Streit um Lärm führt zu Fußballplatz-Sperrung

Komplizierter Fall

Ärger um Lärm rund um Fußballplätze gibt es überall in Dortmund. Doch nirgendwo ist dieser Streit zwischen Fußballern und Anwohnern so eskaliert wie nun in Lütgendortmund. Es geht um einen gesperrten Kunstrasenplatz, zwei Vereine, die sich zu Unrecht bestraft fühlen, und entnervte Anwohner, die eine Klage vorbereiten.

LÜTGENDORTMUND

, 02.03.2017, 05:07 Uhr / Lesedauer: 4 min
Von Evastraße sind es nur wenige Meter bis zum Sportplatz. Anwohner leben direkt am Spielfeld - und hören alles.

Von Evastraße sind es nur wenige Meter bis zum Sportplatz. Anwohner leben direkt am Spielfeld - und hören alles.

Ein lange schwelender Streit um einen Fußballplatz in Lütgendortmund ist am Wochenende eskaliert. Die Sport- und Freizeitbetriebe haben den Kunstrasenplatz an der Evastraße gesperrt. Damit trafen sie gleich zwei Vereine - die kritisieren, dass ihnen kein Grund genannt wurde.

FC Hellweg und SV Urania Lütgendortmund teilen sich den Sportplatz an der Evastraße. Am vergangenen Wochenende spielte dort jedoch keiner von beiden. „Am Freitagvormittag hat uns das Sportamt eine E-Mail geschickt“, sagt Günther Köhle, erster Vorsitzender von Urania. „Darin stand, dass der Platz am Wochenende komplett gesperrt ist.“ Ohne Begründung. Seitdem versuche er, die Zuständigen bei den Sport- und Freizeitbetrieben zu erreichen. „Wir warten noch immer auf Antwort.“

Komplizierte Situation

Schnell verbreitete sich die Nachricht über das soziale Netzwerk Facebook, und genauso schnell waren die Schuldigen gefunden: die Anwohner. Doch die Situation in Lütgendortmund ist komplizierter. Und nur auf wenige Fakten können sich die Beteiligten  – Vereine, Anwohner und Sport- und Freizeitbetriebe – einigen:

  • Seit Jahren gibt es Ärger um Lärm auf dem Sportplatz.
  • Alle Beteiligte haben oft zusammengesessen und versucht, Lösungen zu finden.
  • Der Sportplatz soll nicht geschlossen werden.

Da hört es aber dann schon auf.

Anwohner haben jedes Wochenende Lärm

„Wir haben im Moment erhebliche Probleme mit den Vereinen und der Stadt Dortmund“, sagt Anwohnerin Monika Scholz. Etwa 25 Meter liegen zwischen ihrem Haus und dem Sportplatz, dazwischen ein großer Garten, vom Esszimmer blickt man durch große Fenster direkt auf das Spielfeld. Monika Scholz prangert vor allem die Nutzungszeiten an. „Wir haben kein Wochenende für uns, von 9 bis 19 Uhr werden wir hier bespaßt.“

Das Haus, Baujahr 1953, gehörte einst ihren Schwiegereltern, ihr Mann Reinhard Scholz ist dort aufgewachsen und kann sich an den Bau des Platzes erinnern: „Da war früher eine Wiese, auf der ich immer gespielt habe.“ Seit mehr als 30 Jahren lebt die Familie dort, zog in dem Haus zwei Söhne groß, einer spielt heute noch beim FC Hellweg.

Manchmal trainieren vier Mannschaften gleichzeitig

Sie seien weder gegen den Verein noch gegen den Sportplatz. Aber seitdem Urania auch an der Evastraße spielt, hätten sie keinen Tag mehr Ruhe. „Jetzt trainieren teilweise vier Mannschaften gleichzeitig“, sagt Reinhard Scholz. „Dann sind bis zu 100 Mann auf dem Platz.“ Dazu kämen Meisterschaften, Turniere, Freundschaftsspiele – und damit Pfiffe, Rufe, Ballkontakte. „Sie können einfach nicht in den Garten gehen“, sagt auch Nachbar Gerhard Gülker.

Die Nutzungszeiten und Auflagen, die für die Vereine gelten, würden regelmäßig überschritten. Vor allem von Urania, sagt Reinhard Scholz: „Hellweg hat unser Schutzbedürfnis anerkannt.“ Die Anwohner haben sich eine Anwältin genommen. „Wir haben die Nase so voll, dass wir eine Klage anstreben.“ Die zielt auf eine möglicherweise fehlende Baugenehmigung ab.

