Sexualisierte Gewalt im Sport: Studie soll Breitensport untersuchen

mlzMissbrauch im Sport

Der Landessportbund NRW hat eine Studie zu sexualisierter Gewalt in Auftrag gegeben. Die soll exakte Erkenntnisse liefern - und die Präventionsarbeit verbessern.

Dortmund

, 10.09.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Prof. Dr. Bettina Rulofs befasst sich seit langem mit sexualisierter Gewalt im Sport. In Deutschland gilt sie für diesen Bereich als Spezialistin. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Uniklinik Ulm erhob die Sportsoziologin vor vier Jahren Daten zum Leistungssport. Und gewann deutliche Erkenntnisse.

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Ein Drittel der befragten Nachwuchsathletinnen- und -athleten gab seinerzeit an, sexualisierte Gewalt während der Karriere erlebt zu haben. Nun will Rulofs in Kooperation mit den Kollegen aus Ulm alle Sportvereine in Nordrhein-Westfalen unter die Lupe nehmen. Der Landessportbund NRW hat dafür eine Studie in Auftrag gegeben.

Klar, sagte Rulofs bei einem Pressegespräch in Köln, vor allem im Leistungssport geben es eine „starke Abhängigkeit zwischen Sportlern und Trainern. Manchmal hängt die gesamte Karriere davon ab. Wir nennen das Pfadabhängigkeit. Für Sportlerinnen und Sportler ist es schwer, daraus auszubrechen.“

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Allerdings, so betonte die Professorin der Universität Wuppertal ebenfalls: „Auch im Breitensport hat ein Trainer Macht. Er kann zum Beispiel drohen, jemanden am Wochenende nicht aufzustellen.“

Dass „die Eingangshürden für mögliche Täter recht niedrig sind“, sei vor allem im Breitensport weit verbreitet, bekräftigte sie. Amateurvereine prüften häufig nicht bis ins letzte Detail, wem sie eine ihrer Mannschaften anvertrauen. Mit der neuesten Studie sollten sowohl Leistungs- als auch Freizeitsportler erfasst werden.

Wer sind die Täter

„Es wird eine Reihe von Leuten geben, die keine Erfahrung mit sexualisierter Gewalt gemacht haben“, sagte Rulofs. „Es wird aber auch Leute geben, die so etwas erlebt haben.“ Die könnten anonymisiert per Online-Umfrage von dem Geschehen berichten.

Rulofs Forschungsinteresse bezieht sich zuvorderst auf vier Fragestellungen: Wer sind die Täter? In welchen Sportarten treten besonders viele Fälle auf? Sind es vor allem große oder kleine Vereine, in denen sexualisierte Gewalt geschieht? Und: Wie ist der jeweilige Verein mit einem solchen Fall umgegangen?

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All das möchte Rulofs ergründen, indem sie nach der Datenerhebung Interviews führt. Mit den Betroffenen, mit den Vereinsverantwortlichen und – wenn möglich – auch mit den Tätern. Im Herbst 2021 sollen die ersten Ergebnisse vorliegen, 2022 soll das Projekt dann beendet und die gesamten Resultate vorgestellt werden.

Warum sich der Landessportbund NRW aktiv daran beteilige? Es sollen endlich Fakten geschaffen werden. „Wir“, sagte Vorstandmitglied Martin Wonik, „wir wollen ganz konkret fragen, was da passiert.“ Um eine klare, seriös erarbeitete Datenlage vorliegen zu haben. Und um darauf aufbauend die Präventivarbeit zu verbessern.

Einen Betroffenenrat einzurichten

So ist es unter anderem geplant, einen Betroffenenrat einzurichten, erklärte Dr. Birgit Palzkill, ihrerseits LSB-Beauftragte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Der Landessportbund versuche mit viel Fingerspitzengefühl Betroffene von sexualisierter Gewalt zu finden, die in einem solchen Expertenkreis ihr Wissen teilen wollten.

„Es ist nicht einfach, immer wieder mit dem Geschehenen konfrontiert zu werden. Das kann retraumatisierend sein. Aber vielleicht klappt es ja“, meinte Palzkill. Von Opfern könne schließlich sehr viel gelernt werden. Sie könnten wichtige Hinweise geben, in welchen Bereichen die Prophylaxe noch lückenhaft sei, betonte auch Rulofs.

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Über das Engagement des Landessportbundes sagte Palzkill: „Als wir 1996 eine erste Studie in Auftrag gegeben haben, wurden wir angefeindet. Es gab den Vorwurf, wir würden alle Trainer unter Generalverdacht stellen.“

Die Stimmung habe sich zum Glück geändert. „Die Öffentlichkeit ist sensibler geworden.“ Allerdings mahnte die ehemalige Leistungssportlerin Palzkill: „Die Fixierung auf schwere Fälle stellt ein Problem dar. Ziel muss es sein, dass über jede Form der Grenzüberschreitung gesprochen werden kann.“

Ein Schritt in die richtige Richtung

Mit der Studie soll eine weiterer Schritt in die richtige Richtung vollzogen werden. Sie soll zudem über die Landesgrenze hinaus reichen. Wie Vorstandmitglied Wonik dieser Redaktion bestätigte, seien sieben weitere Landessportbünde erfolgreich kontaktiert worden.

Ingesamt acht würden den Umfragebogen in ihrem Gebiet verbreiten. „Wir brauchen mindestens 2.000 Teilnehmer“, bemerkte Rulofs. Sie gehe aber davon aus, „dass es deutlich mehr werden“.

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