Kommentar zur Präventivarbeit gegen sexualisierte Gewalt: Eine Frage der Vernunft

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Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen wird nicht mehr heftig tabuisiert. Doch Sportvereine könnten deutlich mehr Prophylaxe betreiben. Ein Kommentar.

NRW

, 22.06.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Statistik zeigt nie die gesamte Wahrheit. Doch sie bietet Orientierung. Von rund 18.300 Sportvereinen in Nordrhein Westfalen sind laut Landessportbund NRW circa 80 Mitglied des Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. 60 weitere Klubs, so vermeldet der LSB, seien „auf dem Weg“, würden sich also damit befassen, dem 2013 gegründeten Bündnis beizutreten. In Gänze ist das sehr, sehr karges Zahlenwerk.

Einerseits wird zwar zurecht gelobt, dass präventive Projekte gegen sexualisierte Gewalt im Vereinsleben inzwischen eine veränderte Wertigkeit besitzen. Im Gegensatz zu früher wird das Thema nicht mehr so heftig tabuisiert. Andererseits aber bleibt festzuhalten, dass sich der Arbeitseifer vieler Vereine in diesem Bereich weiterhin in engen Grenzen hält. Leider.

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Weder im Großen noch im Kleinen ist das so wichtige, flächendeckende und wirklich intensive Engagement gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ersichtlich. Weder landesweit noch in Dortmund selbst. Da haben sich laut des Fußball- und Leichtathletik-Verbands Westfalen bisher insgesamt zehn Klubs das Qualitätssiegel verdient. Drei davon unterhalten eine Fußballabteilung. Ganzheitliches Engagement sieht anders aus.

Die Bilanz im Dortmunder Fußballkreis bezeichnet der Vorsitzende des Kreisjugendausschusses Andreas Edelstein denn auch offen-ehrlich als „Armutszeugnis“. Er stellt fest: „Aktuell müssen wir uns klarmachen, dass die allerwenigsten Vereine ein Gesamtkonzept im Auge haben.“ In Addition mit den genannten Daten legt seine Diagnose eine beträchtliche Problematik offen.

Verpassen die Chance, wirklich professionell geschult und sensibilisiert zu werden

Sicherlich, der Eintritt in dieses Qualitätsbündnis ist kein Allheilmittel. Und auch ohne ein vom LSB ausgehändigtes Zertifikat kann gute Arbeit gegen sexualisierte Gewalt geleistet werden. Häufig allerdings verlassen sich Klubmitarbeiter offenbar allein auf ihren Menschenverstand – und verpassen die Chance, wirklich professionell geschult und sensibilisiert zu werden.

Einige „gut geführte“ Klubs beschäftigten sich mit dem Eintritt ins Qualitätsbündnis, schildert Edelstein. „Aber ich würde mir schon wünschen, dass es nicht immer die gleichen zwanzig Vereine wären.“ Sondern alle. Am besten.

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Wer sensibilisiert ist, dessen Wahrnehmung reicht schließlich weiter. Wer sensibilisiert ist, der sieht problematisches Verhalten womöglich eher. Er tut damit den Kindern einen großen Gefallen, verhilft dazu, das Umfeld sicherer zu machen. Und er rammt allen potenziellen Tätern ein imaginäres STOP-Schild in den Weg. Ein STOP-Schild, das zum zügigen Umkehren animiert.

Wenn Timo Lammert, seinerseits Geschäftsführer vom Dortmunder Qualitätsbündnis-Mitglied Husen-Kurl, im Brustton der Überzeugung sagt, „solche Leute überlegen sich zwei-, dreimal, ob sie sich bei uns bewerben wollen“, dann hat er vermutlich recht damit.

Es bedarf nicht zu unterschätzender Arbeit, es bedarf einiger Hingabe, um sich dieses Qualitätssiegel letztlich anheften zu dürfen - und das so bedeutende Engagement anschließend auch weiterzuführen. Es bedarf williges Personal dafür, es bedarf an manchen Stellen wahrscheinlich Überzeugungskraft. Doch zuallererst bedarf es der Einsicht, dass das Ergebnis all dessen nur gut sein kann. So geht es doch um Kinder und Jugendliche.

In dieser Frage gibt es kein Wenn und Aber

Ihnen soll der Spaß am Sport vermittelt werden und erhalten bleiben. Sie sollen innerhalb der Vereine eine gute Zeit haben – und nicht irgendeiner Gefahr oder irgendeiner ihnen unangenehmen Situation ausgesetzt sein. Für wen das kein hehres Ziel ist, der hat in einer Juniorenabteilung nichts verloren. In dieser Frage gibt es kein Wenn und Aber.

An jene, die die Bedeutung der präventiven Arbeit noch nicht verstanden haben, kann nur appelliert werden. Und jene, die wegen ihres (Vollzeit)Jobs nicht die nötigen Zeitkapazitäten für die zeitfressende Prophylaxe aufbringen können, bleibt nur zuzurufen, ob denn die Verantwortung nicht auf mehrere Schultern verteilt werden könnte. Ist es nicht möglich, dass sich zwei, drei, vielleicht sogar vier Leute innerhalb eines Klubs zusammentun, um sich gemeinschaftlich dem wichtigen „Projekt Qualitätsbündnis“ zu widmen?

Es wäre wünschenswert. Denn sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, das muss fortwährend betont werden, ist ein reales und gewichtiges Problem. Damit sollen keinesfalls alle Übungsleiter unter Verdacht gestellt werden. Übeltäter aber tummeln sich natürlich auch da.

Fünf Jahre Haft für Fußballtrainer und Schulsozialarbeiter

Erst vor ein paar Monaten wurde in Münster ein ehemaliger Fußballtrainer und Schulsozialarbeiter wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Mehrere Jungen hatte er missbraucht, einen weiteren an einen Kollegen „vermittelt“. Die Kinder wurden seinerzeit auf schamlose, perverse Art ausgenutzt. Ihr Leid kam erst viel zu spät ans Licht.

Diese Verbrechen, passiert innerhalb von mehreren Jahren, unterstreichen erneut: Maßnahmen – seien es Schulungen oder klare Verhaltensvorschriften für Trainer – sollten nicht erst dann eingeleitet werden, wenn die Katastrophe schon eingetreten ist. Sondern präventiv, also weit vorher. Wenn die Bedrohung noch fern scheint.

Es ist vor allem eine Frage der Vernunft.

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