Demo auf dem Sportplatz

Dass der Platz am Wochenende gesperrt wurde, sei jedoch nicht ihr Ziel gewesen: „Die Aggressionen gehen ja auf die Anwohner über“, sagt Monika Scholz. Dass sie wegziehen sollten, ist noch das Netteste, was Menschen auf Facebook über sie schreiben. Am Mittwoch war für 18 Uhr sogar zu einer Demo auf dem Sportplatz aufgerufen worden.

„Wir haben damit nichts zu tun“, sagt Helmut Marquardt. Er ist Hellwegs Geschäftsführer. „Die Anwohner sind alles tolle Leute, früher waren die alle Hellweger.“ Weil auf dem alten Tennenplatz immer wieder Löcher im Boden entstanden, war der Platz lange Zeit unbespielbar.

Fangnetze statt Zäune

Erst seit 2013 rollt der Ball an der Evastraße wieder. Dann kamen die Beschwerden. Für den Ärger der Anwohner habe Marquardt sogar Verständnis. Deshalb versuchten sie es mit Fangnetzen statt Zäunen, schafften Lautsprecher ab, sperrten das Kleinfeld am Wochenende, verlegten Trainingszeiten, zuletzt habe man sich auf fünf spielfreie Samstage pro Jahr geeinigt. Der vergangene Samstag habe nicht dazugehört. „Was die Sport- und Freizeitbetriebe da machen, ist nicht in Ordnung.“

Auch der Urania-Vorsitzende Günther Köhle sagt, er wisse nicht, was die Vereine falsch gemacht hätten. Es habe zwar Absprachen in Bezug auf Freundschaftsspiele gegeben, aber das gelte seines Wissens nur für die meisterschaftsfreie Zeit. Beide Vereine hatten Spiele für das vergangene Wochenende angesetzt.

"Urania hält sich wenig bis gar nicht an Vereinbarungen"

Einige Heimspiele konnten kurzfristig zu den gegnerischen Mannschaften verlegt werden, Schiedsrichter wurden umgebucht, andere Partien mussten die Lütgendortmunder absagen. „Wir versuchen ja, den Anwohnern gerecht zu werden.“ Er könne aber weder den Sportplatz noch die Häuser wegzaubern.

„Der Hauptakteur ist Urania“, sagt André Knoche von den Sport- und Freizeitbetrieben. Seit Oktober 2016 ist er Sportdirektor, das Problem sei jedoch viel älter. „Es wurden viele Vereinbarungen getroffen und immer wieder protokolliert“, sagt André Knoche. „Aber Urania hält sich wenig bis gar nicht daran.“

Partner muss verlässlich sein

Lärmbelästigung an Sportanlagen sei stadtweit ein Thema, aber eine solche Eskalation habe es an keinem anderen Standort gegeben. „In Aplerbeck ist die Wohnbebauung viel näher und die haben mehr Zuschauer, aber da funktioniert‘s.“ Warum? „Weil der Verein immer mit den Anwohnern kommuniziert.“

Von Urania habe er im Dezember das schriftliche Angebot erhalten, auf Freundschaftsspiele zu verzichten. „Das fand ich gut, das haben wir den Anliegern auch so kommuniziert.“ Doch dann hätten ihn die Anwohner auf den online einsehbaren Spielplan von Urania aufmerksam gemacht. „Wenn sich ein Partner immer wieder als nicht verlässlich herausstellt, muss das mal sein.“ Dass die Anwohner jetzt unglücklich über die Sperrung seien, dafür habe er kein Verständnis.

Irgendwie hat sich das alles hochgeschaukelt

Und wie geht es jetzt weiter? Die Anwohner wollen sich noch mal zusammensetzen und ihre Forderungen notieren. Günther Köhle sagt, er warte weiter auf eine Antwort von André Knoche. André Knoche rechnet damit, dass das Problem vor Gericht landet. Wahrscheinlich würden dann die Nutzungszeiten weiter eingeschränkt. Er sei aber weiter gesprächsbereit. Helmut Marquardt will mit einem Belegungsplan zu den Nachbarn gehen und ohne die Sport- und Freizeitbetriebe weiter nach einer Lösung suchen.

Wahrscheinlich könnten sich alle auch noch auf einen vierten Punkt einigen: Irgendwie hat sich das alles hochgeschaukelt. 

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