Mittendrin und voll dabei

DORTMUND „Was haste wieder für dumme Sprüche gelassen“, meint ein Ringer des AC Hörde in rauem, herzlichem Ton beim Training und kugelt mit Andreas Arndt über die Matte. Denn Laufen geschweige denn Stehen kann Arndt nicht.

von Von Christopher Dömges

, 07.01.2008, 15:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Andreas Arndt (r.) ist bei seinen Ringer-Kollegen voll akzeptiert.

Andreas Arndt (r.) ist bei seinen Ringer-Kollegen voll akzeptiert.

Andreas Arndt (39) ist Tetra- also Vollspastiker, sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl, lebt in einem Dortmunder Behindertenwohnheim und arbeitet in einer Werkstatt für beeinträchtigte Menschen. Deshalb, so sein Trainer Hans Krüger (48), sei es gut, „dass der Andi mal rauskommt“.

Gute Körpererfahrung

Andreas Arndt ist eine Ausnahme. Denn: Behinderte, die ringen, könne man in Deutschland, wenn nicht international, an einer Hand abzählen, sagt Krüger. „Ringen ist ein sehr harter Sport. Da kriegst du schnell einen drüber, wenn du nicht absolut fit bist.“ Doch fit ist Andreas Arndt – für seine Verhältnisse. Er geht regelmäßig schwimmen („Der beste Sport für einen Spastiker, weil dann sofort geduscht werden kann“, so Vater Heinz Arndt), macht Rehasport in der heimnahen Gesamtschule. „Körperliche Betätigung ist mein Leben“ sagt Arndt, „ich will nicht alles meinen Pflegern überlassen. Abtrocknen, anziehen ...“

Vor über zehn Jahren kam Andreas Arndt zum Ringen. Sein Vater, selbst Sportlehrer, hatte einen Kampf gesehen und sich gedacht: Wenn sich jemand speziell um ihn kümmert, dann wäre das was für meinen Sohn. Eine gute Körpererfahrung. Da die Brücherhof-Grundschule, Trainingsstätte des AC, Andreas‘ Wohnheim am nächsten liegt, fragten die Arndts an.

Dumm geguckt

„Die haben natürlich erstmal alle dumm geguckt, als ein schwerstbehinderter Rollstuhlfahrer zum Ringen kommen wollte“, berichtet Vater Arndt. Sie hatten Angst, ihm wehzutun. Doch: Das Eis ist lange gebrochen. Andreas Arndt ist voll integriert, auch wenn er natürlich kein Fußball spielen kann und die besondere Betreuung des Ringertrainers Hans Krüger braucht. Der sagt: „Über die Jahre ist Andi mein Freund geworden. Sport verbindet ja.“ Natürlich sei das Training nicht leicht, zumal bei Andreas auch keine Besserung seines Zustandes zu erwarten ist. Aber: „Er gibt nicht auf“, sagt Krüger. „Das schätzen wir alle an ihm.“

Andreas Arndt gab den Ausschlag dafür, dass beim AC vor einiger Zeit eine Aktion gestartet wurde – Ringen für Behinderte. Aber: Das ist vorbei, vom Verein nicht mehr zu leisten. Und so kugelt Andreas Arndt wieder allein mit seinen nichtbehinderten Sportkollegen über die Matte. Manchmal, so Trainer Krüger, „kann es passieren, dass der Andi mich sogar im Armdrücken besiegt“. Mit seiner starken Hand natürlich.

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