Sportmediziner wird deutlich: Fußballspiele vor Weihnachten? „Das macht keinen Sinn“

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Bis mindestens Anfang Dezember müssen sich die Amateursportler noch gedulden. So lange gilt der Sport-Lockdown. Darf danach wieder trainiert und gespielt werden? Das sagt ein Sportmediziner.

Dortmund

, 06.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Amateursport ruht. Die Ende Oktober verkündeten Corona-Maßnahmen bringen auch den Amateurfußball zumindest für den gesamten November zum Erliegen. Aber wie geht es danach weiter? Wird im Dezember wieder trainiert oder gar gespielt? Und wie hoch ist nach der Pause die Verletzungsanfälligkeit? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Ingo Froböse, Sportmediziner an der Sporthochschule Köln, gesprochen.

Herr Froböse, der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) gibt sich vorsichtig optimistisch, dass in diesem Jahr noch Fußball gespielt werden könnte. Wie ordnen Sie diese Aussage nach dem vierwöchigen Sport-Lockdown aus sportmedizinischer Sicht ein?

Grundsätzlich sind vier Wochen Pause eine lange Zeit. Es kann gespielt werden, aber die Sportler sind wegen der langen Sommerpause noch nicht lange richtig im Spielbetrieb. Deswegen halte ich es für sehr mutig, so eine Aussage zu treffen.

Warum?

Die Rahmenbedingungen mit den kalten Temperaturen laden nicht unbedingt zum Fußballspielen ein. In den Wintermonaten fehlt auch das Vitamin D, das ist eine wichtige Größe für die sportliche Leistung. Die Kälte ist zudem für die Muskeln und das Gewebe nicht optimal. Wenn man dann zusätzlich nicht optimal vorbereitet ist, dann kann ein Kältereiz im Spiel größere Konsequenzen haben.

Wie sieht denn eine gute Vorbereitung aus? Wie viel Zeit benötigt ein Amateursportler im Schnitt, um nach einem Monat Pause wieder auf dem Level zu sein wie kurz vor dem Lockdown?

Grob sagt man, dass die Vorbereitungszeit so lange sein sollte wie die Pause. Das ist dann der Fall, wenn Sportler eine komplette Pause gemacht haben. Ich hoffe aber nicht, dass die Sportler jetzt in der Zeit nichts tun. Das wäre fatal. Es ist wichtig, dass sie trotzdem viel erhalten und viel machen. Ich erwarte von den Trainern und Vereinen auch, dass die Spieler klare Hausaufgaben bekommen haben, um die Ausdauer zu erhalten, die Schnellkraft zu fördern und Muskulatur zu dehnen und zu kräftigen. Wenn alle Spieler das sehr konsequent gemacht haben, dann bräuchte man nur 14 Tage Vorbereitungszeit mit etwa zehn Trainingseinheiten.

Gehen wir von dem Beispiel aus, dass die Sportler im Dezember wieder auf die Plätze dürfen und dann zwei bis drei Mal die Woche trainieren. Das würde nicht reichen, um in diesem Jahr noch zu kicken, oder?

Das wären vier bis sechs Einheiten. Was ist das denn? Das ist gar nichts. Das würde allen trainingswissenschaftlichen Grundsätzen widersprechen. Ich halte nichts davon, den Spielbetrieb dann auf Biegen und Brechen durchzuziehen.

Was könnte passieren? Ist die Gefahr für Verletzungen massiv erhöht?

Alleine die kalten Temperaturen erhöhen schon das Risiko. Wenn die Vorbereitung nicht optimal war, ist die Gefahr noch einmal größer. Eine gute Vorbereitung ist Grundvoraussetzung. 70 Prozent aller Verletzungen finden ohne Gegnerkontakt und in der zweiten Halbzeit statt.

Wenn Sie eine Einschätzung abgeben müssten: Macht Wettkampfsport unter diesen Voraussetzungen in diesem Jahr überhaupt noch Sinn?

Nein, kurz nach dem Start käme ja Weihnachten, und dann haben die Sportler schon wieder Pause. Da bekommen sie kein Leistungsniveau. Mein Vorschlag wäre, die vier bis sechs Wochen bis beispielsweise zum 10. Januar zu nutzen, um sich optimal vorzubereiten und optimal zu trainieren. Man muss den Spielern die Zeit geben. Die ist nötig, weil den Sportlern sowieso eine sehr intensive Saison bevorsteht – mit höheren Belastungen.

Der Bayerische Fußballverband (BFV) hat den Spielbetrieb für dieses Jahr wegen ebenjener Umstände abgesetzt. Das müssten Sie dann gut finden, oder?

Das, was Bayern macht, finde ich gut. So gibt man den Trainierenden Zeit, sich auf den Wettkampf vorzubereiten.

Der DFB und seine Landesverbände sprechen sich dafür aus, dass vor allem Kinder und Jugendliche noch in diesem Jahr auf den Sportplatz zurückkehren, um mindestens trainieren zu können. Was sagen Sie dazu?

Darüber freue ich mich. Das finde ich gut. Kinder leben ja von körperlicher Aktivität. Sie sind wie Duracell. Kinder brennen ja richtig dafür. Gerade aus pädagogischer und psychologischer Sicht ist der Sport auch sinnvoll. Das wäre eine wunderbare Lösung – genauso für Erwachsene. Aber ich spreche da vom reinen Trainingsbetrieb.

Die vergangene Amateurfußballspielzeit ist vielerorts abgebrochen worden. Daher gab es in vielen Ligen keine Absteiger, die jetzigen Ligen sind damit umso voller und es gibt mehr Spieltage und Englische Wochen. Jetzt müssen die Sportler wieder einen Monat pausieren, eventuell sogar länger. Macht es aus sportmedizinischer Sicht überhaupt Sinn, eine gesamte Saison durchzuspielen?

Aus trainingswissenschaftlicher Sicht macht das keinen Sinn. Die Spieler brauchen eine gewisse Regenerationszeit. Im Profibereich liegt die bei mindestens 72 Stunden. Die Spieler brauchen also drei Tage, um sich zu erholen, vor allem was die Schnelligkeit betrifft. Regeneration dient dazu, die Spieler wieder leistungsfähig zu machen. In den Englischen Wochen haben die Sportler so überhaupt keine Möglichkeit, neu zu trainieren. Sie müssen pausieren und regenerieren, um wieder der Alte zu sein. Wenn Englische Wochen häufiger vorkommen, dann kann man davon ausgehen, dass die Leistungen sinken und die Verletzungsanfälligkeit sich erhöht.

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Was bedeutet das für den Amateurbereich?

Im Amateurbereich haben die Vereine viele dieser regenerativen Maßnahmen – wie zum Beispiel eine Eistonne – nicht. Auch Ernährungspläne und Physiotherapeuten hat nicht jeder Verein. Dadurch verlängern sich die Regenerationszeiten noch einmal. Das nutzt dann weder dem Sport noch dem Menschen.

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Also raten Sie von solch einer langen Saison ab?

Ja, im Amateurbereich rate ich aus trainingswissenschaftlicher Sicht davon ab.

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