punkte mehr holen, um früher Planungssicherheit zu haben als in diesem Jahr. Noch einmal bis zum letzten Spieltag zittern zu müssen, das brauche ich nicht wirklich …“

 

Weiter geht es mit Adrian Alipour (Seite 2) und Marko Schott (Seite 3).

Adrian Alipour (ASC 09): "Das waren die emotionalsten Momente"

 

„Ich war nach dem letzten Spieltag platt. Komplett platt. Sowohl geistig als auch körperlich. Denn das waren die emotionalsten und brutalsten Momente, die ich je als Trainer erlebt habe. Wir hatten ja unsere Pflicht erfüllt und 2:1 gegen Marl-Hüls gewonnen. Jetzt musste Kaan gegen Neuenkirchen noch gewinnen, damit wir die Klasse halten.

Als bei uns abgepfiffen wurde, stand es in Kaan noch 0:0, die Partie hatte 20 Minuten später angefangen. Ich habe mich einfach 20 Minuten lang auf den Rasen gesetzt. Ich habe gehofft. Ich habe sogar gebetet. Wirklich.

Dann hörten wir vom 1:0 für Kaan. Vom 2:0. Trotzdem war ich ganz still. Was ist nicht alles schon im Fußball passiert. Dann kam die Kunde vom 3:0, vom Abpfiff. Da bin ich nur noch aufgestanden und gerannt. Mitten in die Leere hinein. Ich wollte nur rennen. Mehr nicht. Auch wenn das bestimmt völlig bescheuert aussah. Die ganze Woche werde ich niemals vergessen. Montags bin ich morgens aufgestanden und war fest davon überzeugt, dass wir die Klasse definitiv halten, auch wenn wir es nicht mehr selbst in der Hand hatten.

Aufgrund der besonderen Situation habe ich dann kurzfristig den kompletten Trainingsplan umgeschmissen. Ich musste meine Jungs ja nicht mehr groß motivieren, sie akribisch auf den Gegner vorbereiten. Die können ja alle die Tabelle lesen und wussten worum es geht. Deshalb hieß es für mich, die Stimmung hochzuhalten und mehr Spaßelemente ins Training einzubauen. Es ging jetzt nur noch um den Zusammenhalt. Der negative Druck, der auf uns lastete, musste einfach weichen. Das ist uns zum Glück gelungen.

Auch, weil wir einen unglaublichen Zusammenhalt hatten. Normalerweise hat ein Trainer nur elf Freunde, die Stammspieler. Mit Abstrichen sind noch die Spieler zufrieden, die zumindest eingewechselt werden. Bei uns war das aber anders. Hier haben alle an einem Strang gezogen. Wenn ich da nur an Dominik Altfeld, Tim Schwarz oder Jeffrey Malcherek denke. Die hatten bei mir kaum Spielanteile, trotzdem haben die sich immer reingehauen, die anderen Jungs gepusht. Das war unglaublich.

Jetzt heißt es für mich aber, erstmal etwas abzuschalten, Distanz zum Fußball zu bekommen. Ich fahre über Pfingsten an die Ostsee. Gehe dort wandern, fahre ein bisschen Fahrrad. Und ich verstecke mein Telefon im Rucksack. In der vergangenen Woche musste ich es wirklich zweimal pro Tag aufladen. Es ging immer um Fußball. Das war der Wahnsinn. Ich hatte das Gefühl, das Handy wäre zu einem Teil meines Körpers mutiert. Im Urlaub stelle ich es aber auf Stumm. Das brauche ich jetzt einfach nach all dem Stress der vergangenen Tage.“

 

Weiter geht es mit Marko Schott (Seite 3). 

 

Marko Schott (Westfalia Wickede): "Wickede bleibt mein Zuhause"

 

„Die Mannschaft, mit der ich die Saison nach Bekanntwerden meines Weggangs zusammengearbeitet habe, hat Charakter. Definitiv! Das hat sie in vielen Spielen bewiesen, nach dem 1:6 gegen Iserlohn Ende März wurde es für uns alle aber ziemlich zäh. Da war der angepeilte zweite Platz außer Reichweite. Wir hatten noch das Highlight, das Pokalhalbfinale gegen den FC Brünninghausen, dann den Pokalsieg, der gegen Dorstfeld aber dann eher eine Pflichtaufgabe war. Gerade während der vergangenen Wochen kamen viele Gedanken über mein Leben, das so eng mit der Westfalia verbunden ist.

Dass ich jetzt gehe, stimmt mich irgendwo auch etwas traurig. Schon seit meinem ersten Lebensjahr bin ich Mitglied. Mein Vater, der fast alle möglichen Funktionen im Verein hatte, nahm mich immer mit. Auch als ich später für andere Vereine spielte, hatte ich immer Kontakt zur Westfalia. Das ist einfach mein Verein.

Dann folgte ja die Zeit, als ich vor elf Jahren zurückkehrte, zunächst als Spieler. Es begann katastrophal, ich flog ein paarmal vom Platz. Dann aber ging es als Spielertrainer bergauf. Ich vergesse die Aufstiegsjahre nie. Ich durfte auch dabei sein, als der Verein umzog von der Eichwaldstraße auf unsere neue Anlage, auf die der Verein stolz sein kann. Ich bin meinerseits auch stolz, Teil dieses Vereins zu sein. Gerne nenne ich in diesem Zusammenhang die Namen Klaus-Dieter Friers und Hans-Walter von Oppenkowski. Sie haben mich immer unterstützt. Ihr großer Einsatz war mit ein Garant für den Aufschwung der Westfalia. Zu Beiden pflege ich noch heute ein freundschaftliches Verhältnis und werde das auch weiterhin tun.

Ich wäre, und das ist ja kein Geheimnis, jetzt sehr gerne Trainer von Westfalia Rhynern. Ich hatte mich auf den Job sehr gefreut und dementsprechend auch sehr gut vorbereitet. Damit, dass es nicht klappt, habe ich mich jetzt aber arrangiert. Bewusst nehme ich jetzt erstmal ein halbes Jahr Abstand. Seit 38 Jahren heißt es in meinem Leben immer nur ‚Fußball, Fußball, Fußball!‘ Daher tut mir die Pause jetzt mit Sicherheit auch mal gut, um auf andere Gedanken zu kommen.

Ich behalte dennoch meine Westfalia aus Wickede im Auge. Ich bleibe in Kontakt mit vielen lieben Menschen. Ich denke, der Sportliche Leiter Andreas Bath, mein Co-Trainer Andreas Teichmann und ich übergeben eine vernünftige Mannschaft. Sie wird sich an neue Abläufe unter Alexander Gocke und Thomas Gerner gewöhnen müssen. Mir ist um die Zukunft der Mannschaft auch überhaupt nicht bange. Ich wünsche allen jedenfalls nur das Beste. Denn egal, wohin ich irgendwann gehen sollte: Im Fußball bleibt Westfalia Wickede mein richtiges Zuhause!“

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